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Ein Märchenland auf dem Sprung


Bei der Rundreise durch Oman zeigt das Land seine vielen Gesichter: Dünen aus rotem Sand, wundersame Felswüsten, Wadis mit tropischen Vögeln und Duftwolken von Weihrauch. Es ist ein Zauber, der über Arabiens Süden liegt.

Die Rundreise durch Oman beginnt mit einer Henna-Künstlerin...

Eine Blume, Blätter, Knospen wie Tränen, dick aufgetragen oder hauchdünn. Blüten, die sich zu Ranken verbinden, Blütenstaub hineingetupft. So malt Sumya das Henna, filigran, schwungvoll und voller Fantasie. Jede Frau im Hafenviertel von Maskat kennt sie, weil Henna der schönste Schmuck einer omanischen Frau ist und Sumya, 22, seine beste Künstlerin. Sie wohnt am Hinterausgang des Mutrah Souk, ihr Zimmer teilt sie mit den jungen Frauen der Familie. Fliesen auf dem Boden, arabische Motive darauf, keine Fenster, Neonröhren unter der Decke. An der Wand zwei Matratzen, die eine ist das Bett ihrer Schwester, die andere das ihrer schwangeren Schwägerin, die jetzt ihren Gebetsteppich ausrollt und murmelnd ihr Abendgebet spricht.

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Der Raum ist kalt wie das Licht. Aber dann beginnt Sumya zu malen. Ich habe das Henna bei vielen Frauen bewundert, aber nie gesehen, wie es aufgetragen wird. Henna passiert im Verborgenen, gutes Henna ist keine Dienstleistung, es ist etwas Persönliches, etwas, das wächst mit der Zeit. Deshalb bin ich zu Sumya gegangen, weil sie sich die Zeit nimmt.

Sie fasst meine Hand, streicht über die helle Haut, als brauche Henna zur Vorbereitung Intimität. Sie schaut genau, schweigt dabei, dann schneidet sie die Spitze von der blauen Spritztüte und beginnt unterhalb des Zeigefingers. Wir können nicht miteinander reden, Sumya kann kein Englisch, und Ibrahim, unser Guide und Übersetzer, darf den Raum der Frauen nicht betreten.

Das Henna brennt, als es einzieht, nach einer Stunde kratzt Sumya die grünen, kalten Fäden mit einer Schere herunter, reibt Vaseline in die Haut, meine Hände sehen fremd aus, aber die Zeichnungen sind wunderschön. Ich danke Sumya, da greift sie schon die nächste Tüte mit Henna und beginnt, mit der rechten ihre linke Hand zu bemalen.

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Maskat ist die wahrscheinlich sauberste Stadt der Welt. Schmutzige Autos zu fahren, Kippen wegzuwerfen - alles verboten, bei 500 Euro Strafe, mindestens. Der Oman ist ein Sultanat, und der Sultan verabscheut das Chaos. Sogar die Altstadt wurde weggeräumt, statt Verfall gibt es leuchtende Wasserspiele und polierte Promenaden, auf denen Frauen einen Abendspaziergang machen, ohne ihre Gesichter zu verschleiern. Wir sehen den Liebespaaren zu, die Hand in Hand gehen, auf dem Land wäre das undenkbar. Auf seine geordnete Weise ist Maskat fast zügellos. Es gibt Bars, in denen man ein Bier bekommt, und Luxushotels, deren Weitläufigkeit schon Diskretion garantiert. Es gibt Frauen in schwarzen Gewändern, den Abayas, mit Laptop unterm Arm. Und an der Universität regelt eine Männer-Quote die Chancengleichheit.

Ist das der Alltag im Oman, die arabische Moderne: erfolgreiche Frauen, die die Männer abhängen? Geschieht dieser Wandel im Einklang mit Tradition und Glauben - oder beidem zum Trotz? Wir fragen Ibrahim, er sagt: "Fragt die Frauen doch selbst." Und lässt seine Kontakte spielen.

... führt zu einer neuen Generation Frauen

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"Wir sind eine neue Generation Frauen", sagt Noor Hussain Al-Moosa, 34, Bank-Managerin. "Wir wurden unabhängig erzogen, haben gelernt, uns was zuzutrauen." Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder, eine üppige Frau, die ihre Antworten hervorschießt, so, als gäbe es in ihrem Leben nichts mehr zu überdenken.

