Schön, wenn (keine) Gäste kommen

Ungarns Cafés und Geschäfte schließen früh - aber nicht alle zur gleichen Zeit. Was Ladenschluss mit persönlicher Freiheit zu tun hat.

In Budapest sind die Briefkästen rot, die Post ist grün, und ihre Schalter schließen mitunter um halb vier - das weiß ich, seit ich letztens mit einem Umschlag unterm Arm vor verschlossener Tür stand. Leider war an jenem Tag schon Einsendeschluss für die Bewerbung, die ich abschicken wollte, also rief ich meine Freundin Orsolya an. Ihre Antwort kam prompt: "Einen 24-Stunden- Schalter der Post?! Spinnst du?!"

Orsolyas Reaktion verwundert mich nicht, schon mein erstes Wochenende in Budapest war nicht gerade erfolgreich verlaufen. Am Freitagnachmittag hatte ich meine neue Telefonnummer bekommen und wollte Visitenkarten drucken lassen: In dem Geschäft mit dem roten Stempel vor der Tür treffe ich auf einen Mann mit Mittelscheitel, sein Haar glänzt pomadig: "Gnädigste", sagt er, "natürlich machen wir Visitenkarten - aber erst wieder am Montag." Dann hält er mir die Tür auf, rät mir, gleich Montag früh wiederzukommen, das Drucken würde nur zehn Minuten dauern, und verabschiedet mich mit einem galanten "Küss die Hand". Draußen auf der Straße denke ich, wie höflich, nur - hat er nicht gerade zehn Minuten gesagt? Wäre das nicht genug Zeit für meine Karten gewesen?

Die Ungarn vergessen sicher nie, Milch zu kaufen.

Am Samstag werde ich vom "Café Parlament" weggeschickt. "Tut mir Leid, wir schließen gerade", sagt die Bedienung im schwarzen Rock mit weißer Schürze. Meine Uhr zeigt fünf. "Aha? - Könnten Sie mir Geld wechseln, ich würde gern Zigaretten . . . " - "Nehmen Sie eine von mir", sagt sie lächelnd, drückt mir eine Marlboro in die Hand und schließt die Tür.

So ging es weiter: Dienstagabend wedelt ein Kellner mit dem Geschirrtuch, als ich über die Schwelle seiner Bar komme, dann zeichnet er mit zwei Fingern ein Viereck in die Luft. Damit meint er das Schild in der Tür mit den Öffnungszeiten. Ich studiere es sorgfältig und merke, dass ich ein paar Minuten zu spät bin - und zwar, weil Dienstag ist, da schließt er seinen Laden um zehn. Mittwochs um elf, freitags um zwölf. Anfangs dachte ich, na gut - in Ungarn gibt es weltweit die meisten Nobelpreisträger pro Kopf, und hier wurde der berühmte Zauberwürfel mit den farbigen Feldern erfunden, den ich nie in die richtige Form bringen konnte. Die Ungarn sind sicher so schlau, dass sie sich tausend verschiedene Öffnungszeiten merken können. Die wachen auch nicht am Sonntagmorgen auf und haben vergessen, Milch zu kaufen.

Meine Ungarisch-Lehrerin Gabi lacht, als ich ihr von meiner Theorie erzähle. "Ich weiß nie, wann die Geschäfte geöffnet sind. Das ändert sich auch immer mal wieder. Der Gipfel ist das Lebensmittelgeschäft bei mir um die Ecke! Erst hatten die von Mittag bis Mitternacht auf, dann von fünf bis fünf, jetzt von sieben Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags."

Und der Grund dafür? Die Geschichte des Blumenladens bei mir im 5. Bezirk führt mich auf eine heiße Spur: "Das Geschäft gibt es seit 30 Jahren", erzählt mir eine Mitarbeiterin. Ganz schön lange, denke ich und wundere mich, dass es auch im Kommunismus private Läden gab. Später erfahre ich, dass die ungarischen Sozialisten in den 70er Jahren einige marktwirtschaftliche Elemente einführten. Sie erlaubten, Obst und Gemüse anzubauen und zu verkaufen und kleinere Dienstleistungen anzubieten. Überall eröffneten Restaurants und kleine Geschäfte, wie der Blumenladen. Westjournalisten nannten das damals "Gulaschkommunismus".

Kleine Inseln der Freiheit in einem Meer aus Planwirtschaft

So hatten die Ungarn die Möglichkeit, ein paar Groschen dazuzuverdienen, und vor allem hatten sie plötzlich etwas Eigenes - einen Besitz, über den sie selbst bestimmen konnten. Kleine Inseln der Freiheit in einem Meer aus Planwirtschaft und Gleichschaltung. Dabei war es ihnen sogar egal, dass sie mit ihren Restaurants und Läden lächerlich wenig Geld machten.

"Dass ich hier mein eigener Herr bin, ist das Beste überhaupt", erklärt mir der Mann im Kiosk bei mir um die Ecke noch heute. Die ganze Straße hinunter finden sich eigene Herren dieser Art, zumindest die Öffnungszeiten zeugen von ausgeprägtem Selbstbestimmungswillen: Der DVD-Shop schließt freitags um zwei, das Schreibwarengeschäft um drei, das für Fotos um fünf, der Sandwichladen um vier. Dabei gibt es in Ungarn weder ein Ladenschlussgesetz noch eine Sperrstunde. Die Restaurant-, Caféoder Kioskbesitzer bestimmen ihre Öffnungszeiten selbst, lassen sie auf ein Schild drucken und an die Tür hängen. Damit schaffen sie ihre eigenen Gesetze. Wer kurz vor Ladenschluss kommt, stört gerade beim Fegen, wer zu früh auftaucht, beim Aufsperren, und manchmal habe ich das Gefühl, man stört auch einfach so. Nach dem Motto: Schön, wenn Kunden kommen, noch schöner, wenn sie nicht kommen.

Text: Hindeja Farah Fotos: iStockphoto
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