Feiern in Südschweden

Jetzt beginnt der Sommer! Mit Singen, Tanzen und viel guter Laune. BRIGITTE WOMAN-Mitarbeiterin Cornelia Gerlach feierte "Mittsommer" auf einer kleinen Insel an der Westküste Schwedens.

Auf einer frisch gemähten Wiese steht der Maibaum, mit Laub umwunden, mit Kornblumen und Margeriten hellblau-weiß gepunktet. Aus allen Richtungen kommen die Familien aus den Sommerhäusern. Man begrüßt sich herzlich. Die meisten haben sich schon lange nicht mehr gesehen, den ganzen Winter nicht. Aber das wird sich heute ändern.

Alle sind da. Der pensionierte Staatsanwalt und die Enkelin des Fischers, die Stöckelschuhträgerin und der Barfußläufer. Sie fassen sich an den Händen, tanzen im Kreis und singen. Die kleinen Kinder haben sich wie Bären auf den Boden gerollt und tun so, als würden sie schlafen. Die anderen tanzen neckend um sie herum: "Die Bären, die Bären, die schlafen ja so fest, dass sie ganz harmlos sind." Da plötzlich wachen die Bären auf und flitzen auf die Tanzenden zu. Sie wollen sie fangen. Alle rennen, Junge und Alte purzeln juchzend durchs Gras. "Was ist Sommer für dich?", frage ich einen. Er sagt: "Die Zeit, in der jeder ein bisschen Kind ist."

Es ist Mittsommer in Schweden. Genauer: an der Westküste, in der Region Bohuslän nördlich von Göteborg. Dort, wo die Landschaft, je weiter man nach Westen fährt, immer karger wird und sich das Leben reduziert auf das, was wesentlich ist: der Sommer, bei sich sein, bei den Lieben sein. Die Schweden sind darin Experten. Weil der Sommer hier nur acht Wochen dauert. Und der Winter lang und so dunkel ist.

Vor ein paar Tagen sind wir in Göteborg losgefahren. Da spielte das Leben der Schweden noch in den Städten. Wir sahen die Straßencafés mit den Kinderwagen schaukelnden Müttern, die Geschäftsleute und die schicken Büros, die vielen Boutiquen in den Gassen von Haga und das Kaufhaus der Nordiska Kompaniet mit skandinavischen Designer-Marken, die knallblauen Straßenbahnen, die exzentrische Oper direkt am Hafen, die Museen. Doch kurz darauf begann der Sommer, und das sollte gefeiert werden.

Dann geht es aufs Land. Ins Ferienhaus. Aufs Boot. An die Küsten, in die Wälder, in die Dörfer, an die Seen. Eine Karawane zog hinaus aus der Stadt. Wir sind ihr gefolgt, mit dem Auto nordwärts über die sanften Hügel gefahren und nach Bohuslän gekommen, in eine Sommer- Landschaft mit kleinen roten Häusern, grauen Buckeln aus Fels und saftigen Wiesen, wo Pferde weiden, Lämmer tollen und blonde Kinder barfuß durchs Gras rennen. Das Schweden-Bild, das wir im Kopf haben, wird hier voll bestätigt.

Der uralte Granit, die zeitlosen Bilder geben das Gefühl, dass dies immer schon so war. Und das stimmt. Hier an der Westküste haben schon vor 3000 Jahren Menschen gelebt, sie haben den Sommer geliebt und Zeugnis davon hinterlassen. In Tanumshede treffen wir Jeanette Holmén, eine junge Frau, die sich für die Vorgeschichte der Region interessiert. In knallrosa Espadrilles steht sie auf nacktem Stein. Sie lenkt unsere Blicke auf die Felsen zu unseren Füßen. Der Granit ist graviert, wie mit Graffiti überzogen, mit vielen Bildchen. Schiffen, voll beladen. Pferden. Männern mit Speeren. Und einer Sonne wie ein Feuerball, den zwei Frauen mit langen, wehenden Zöpfen in ihren Händen tragen.