Noor Hussain Al-Moosa lebt im Botschafts- und Villenviertel Qurum, das noch ein bisschen gepflegter ist als der Rest von Maskat. Wir treffen sie während ihrer Mittagspause im Haus ihrer Tante, praktisch für sie, es liegt in der Nähe der Bank. Das Wohnzimmer sieht aus wie eine Ausstellungsfläche für arabischen Kitsch, Püppchen in Rüschenkleidern stehen da, Kunstblumen und Familienbilder in üppigen Rahmen.

Wir sinken tief in die Polstermöbel, und Noor Hussain Al-Moosa erzählt von dem Team, das sie leitet, die meisten Männer, alle älter als sie. "Es ist ganz einfach", sagt sie. "Man muss nur jedem das Gefühl geben, dass man seine Ideen ernst nimmt." Probleme? Keine. "Die Gleichberechtigung ist hier die Folge des Aufschwungs: Das Leben im Oman ist teuer, jeder will immer mehr besitzen. Das ist unser Glück. Die Männer wollen Ehefrauen, die Geld verdienen, zwei Gehälter sind in jeder Familie willkommen", sagt sie. "Wir Frauen planen unsere Karriere genau, wir kriegen unsere Kinder nicht vor 27, 28. Und es sind unsere Väter, die uns ermutigen, einen Beruf zu lernen. Ich glaube keiner Frau mehr, dass sie sich von ihrem Vater in eine Ehe zwingen lässt."

Sie schlägt die Beine übereinander, schaut uns gerade an, "noch Fragen?", zückt dann ihre Karte, Händedruck. Sie stutzt, betrachtet meine Hand genau. "Beautiful henna", sagt sie und lächelt anerkennend.

... zu einer widersprüchlichen Geschichte

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Manches scheint widersprüchlich in diesem Land, noch unbalanciert, jedenfalls, wenn man mit westlichen Augen schaut. Bis 1970 lag der Oman wie im Mittelalter, es gab kaum Straßen, Schulen, Krankenhäuser. Clan-Konflikte regelte man mit dem Gewehr. Und innerhalb von nicht mal 40 Jahren ist der Oman zum arabischen Vorzeigeland geworden, unablässig im Aufschwung. Bildung und medizinische Versorgung sind kostenlos, kein Omaner zahlt Steuern. Andererseits gibt es keine Parteien oder Gewerkschaften, was vor allem die nahezu rechtlosen Gastarbeiter aus Indien und Pakistan spüren, jeder fünfte der 2,8 Millionen Einwohner kommt aus dem Ausland. Dass der Oman als sicher gilt, nahezu frei ist von Fanatismus und Kriminalität, liegt vor allem an seinem riesigen, wachsamen Beamtenapparat.

Über allem wacht der Sultan, er gilt als maßvoll, planvoll, die Öl-Millionen investiert er in den Aufbau des Landes, ohne daraus ein zweites Dubai zu machen. Er hasst alles Protzige. Die Omaner respektieren ihn dafür. Vielleicht ist das das Geheimnis: dass die Dinge gleichzeitig existieren, nebeneinander. Wie der tropische Regenwald neben der Wüste.

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In Salalah, mehr als tausend Kilometer entfernt, hängen in der Ankunftshalle des Flughafens Warnhinweise: "Vorsicht beim Autofahren im Nebel. Halten Sie auf jeden Fall Abstand. Kontrollieren Sie Ihre Wischblätter."

Scheibenwischer im Oman.

Wüste, Felsen, schroffes Land, darin die Wadis, palmengesäumte Trockentäler, die nur nach den heftigen Winterregen Wasser führen - so hatten wir das Land kennen gelernt. Doch im Süden, in der Region Dhofar, wirkt der Monsun, der hier Khareef heißt. Er setzt im Frühjahr die Küste unter Wasser und lässt sie bis in den Spätsommer ergrünen. Nebeldampfende Flussläufe, fruchtbare Hänge - eine bizarre Erscheinung in der omanischen Kargheit.

... zur tropischen Seite des Omans

Um den tropischen Oman zu sehen, nehmen wir die Sommerhitze in Kauf. 50 Grad sind es im Landesinneren, in der Rub-al-Kahli- Wüste, die bald hinter Salalah beginnt - die größte Sandwüste der Welt, manche Dünen hunderte Meter hoch. Unser Landrover ist klimatisiert, für die Filme haben wir eine Kühlbox, wir haben Käppis mit breitem Schirm, die der Nase Schatten geben und 60+-Sonnenschutz.

Vielleicht hatte eine höhere Macht eigene Pläne mit diesem Land...

