Ein Umweltbewusstsein mit Stil

Paris und öko? Mais oui. Das gehört jetzt auch für die Franzosen zusammen. Aber in Paris, wo BRIGITTE Woman-Autorin Barbara Markert seit fünf Jahren wohnt, geht es nicht nur um Ökö. Es geht auch um Stil.

Du bist mit dem Rad gekommen?

Noch vor wenigen Jahren genügte allein das Wort Fahrrad, um die lustige Runde, die meine Freundin Annemarie zum Sonntagstee in ihre Wohnung im schicken 16. Arrondissement eingeladen hatte, in Erstaunen zu versetzen. "Du bist mit dem Rad gekommen? Bist du lebensmüde?"

Ich nickte, die anderen blickten erschrocken und hielten mich für eine Abenteurerin, die sich zwischen Citroëns, Lieferwagen und Bussen furchtlos ihren Weg durch den Großstadtdschungel bahnt. Kurzum: Ich war eine Heldin.

Erstes Umdenken

Bis zum Sommer 2007. Da installierte die Stadtverwaltung das Leihfahrrad-System Vélib, um die Luftverschmutzung in der City zu verringern und den Einwohnern für Kurzstrecken ein alternatives Transportmittel anzubieten.

In den ersten Wochen musste sich Bürgermeister Bertrand Delanoë bitterböse Häme gefallen lassen à la: "Pariser auf dem Fahrrad – was für eine Schnapsidee!" Doch sehr schnell verstummten die ironischen Stimmen, denn Vélib schlug ein wie eine Bombe.

Halb Paris schwang sich auf den Leihsattel und war entzückt von der völlig ungewohnten Schnelligkeit, mit der man dank Nichtbeachtung von Verkehrsregeln plötzlich durch die Stadt kam. Die Euphorie über den Öko-Drahtsessel hatte zudem einen sehr erwünschten Nebeneffekt: Von einem Tag auf den anderen wurde Umweltbewusstsein in der Hauptstadt très chic.

In Paris ist öko plötzlich schick

Und weil alles, was die Pariser schick finden, wenig später auf ganz Frank reich überschwappt, ging alsbald ein Bio-Ruck durchs Land.

Heute gibt es keine Trend- Zeitschrift, die nicht regelmäßig über neue ökologische Produkte berichtet. Biorestaurants sprießen aus dem Boden wie Pilze nach einem Sommerregen.

Ökomode kommt zu den Prêt-à-porter.

Auf der Prêt-à-porter-Messe gibt es eigene Hallen für schicke Ökomode. Im Businessviertel La Defense, vor den Toren der Stadt, gewann den heiß umkämpften Hochhaus- Wettbewerb um den Tour Phare nicht der architektonisch schönste Entwurf, sondern das Modell, das durch seine Energiebilanz überzeugte. Und die limitierte Edition des Baumwollbeutels "I’m not a plastic bag", den die Designerin Anya Hindmarch entworfen hatte, avancierte zum Kultobjekt und war innerhalb von einem Tag im angesagten Trendshop Colette ausverkauft.

Ich habe nicht mal den Versuch unternommen, eines der seltenen Exemplare zu ergattern. Warum auch, schließlich liegen noch drei Jutetaschen zu Hause, die ich vor fünf Jahren bei meinem Umzug aus Deutschland mitgebracht habe.

Zusammen mit meinen Energiesparlampen, dem Fahrrad, den Akku-Batterien und der Waschmaschine mit Sparprogramm, für die mein französischer Freund Rémy wenig Verständnis hat.

Beziehungsstress durch Öko-Gewohnheiten

Anfangs kam es zwischen uns immer wieder zu Beziehungskrisen: Ihn nervt, dass ich ständig die Lichter ausknipse, wenn ich den Raum verlasse, oder den Standby- Modus meines Fernsehers nicht nutze. Das sei doch so praktisch.

Die größten Diskussionen haben wir aber im Supermarkt. Rémy greift immer zu den aufwändig und meist doppelt verpackten Produkten – selbst wenn es die auch lose oder zumindest schlicht verpackt gibt. Seine Begründung: "Das ist besser!" Dieses Verhalten ist normal. Französisch eben!

Wenn öko, dann bitte nobel

Mit dem Aufkommen des Vélib-bedingten Öko-Trends erhoffte ich mir allerdings ein Umdenken. Bei Rémy und all unseren Freunden. Das kam auch – bloß anders als erwartet. Denn der Pariser an sich ist der Überzeugung: Wenn schon umweltbewusst, dann bitte mit Stil! Man isst nicht einfach nur ein Biosteak, sondern muss ins nobelste Biorestaurant der Stadt. Ökobaumwolle allein reicht auch nicht, was zählt, ist das coolste Bio-T-Shirt-Label.

Auch der Smalltalk beim Abendessen mit Gilles, Julien, Anne und Claire, allesamt bestens ausgebildete Absolventen von Grandes Écoles mit hochdotierten Führungsjobs, hat sich vollständig gewandelt. Zum Entree plaudern wir über die Nachhaltigkeit von Luxusprodukten französischer Traditionsfirmen wie Dior, Godard, Hermès.

Den Hauptgang bestimmt eine Diskussion um den Schaden, der durch Rinderhaltung von Fastfood-Ketten verursacht wird. Alle sind sich schnell einig, dass es sowieso viel besser sei, das Fleisch beim – vom Gourmet- Führer ausgezeichneten – Ökometzger zu kaufen. Es folgt der Austausch guter Feinkostadressen für Bioprodukte zum Dessert, und als Krönung des Diners outet sich Julien beim Kaffee: "Hört mal, wir haben unser Auto verkauft. Wir fahren jetzt Fahrrad. Vélib!"

Stilvolle Öko-Lebensart kostet Geld.

In Paris gibt es für diese Menschen bereits eine eigene Bezeichnung. Sie heißen Vélibobos, was ungefähr so viel bedeutet wie "Rad fahrende Kreative, Szene-People und Intellektuelle mit guten Jobs und dicken Gehältern". Das hohe Einkommen ist dabei ein wichtiger Aspekt, denn ihre stilvolle Öko-Lebensart kostet Geld. Der Verzehr von Biofleisch, der Kauf von nachhaltigen Hermès-Produkten oder der Urlaub in naturnahen Design-Gästehäusern lässt die sowieso schon extrem hohen Lebenshaltungskosten in Paris noch weiter nach oben schnellen. Ich selbst komme da nicht mehr mit.

Wie lange hält der Trend?

Ja, noch schlimmer: Der Trend hat mich ungewollt zum Outsider in Sachen Umweltbewusstsein erklärt. Denn "être écolo" hat in Paris rein gar nichts mit dem Ausknipsen von Lampen oder dem Zudrehen von Wasserhähnen zu tun. Eine Heldin des Transports bin ich auch nicht mehr, denn nun fahren ja alle Fahrrad. Es bleibt die Frage, wie lange sich der Trend wohl hält. Bis zum nächsten Kälteeinbruch? Die rund sechs Monate, die ein neues Restaurant à la mode ist? Oder wirklich doch noch eine ganze Saison länger?

Text: Barbara Markert Foto: Getty Images
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