Die Felszeichnungen gehören mittlerweile zum Weltkulturerbe. Sie stammen aus der Bronzezeit. Damals war es hier so warm wie heute in Südfrankreich, man hat sogar Reste von Schildkröten gefunden. Aber der Winter war auch damals lang. Die Felszeichnungen sind nach der Sonne ausgerichtet. Besonders schön sind sie am Morgen und Abend. "Dann saßen die Menschen hier, und je tiefer die Sonne stand, desto mehr begannen die Bilder zu leuchten", erzählt Jeanette. Man weiß nicht viel über die Gedankenwelt dieser Menschen. Es gab keine Schrift, nur die Reste von Dingen aus dem Alltag geben Aufschluss. Aber so viel ist klar: "Die Menschen haben alles getan, um die Sonne glücklich zu machen, damit sie am Ende des Winters zurückkommt. Und wenn sie dann kam, dann hat man gefeiert."

So wie heute zu "Midsommar". Das ist ein Fest für Familie und Freunde. Wer Tourist ist und niemanden kennt, kann leicht außen vor sein, hatten uns Freunde vorher erklärt. Nur der Tanz um den Maibaum ist öffentlich, Sache des ganzen Dorfes und seiner Gäste. Der Rest ist privat. "Am besten lernt ihr jemanden kennen, der euch zu sich nach Hause mitnimmt", hatten unsere schwedenkundigen Freunde geraten.

Wie wir das geschafft haben? Mit Glück. Von Tanumshede aus sind wir weitergefahren, westwärts. Es ging ganz sanft abwärts, bis die Täler erst zu Seen werden, dann zu Buchten, wo das Meer sich bis tief ins Land schiebt; durch kleine Fischerorte - Grebbestad, Fjällbacka, Mollösund, Fiskebäckskil -, wo von einem Tag auf den anderen die Cafés und Restaurants aufmachen und die blaugelben Fahnen über den Ferienhäusern wehen als Zeichen, dass hier wieder was los ist.

Bei einem Bäcker in einem dieser kleinen Orte kaufen wir Erdbeertorte, für mich mit das Schönste am Sommer. Mit einer jungen Frau kommen wir ins Gespräch. "Was ist Sommer für dich, Sarah?", fragen wir sie. "Das kann man nicht erzählen, das muss man erleben. Besorgt euch ein Boot", sagt sie, "und kommt mit auf unsere Insel. Da könnt ihr sehen, wie wir feiern."

Los geht's. Übers Wasser. Rechts eine Insel, links eine Insel, alles Granit, rundgeschrubbte Felsen, auf den ersten Blick sieht alles gleich aus. Wir versuchen, uns die Konturen einzuprägen, damit wir später auch den Rückweg finden. Einzelne Häuser sind an den Stein gekauert: ein Verladeplatz mit einem rostigen Kran, ein Ferienhaus mit wehenden Fahnen, Fischerbuden. Da, wo eine grüne Stange aus dem Wasser aufragt, biegt Sarah rechts ab und verschwindet in einer schmalen Durchfahrt. Wir hinterher. Und dann sind wir da, landen in einer wunderbar geschützten Bucht. Sarahs Bruder Erik winkt uns an einen Steg, bindet das Boot fest. Kerstin, Sarahs Mutter, heißt uns willkommen.

Was ist Sommer für dich, Kerstin? "Dass die Kinder ihre Freunde in unser Ferienhaus mitbringen und jeder tut, was ihm gefällt." Und: "Die Familie gehört zum Sommerglück dazu", sagt sie.

In der Fischerbude, die zum Ferienhaus der Familie gehört, ist das Mittagessen angerichtet: mit Hering, saurer Sahne und Kartoffeln, dem klassischen Mittsommer- Gericht. Die Tafel ist schlicht: ein Türblatt, auf zwei Böcke gelegt, eingedeckt und mit Blumen geschmückt - und drum herum Schwimmwesten und Elektrosäge, Minicomputer und Badehandtuch. Man macht hier keine großen Umstände. Was zählt, ist das Vergnügen.