Gummistiefel haben wir nicht, ausgerechnet, die hätten wir gebraucht, im hohen, feuchten Gras des Wadis Darbat, 30 Kilometer östlich von Salalah. Ein verwunschenes Stück Land, aus den Kalksteinwänden brechen Wasserfälle, Nebel darüber, feiner Regen. Wir stehen am Fluss, Mücken steigen auf wie schwarze Knäuel, ich trete auf einen Riesenfrosch, der sofort Reißaus nimmt. Vor uns beginnt der Regenwald, Banyan- Feigen biegen sich unter schweren Ranken zu einem Dickicht, ein Zauberwald, was darin ist, hält er geheim.

Ich höre Tauben gurren und Bülbüls, kleine Nachtigallen. Ich höre Hyänen und Wildkatzen, ihre Laute sind fern und kaum unterscheidbar. Unerhört ist dieser Ort, auch unheimlich, unfassbar. Als hätte eine höhere Macht mit diesem Stück Land ganz eigene Pläne verfolgt und würde nun nicht mehr preisgeben, warum. Ibrahim erzählt, was für ein Schauspiel es ist, wenn hunderte Kamele zugleich mit großer Ruhe an das üppig bewachsene Flussufer treten und trinken.

Wir schliddern mit unseren Wüsten-Sandalen auf dem feuchten Boden entlang, Schlamm spritzt bei jedem Schritt. Khareef, das ist ein Fest für Touristen aus ganz Arabien. Wer Zeit hat und Geld, kommt hierher. Man wünscht sich " Happy Khareef!", Familienväter fotografieren ihre verschleierten Frauen mit Kind auf dem Arm vor der grünen Kulisse, dann picknicken sie hinter ihren Landrovern und genießen das Durchatmen.

...und gibt nun ihr Geheimnis nicht mehr preis.

Abends gehen sie auf den Weihrauchmarkt, denn Dhofar ist das Weihrauchland und der Souk in Salalah für seine tausend Düfte berühmt. Die Händlerinnen vermieten die Dächer ihrer Verkaufsstände, auf denen die von weit her Angereisten dann unter freiem Himmel schlafen.

Manche Läden sind bis unter die Decke voll gepackt, und der Weihrauch lagert in Instantkaffee-Gläsern oder Plastikbeuteln.

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Andere sind elegant, die Verkaufstresen aus dunklem Holz, die Luxus-Harze in Glasbehältern ausgestellt. In Salalah gibt es die teuersten und besten Essenzen, düster, schwer, süß oder fruchtig, und die besten Mischerinnen, alte Frauen mit vom Weihrauch dunklen Fingern. Unablässig werfen sie gepresste glitzernde Klumpen oder schwarze Rinde in ihre Brenner und fächern uns den Rauch zu, wir schnuppern, aber den Umsatz machen die Händlerinnen bei den omanischen Frauen, die sich auskennen, die Nuancen herausriechen können, Fragen stellen oder ihre Freundinnen heranwinken, um am Schluss eine Auswahl von allem zu kaufen.

... bis in die Wüste

Das fruchtbare Land endet schlagartig ein paar Kilometer hinter Salalah, zehn Meter liegen zwischen Grün und Grau. Der Nieselregen wird feiner, die Scheibenwischer verteilen die letzten Tropfen. Dann kündigt sich die Rub al-Kahli an, das "Leere Viertel", ein gigantischer Sandteppich, der ein Viertel der arabischen Halbinsel bedeckt. Sie beginnt als graues Tafelland, nacktes Geröll zu beiden Seiten der Straße. Im Auto läuft eine Kassette mit indischem Pop, darauf eine Hindi-Fassung des Celentano- Klassikers "Sono Italiano", wir singen beim Refrain in einem Fantasie-Indisch mit, aufgekratzt, ein bisschen singen wir gegen das mulmige Gefühl an, nicht zu wissen, wie es sein wird. Die Wüste ist ein Ort, in den man geworfen wird.

Der Sand rieselt bei jedem Schritt nach wie Wasser.

Wir verlassen die feste Straße bei den ersten roten Sanddünen. In der Ferne tauchen dunkle Punkte auf, die Kamele werden, ihre Konturen sind unscharf in der heißen Luft. Sie sind fast schwarz, die Wüstensonne hat ihnen das Fell versengt. Wir steigen aus, der Sand ist heiß, es ist sonderbar still, keine Bewegung, unsere Aufregung wird Befremden. Unter dem Sand schimmert etwas weiß. Es ist ein Schädel. Ich sehe genauer hin. Wir stehen auf einem Kamel-Friedhof. Der Sand hat die Knochen der toten Tiere weiß gewaschen, wie in einem letzten Liebesdienst. Nur die Beduinen kennen diesen Ort, sie bringen ihre Kamele zum Sterben hierher.

