Allein Urlaub machen

Als Frau allein Urlaub machen - das erfordert Mut und manchmal auch Notlügen.

Als ich eine junge Frau war, reiste ich mit Mann und Kind in den Urlaub. Wenn neben uns am Strand einzelne Frauen ihre Badelaken ausbreiteten, fühlte ich mich bevorzugt - beschützt und umgeben von meinen liebsten Menschen. später änderte sich die private Lage, ich verreiste nur noch mit der kleinen Tochter, beschäftigt mit mütterlicher Fürsorge. Wir waren immer zusammen, im Zimmer, im Restaurant, am Meer, bei Ausflügen. Jahre später - ich erinnere mich genau an meine damalige Verblüffung - lag ich plötzlich abends allein im Hotelbett in Portugal. Die Tochter war noch aus. Sie verreiste gern mit mir, aber sie hatte auch eigene Interessen. Das Kind war erwachsen geworden. Es fand schneller als ich beim Einchecken am Flughafen das Gate, wuchtete unsere Koffer aufs Band, orientierte sich mühelos in fremden Städten. Die Fürsorge verkehrte sich mit den Jahren.

Allein Urlaub machen fällt ab einem bestimmten Alter schwer

Regine Sylvester

Seit einiger Zeit hat die Tochter einen festen Freund. Ich bin mit dem Mann wirklich einverstanden, ich verstehe auch, dass jetzt diese beiden in den Urlaub fahren. Nun könnte ich ja mit einer Freundin verreisen. Aber ab einem gewissen Alter umgibt die weiblichen Zweckbündnisse ein Hauch von Resignation. Ich habe solche älteren Frauenpärchen unterwegs oft gesehen, sie trugen Wanderschuhe und Sonnenhüte. Sie interessierten sich bei Exkursionen für die Landeskultur und fotografierten schon viel aus dem fahrenden Bus. Sie frühstückten früh, und sie gingen früh schlafen. Diese Frauen, immer zu zweit, waren nicht auf Abenteuer aus, zumal wohl auch die Angebote fehlten. Wahrscheinlich haben sie sich gut erholt.

Ich bin noch nicht so weit, in Deckung zu bleiben. Aber mir fehlt der Mut, wie zwei meiner Freundinnen ganz allein auf große Reisen zu gehen. "Ich reise nicht, um zu entspannen", sagt Sabine, die wochenlang in Indien oder Südafrika unterwegs war. "Meine Urlaube waren nie erholsam", sagt Barbara, die ohne Begleitung durch Australien und Neuseeland gekommen ist. Beide erzählen trotzdem mit Begeisterung. Sie buchen den Flug und ein Hotel für die erste Nacht, sonst ist die Route offen. Nur so lernt man Land und Leute kennen, sagen sie.

Man ist gezwungen, mit Fremden zu reden. Etwas Schlimmes ist keiner passiert. Aber sie passen auch auf. Sabine kleidet sich betont unattraktiv. In Johannesburg wurde sie trotzdem nachts von vier Jungs umrundet, die bereit waren, die blöde Touristin zu überfallen. Sie schützte sich durch Naivität, strahlte, reichte allen die Hand: "Ich bin Sabine." Die Jungs waren ganz fertig und ließen sich ein Bier ausgeben. Diese Freundinnen trauen sich was. Angst haben sie nie. Angst hätte Barbara vor einem Club-Urlaub. Unterwegs muss sie nur mit sich selber klarkommen, "aber in einem Club bin ich darauf angewiesen, dass man sich irgendwie füreinander interessiert, sonst sitze ich allein beim Essen".

Allein in den Urlaub fahren: Man lernt, Signale zu verstehen

Ich bin so eine Club-Urlauberin geworden. Für eine Frau in meiner Lage ist das keine schlechte Lösung - viel Komfort, und an das Duzen gewöhnt man sich. Es gehört trotzdem Mut dazu, allein auf einen großen Tisch zuzusteuern, an dem sich alle zu kennen scheinen. Mich kennt keiner. Das letzte Mal landete ich in einem so genannten ABBA-Club. Zunächst glaubte ich, damit sei ein gewisser Sound gemeint, aber das Kürzel meint Anreisen, Baggern, Bumsen, Abreisen. Das volle Programm greift zuverlässig bei beharrlichen Besuchen des Nachtclubs auf dem Gelände. Auch Frauen meiner Generation erscheinen erst zum Spätaufsteherfrühstück und erzählen glaubhaft von Eroberungen. Männer zwinkern ihnen vom Nebentisch zu. Ich hingegen bin zwischen den beiden großen B gestrandet.

Aber es gibt ja noch die geistigen Kontakte. Dafür sollte man immer ein gutes Buch mitführen, es kann im Glücksfall bei intelligenten Männern wie eine Leimrute wirken, die anderen schreckt es ab. Die allein reisende Frau lernt, Signale zu senden und zu erkennen. Manches ist auch eine Frage des Timings. Beim Club Med lud mich ein großer schwarzer Mann zur Fahrt mit dem Katamaran ein. Wir segelten weit hinaus, und als das Festland nur noch ein Strich am Horizont war, brach der Mast. Wir schaukelten hilflos auf hohen Wellen, mir wurde in Panik bewusst, dass nur ein bisschen Stoff zwischen mir und dem Ozean war. Genau in diesem Moment fragte mich der Fremde, ob ich einen Freund hätte. Ich habe gelogen. Später wurden wir abgeschleppt.

Foto: Corbis
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