Thomas, Sarahs Vater, ist im Alltag Computerspezialist, ein viel beschäftigter Mann. Jetzt thront er am Kopfende der Tafel. Neben ihm steht ein Korb mit Flaschen - Schnaps in diversen Variationen, mit Kräutern, Wermut, Beerenauszügen. Er füllt die Gläser, lehnt sich vergnügt zurück. "Lasst uns singen!" Und fängt mit seiner tiefen Stimme an. "Helan går", das Sauflied für den ersten Schnaps, sinngemäß: "Trinkt den ersten auf ex und singt dabei lustige Lieder - und nur wer den ersten schafft, wird auch den zweiten kriegen." Alle stimmen ein, erst zaghaft, dann kräftig. Und hoch das Glas, die Arme angewinkelt. Der Alkohol ist in dieser Runde nicht wichtig. Das Singen dagegen schon.

Links: Hummer-Fischer Staffan Greby aus Grebbestad hat auch frei, die Fangsaison beginnt erst wieder im Herbst. Rechts: Im "Bryggan" in Fjällbacka treffen sich die Inselbewohner zum Feiern

Mittsommer ist der Auftakt, das Zeichen für alle, dass jetzt der Sommer da ist. Viele Schweden müssen nach dem Fest noch einmal in die Stadt, weiterhin Geld verdienen, bis die Urlaubssaison anfängt. Angestellten stehen vier Wochen Urlaub zwischen Anfang Juli und Ende August zu - in einem Stück. Die Städte sterben dann aus, sogar angesagte Szenekneipen und Boutiquen machen dicht, "sommarstängt". Das Leben geht in den Abschalt-Modus. Wir auch.

Wir fahren weiter, mit dem Auto südwärts ins Seebad Marstrand und von dort mit einem Schiff noch viel weiter hinaus aufs Meer, und je weiter wir fahren, desto karger werden die Inseln. Die ersten haben noch Bäume, die nächsten nur Büsche, und ganz draußen im Westen ist eigentlich bloß Fels, in den der Frost Spalten gesprengt hat, in die sich Blumen und Flechten ducken.

Die äußerste Insel ist Hamneskär, ein Felsen, winzig wie ein Möwenschiss im Meer. Darauf steht ein knallroter gusseiserner Leuchtturm. Er heißt Pater Noster, sein verlässlicher Strahl hat schon viele Seeleute gerettet. Carl Johann Swedman, ein Austernzüchter, hat in den Leuchtturmwärterhäuschen ein kleines, feines Hotel eingerichtet. Am Abend serviert er mit einem breiten Grinsen Jakobsmuscheln mit Seetangvinaigrette und einem Hauch von Kaviar. Nach dem Essen setze ich mich nach draußen, in den Windschatten der Nebelsignalstation auf ein Polster aus Strandnelken und fetter Henne. Langsam, ganz langsam senkt sich die Dämmerung. Erst nach anderthalb Stunden ist es fast dunkel, aber der Horizont, der feine Strich, der Himmel und Meer trennt, bleibt auch dann noch zu sehen. Die Abenddämmerung geht hier einfach in die Morgendämmerung über.

Gegen vier Uhr ist die Sonne zurück. Eine Heringsmöwe fliegt auf. Kao, kao, kao schreit sie dem Feuerball entgegen. Es ist alles entzündet. Der Himmel. Die Felsen. Die Leuchtturmwärterinsel. Das Meer, das eben noch silbern glänzte, schimmert blutrot. Nach dem Frühstück bringt Karl Johann uns mit dem Speedboot zurück nach Marstrand. Übermütig tanzen wir mit den Wellen. Unglaublich, dass man so munter sein kann, obwohl die letzte Nacht doch so kurz war. "Genieß es", sagt Karl Johann zum Abschied, "und denk daran, wie die Bären es machen. Die schlafen im Sommer so gut wie gar nicht."