Wir fahren weiter, suchen einen Platz für die Nacht, Sand ist für uns einfach Sand, alles sieht gleich aus. Aber Ibrahim sagt irgendwann bestimmt: "Hier ist es gut." In einer Senke schlagen wir die Zelte auf, und die tiefer sinkende Sonne malt mit ihren Schatten Umrisse auf den Boden: einen Flugzeugrumpf, die chinesische Mauer, ein Boot. Dann geht jeder für sich los. Der Sand rieselt bei jedem Schritt nach wie Wasser, und er wirft Wellen und Schaumkronen. Libellen und Bienen mit riesigen weißen, klackernden Flügeln umschwirren das wenige trockene Gestrüpp wie Nano-Roboter. Die Wüste ist ein riesiger Teppich, jetzt mondbeschienen.

Die meisten Familien sind inzwischen sesshaft.

Wir rollen eine große Matte aus, schälen Kartoffeln, schneiden Gemüse, kochen alles und waschen danach die Teller mit Sand. Ibrahim gießt Kaffee auf und erzählt von jemenitischen Gangstern, die manchmal nachts in die Camps kommen und die Jeeps klauen, um sie an der saudi-arabischen Grenze zu verkaufen. Wir horchen auf näher kommende Motoren, aber da ist nichts. Dann schauen wir, auf dem Rücken liegend, in den Himmel. Nachts, bei 35 Grad. Bis alles Ungewisse vergeht und Platz macht für ein tiefes Vertrauen in diese seltsame Welt aus Sternen und Sand. Ins Zelt gehen wir nur, um uns die Skorpione vom Leib zu halten.

Wüstendörfer hat der Sultan den Beduinen der Rub al-Kahli gebaut, die meisten Familien sind jetzt sesshaft, verdienen ihr Geld als Lehrer oder in der Verwaltung. Wie Geisterdörfer sehen die Orte aus, jetzt, am heißen Vormittag, Satellitenschüsseln auf allen Dächern, ausgerichtet, als würden sie Botschaften aus dem wolkenlosen Himmel empfangen, die nur sie entschlüsseln können.

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Mitten im Nichts finden wir ein grünes Zelt. Ein Mann tritt uns entgegen, er trägt ein weißes Unterhemd und ein um die Hüften geknotetes Tuch. Nead Ahmad, 24, kommt aus Peshawar in Pakistan, seit drei Jahren lebt er im Oman. Die Abgeschiedenheit seines Lagers ist überwältigend.

Er macht uns Tee, Tee mit Kamelmilch, die süß ist und dünn. Während er erzählt, berührt er mit der Hand unablässig sein Brustbein. Er bewacht die Kamele eines reichen Mannes aus Haschman, 40 Kilometer von hier. Die Kamele, 55 Tiere, guter Zustand, sind Ausdruck des Wohlstandes dieses Mannes. Bei Nead Ahmad sind sie Ausdruck seiner Hoffnung auf die Zeit danach. Er verdient 240 Euro im Monat. Er hat keinen Cent ausgegeben, er spart, um bald in Pakistan eine Braut zu finden. Bis dahin ist sein Leben dieses grüne Zelt.

Morgens um fünf steht er auf, betet, melkt die Kamele, kocht seinen Reis in der wässrigen Kamelmilch, backt Brot oder macht eine Konserve mit Gemüse auf, meistens grüne Bohnen. Dann füttert er die jungen Kamele und treibt die Herde weiter. Oder er holt Wasser aus einer Schwefelquelle in der Nähe, warmes, übel riechendes Wasser, Schwefel stinkt. Ob er sich einsam fühlt? Oder einfach nur allein ist? Er sagt: "Das frage ich mich nicht." Einmal wühlt ein großer, glitzernder Käfer neben meinem Zelt ein Loch in den Sand, aber der rieselt unaufhörlich nach und schüttet alles wieder zu, und der Käfer vollbringt ein Werk ohne jeden Nutzen. Vielleicht heißt in der Wüste zu überleben, nicht nach dem Sinn zu fragen, oder der Sinn heißt, sich in Geduld zu üben.

