Die Affäre, die keinen Sex braucht

Das Leben in den USA ist manchmal anders. Die Affäre ist in Amerika beispielsweise ein dehnbarer Begriff. Manchmal gehört Sex dazu - aber längst nicht immer. BRIGITTE WOMAN-Mitarbeiterin Susanne Weingarten ist immer wieder erstaunt.

David hat eine Affäre!

Vor einem Vierteljahr ruft meine Freundin Beth an und erzählt mit tränenerstickter Stimme: "David hat eine Affäre." Da ich ihren Gatten kenne, fällt es mir schwer, das zu glauben. Er ist einer jener Männer, die in ihrem vorherigen Leben höchstwahrscheinlich als Rettungsbernhardiner Dienst getan haben - ein bisschen schwerfällig, aber anhänglich, gutwillig und auf alle Fälle treu.

Beim Umzug geholfen

"Eine Affäre? Dein David? Bist du sicher?", frage ich Beth. "Ja", schluchzt Beth, "er hat es zugegeben." Nach und nach entlocke ich ihr, dass David einer langjährigen Kollegin, die gerade in Scheidung lebt, beim Umzug in ihre neue Wohnung geholfen hat. Er hat ihr Bett und Regale zusammengebaut, die Dusche repariert, ein paarmal bei ihr gegessen – und Beth nicht gleich davon erzählt. "Hat er mit ihr geschlafen?", frage ich. "Natürlich nicht!", sagt Beth so aufgebracht, als hätte ich gerade sie des Ehebruchs bezichtigt. - "Und auch nicht mit ihr, na ja, rumgeschmust?" – "Nein", sagt Beth, "es war nichts Sexuelles. Es war eine Gefühlsaffäre."

Leben in den USA bedeutet, dass Affären immer möglich sind

Aha. Ich hätte eigentlich wissen können, dass "Affäre" in den USA ein ausgesprochen dehnbarer Begriff ist. So dehnbar, dass im Grunde alles eine Affäre sein kann, was der sich betrogen fühlende Partner dazu erklärt. Und ebenso individuell auslegbar wie das Wort Sex.

Vertrauen kann man sehr leicht verlieren.

Bill Clinton hatte ja Ende der 90er Jahre aufrichtig beteuert, dass er die außerehelichen Blowjobs, die er sich im Weißen Haus gegönnt hatte, keinesfalls für Sex hielt. Ob das die Nation so traumatisiert hat, dass inzwischen Sex nicht mehr das alleinige Kriterium für eheliche Untreue ist? Nicht mehr Begehren, sondern jeder Akt der Vertrautheit kann einen Vertrauensbruch und "Verrat an der Intimität" eines Paares darstellen, wie Beth mir erklärt. Da reicht schon eine heimlich reparierte Dusche. Die Logik dahinter ist so einfach wie infam: Wenn Beth findet, dass David sie hintergangen hat, dann hat er sie hintergangen, denn Beth leidet ja schließlich, oder?

Das Opfer hat immer recht im amerikanischen Krieg der Paare. Der arme David, denke ich. Denn jetzt steht ihm aller Voraussicht nach eine monatelange Tortur bevor. Wo ein Opfer ist, muss auch ein Täter sein, und ein fremdgehender Ehepartner kann in den USA damit rechnen, für seine Affäre abgestraft zu werden wie ein Schwerverbrecher - da brechen die puritanisch-prüden Wurzeln dieses Volkes mit ungehemmter Entrüstungskraft durch.

Gefühlsaffäre muss zum Eheberater

Eine Woche später ruft Beth wieder an. "Ich lasse mich scheiden", heult sie. Wegen eines Duschkopfs?, will ich fragen, verkneife mir aber gerade noch diesen zutiefst europäischen Pragmatismus. Der würde jetzt nicht gut ankommen. David, so stellt sich heraus, bekundet keine ausreichende Reue und lehnt es schlicht ab, seine Gefühlsaffäre zum Eheberater zu tragen. Er habe Beth doch von seinen Hilfsdiensten berichtet, wo also liege der Vertrauensbruch?

Vorstellung von vollkommender Ehrlichkeit

Das wiederum deutet Beth, die inzwischen ein halbes Dutzend Handbücher zum Thema "Wie meine Ehe eine Affäre überlebt" im Internet bestellt hat, als Weigerung, ihr "Partner im Heilungsprozess" zu sein. Wer denkt sich bloß solche Floskeln aus? Natürlich dieselben Experten, die Amerika davon überzeugt haben, dass eine Ehe nur mit vollkommener Ehrlichkeit funktionieren kann. Und dass eine Affäre immer das Symptom einer tiefer liegenden Beziehungskrise ist. Und dass nur eines hilft, diese Krise zu bewältigen und die Scheidung abzuwenden: darüber zu reden. Alles aussprechen, alles aufs Tapet bringen, alles gestehen - und das natürlich unter der Aufsicht besagter Experten, die mehrere hundert Dollar pro Sitzung verlangen.

Das gefundene Fressen für die Psychokultur.

Mit ihrer unwiderstehlichen Mixtur aus Sex, Drama und Trauma sind Affären das gefundene Fressen für die US-Psychokultur. Selbst die Clintons haben nach der Sache mit der Praktikantin ein Jahr zusammen in Therapie verbracht.

Ich habe ja eher die Erfahrung gemacht, dass es einer Beziehung besser tut, einen auswärtigen Quickie tunlichst zu verschweigen, aber ich bin auch keine Psychotherapeutin. Oder Amerikanerin. Wer weiß, welche unverarbeiteten Vertrauensbrüche ich mit mir herumschleppe? Vielleicht hat mich mein Vater nie geliebt? Oder mein Teddy hat mich zu früh verlassen?

Fragenkatalog zum Ehebruch

Mit ihrer Scheidungsdrohung kriegt Beth ihren David doch zu einer Eheberaterin. "Sie sagt, ich dürfe so lange nach Einzelheiten fragen, bis ich den Schock überwunden habe", berichtet Beth nach der ersten Sitzung. Um Beth auf die Sprünge zu helfen, hat die Eheberaterin ihr einen Fragenkatalog mitgegeben: Wo hast du die andere getroffen? Wie oft? Hast du dabei an mich gedacht? Hattest du Schuldgefühle? Was hast du über unsere Ehe ausgeplaudert? Und natürlich der Klassiker: Was hat sie, was ich nicht habe? David hingegen musste einen feierlich formulierten Vertrag unterschreiben, in dem er sich von nun an zu ewiger Treue verpflichtet.

Verarbeitung dauert länger als die Affäre

Ich kann mir nicht helfen: Mich erinnert dieses Affärenbewältigungssystem an eine Hexenjagd, nur dass Daumenschrauben und Streckbett durch hunderte von Therapiestunden ersetzt werden. Im Regelfall brauchen amerikanische Paare zum Verarbeiten einer Affäre ungleich länger, als sie gedauert hat - man gewinnt gelegentlich den Eindruck, ihre Schuld-und-Sühne-Nummer sei das Einzige, was die Betreffenden überhaupt noch verbindet. Neulich rief mich David an. Er liebe Beth ja wirklich, sagte er, und er habe auch volles Verständnis für ihre Enttäuschung. Aber inzwischen denke er doch wirklich über eine Scheidung nach.

Text: Susanne Weingarten Foto: Getty Images
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