Reise-Info Schweden

So weit, so schön: Blick vom Leuchtturm auf Hamneskär auf eine zauberhafte Inselwelt

HINKOMMEN Sehr entspannt mit Stena Line von Kiel nach Göteborg. Man fährt um 19 Uhr ab und kommt nach einem üppigen Frühstück um 9 Uhr an. Hin- und Rückfahrt in der Zwei-Bett-Innenkabine inkl. Frühstück ca. 520 Euro, Tel. 018 05/91 66 66 (14 Cent/Min.), www.stenaline.de.

RUMKOMMEN Am besten mit dem Auto, z. B. mit einem Mietwagen, ab Göteborg eine Woche ca. 300 Euro, www.europcar.de, Tel. 01 80/580 00 (14 Cent/Min.).

UNTERKOMMEN "Prästgårdens Pensionat". Das Pfarrhaus von 1893 ist nostalgisch renoviert, auch Platz für große Familien. DZ ab 75 Euro (c/o Anette Nyberg, Tångehöjdsvägen 31, 47470 Mollösund, Tel. 00 46/304/210 58, www.prastgardens.se). Frühstück z. B. im "Café Emma" direkt am Hafen (Tel. 00 46/304/211 75). - "Gullmarsstrand Hotell". Designhotel mit Sauna und Blick über die Schären, die im Abendlicht hier außerirdisch wirken. DZ/F ab 160 Euro (Gullmarsstrand, 45034 Fiskebäck skil, Tel. 00 46/523/66 77 88, Fax 22805, www.gullmarsstrand.se). - "Bryggan i Fjällbacka". Rote Holzhäuser direkt am Hafen mit hellen Zimmern und einem der besten Restaurants der Gegend. DZ/F ab 155 Euro (Ingrid Bergmans Torg, 45071 Fjällbacka, Tel. 00 46/525/ 310 60, www.brygganfjallbacka.se). - "Kurs Pater Noster". Die alten Leuchtturmwärterhäuschen auf der kleinen Insel Hamneskär hat ein Austernzüchter in ein Kleinod verwandelt. DZ/F ab 546 Euro, inkl. Über fahrt, Champagner zum Sonnenuntergang auf dem Leuchtturm und Meeresfrüchte-Buffet; Tagesausflug mit Überfahrt und Krabbenbrot 55 Euro (Kurs Marine, Mjölkekilsgatan 4, 44030 Marstrand, Tel. 00 46/303/618 45, www.kurspaternoster.se).

PAUSCHAL Findarius bietet eine viertägige geführte Reise nach Göteborg und in die Schären an. Inklusive Übernachtung und Vollpension in hochklassigen Hotels und Restaurants ab 1290 Euro. Anreise extra (Tel. 089/79 35 58 22, Fax 79 36 04 08, www.findarius.de).

ANSEHEN Vitlycke-Museum. Die Felszeichnungen von Tanums hede entführen in eine Welt lange vor unserer Zeit (Vitlycke 2, Tel. 00 46/525/209 50, www.vitlyckemuseum.se). - Nordiska Akvarell museet. Ein internationales Zentrum für Kunstwerke aus Wasser, Pigment und Licht in Skärhamn (Södra hamnen 6, Tel. 00 46/304/60 00 80, www.akvarellmuseet.org).

LESEN Gebrauchsanweisung für Schweden. Antje Rávic Strubel führt unterhaltsam in die Landessitten ein (230 S., 14,95 Euro, Piper Verlag).

INFO Visit Schweden, Michaelisstr. 22, 20459 Hamburg, Info-Hotline 069/ 22 22 34 96, www.visitsweden.com

Text: Cornelia Gerlach Fotos: Julia Beier
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