... und endet mit Henna und einer mutigen Frau

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Dein Henna ist sehr schön", sagt Hanan. "Für mich bedeutet Henna Lebensfreude. Weißt du", sagt sie, "morgen beginnt die Schule wieder. Ich werde mir Henna machen, um das Ende der Ferien zu feiern." Hanan Saleh Mubark Alzedjaly, 28, Lehrerin für Geografie und Hauswirtschaft, lebt in der Stadt Sur an der östlichen Spitze des Oman. Das Dorf, in dem sie unterrichtet, Al Kamil, liegt 60 Kilometer entfernt, sie fährt jeden Morgen mit dem Sammeltaxi dorthin. Ihre Schülerinnen stehen noch ganz unter dem Einfluss der Eltern. Hanan ist eine kleine, muntere Person, sie geht nie ohne Make-up zur Arbeit. "Ich will den Landmädchen ein Vorbild sein", sagt sie, "sie ermutigen, selbstbewusst zu werden." Der Schulleiter bat sie, ungeschminkt zu kommen. Sie sagte: Nein.

Hanan liebt das Schöne, und sie liebt den Beauty-Salon im Frauen-Souk von Sur, mit seinen Flakons, Safran- und Weihrauchpasten. Dorthin gehen wir, am letzten Tag der Sommerferien. "Wenn ich glücklich bin", sagt sie, "suche ich Düfte, die das ausdrücken." Sie lässt sich Cremes auf die Haut träufeln, von Verkäuferinnen, die bis unter die kajalschwarzen Augen verschleiert sind. Sie kauft Hennaschablonen und Glitzerpartikel für die Haut. Sie sagt: "Vor zehn, 15 Jahren hätten sich geschiedene Frauen wie ich noch versteckt."

Ihr Mann war eifersüchtig auf ihren Sohn gewesen, er schlug sie, wenn sie Zeit mit dem Jungen verbrachte, schlug sie mehr, nachdem ihre Tochter drei Jahre später geboren worden war. Er sperrte sie ein, da floh sie zur Mutter. Hanan wollte die Scheidung, den Brautpreis, gut 5000 Euro, zahlte sie zurück - er ist eine Art Kaution, die fällig wird, wenn der Vertrag, also die Ehe, aufgelöst wird. Die Kinder blieben bei ihr, und ihr Mann muss Unterhalt für sie zahlen.

Jetzt wohnt sie in einem großen Haus, ausgelegt mit rotem Teppich, zusammen mit ihrer Mutter, den Kindern, einem Onkel und einem Hausmädchen. Das Haus hat sie von ihrem Gehalt gekauft und von ihrem Erbe, ihr Vater starb früh. Sie sitzt auf dem Flur, der saalgroß ist, räuchert Weihrauch und fängt manchmal eines ihrer Kinder ein, die wild auf dem Teppich rangeln. Hanan schimpft nie. Sie drückt ihre Kinder nur an sich. Kann sie sich eine neue Beziehung vorstellen? "Es gibt Bewerber", sagte sie, "aber diesmal soll es perfekt sein."

Das Leben in Sur beginnt morgens um sechs am Strand, wenn die Fischer mit ihren alten Holzsegelbooten, den Dhaus, vor Anker gehen. Nach einer kurzen Nacht an Bord schütteln sie ihre Wolldecken auf, Katzenmänner, die sich flink an Deck bewegen, die Zehen in die Planken gekrallt. Mit Motorbooten bringen sie ihren Fang an den Strand, Korallenfisch, Tunfisch, Kingfish, Hai. Jungs aus dem Ort packen die Fische an den Flossen und werfen sie auf Haufen, die die Händler dann in die Kühltanks ihrer Pick-ups verladen, um sie bis nach Dubai zu fahren. Wir setzen uns in die Nähe der alten Männer von Sur, ihre Gehstöcke haben sie in den Sand gelegt, sie lächeln uns zu, beobachten wie wir, wie sich der Handel mit wenigen Gesten vollzieht. Die Sonne geht hinter den geriffelten Wolken auf, und für einen Moment ist der Strand in ein Zwielicht getaucht. Als würde die Moderne den Atem anhalten und der Oman fiele zurück in die Zeit, als die Händler von Sur mit ihren kunstvoll verzierten Dhaus nach Indien segelten, Weihrauch an Bord. Und Henna, vielleicht.

Reise-Info

Expeditionsreisen in die Weihrauchregion Dhofar und ins Hadjar-ash-Sharqi-Gebirge im Norden ab 2595 Euro, Termine auf Anfrage.

Hotelreisen nach Sur, in die Wüste, zu alten Festungen und ins moderne Maskat ab 2220 Euro, Termine auf Anfrage.

Anbieter: Nomad, Tel. 065 91/949 98-0, www.nomad-reisen.de

Text: Meike Dinklage Fotos: Nicole Angstenberger

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