So schön kann Schule sein

Eine Fremdsprache auffrischen, sich wieder als Schülerin fühlen, neue Freunde finden. Den Unterricht in Nizza wird BRIGITTE WOMAN-Mitarbeiterin Lisa Stocker in bester Erinnerung behalten.

Lernen in Nizza: Vom Garten der Sprachschule sind es für unsere Autorin Lisa Stocker nur etwa 15 Gehminuten bis zur berühmten Baie des Anges, der Bucht der Engel.

"Für Französisch ist es nie zu spät, Chérie", sagte meine Tante Irmgard am Telefon, als sie von einem vierwöchigen Sprachkurs in Nizza zurückkam, ein Geschenk, das sie sich zum 75. Geburtstag gemacht hatte. Ob ich da nicht auch mal hinwolle? Ich habe eine humanistische Schullaufbahn hinter mir. Vor Jahren versuchte ich mal, Französisch an der Volkshochschule zu erlernen. Inzwischen horte ich mehr Französisch-Lexika als jede professionelle Übersetzerin. Doch richtig heimisch geworden bin ich in dieser Sprache nie. Das wollte ich nun ändern. Mit 37 Jahren.

Die École Azurlingua residiert in einer wunderhübschen gelben Villa. Eine Freitreppe führt in einen Garten voller Bänke - genau wie drüben in meinem Hotel "Villa Victoria" in der Rue Victor Hugo, einem der vielen Sträßchen von Nizza. Meine Tante, diese Streberin, wohnte in einer Gastfamilie, wo sie mit Kindergartenkindern aufwachen durfte. Das ist bestimmt super für den Wortschatz - für mich allerdings nichts. Ich will die nächsten drei Wochen lieber mit meinen Kursteilnehmern verbringen, am Strand liegen, aufs Mittelmeer schauen und gemütlich in einem Straßencafé sitzen.

Der Einstufungstest. Einer der Lehrer, ein junger Mann in Bermudashorts und schütterem Haar, verteilt Zettel mit Multiple-Choice-Aufgaben. Er heißt Lionel. Und die Fragen gehören zu einem Text über eine arbeitslose Französin vor einem Einstellungsgespräch. Um die Geschichte zu verstehen, muss ich sie erst mal dreimal lesen. Kurzes Schielen auf das Blatt meiner Nachbarin - da sieht es auch nicht viel besser aus. Erschöpft gebe ich ab, doch es geht gleich weiter, im Garten soll unser "orales Niveau" überprüft werden.

Blick auf den Hafen von Nizza

Was mir an Nizza bisher am besten gefällt, fragt Lionel und rührt lächelnd in seinem Kaffeebecher. Die Promenade, sage ich. Der Blumenmarkt. Und dass Nizza am Meer liegt. Mehr geht schon nicht mehr. Dabei hätte ich ihm gern erzählt, wie grandios mein gestriger Abend verlaufen ist. Da bin ich auf den alten Schlossberg über der Altstadt gestiegen. Kaum war ich oben, gingen über dem Steinstrand und der ocker-braunroten Melange aus Belle-Époque-Palästen und Appartementhäusern tausend Lichter an. Nizzas Silhouette sah aus wie eine silbern angestrahlte Mondsichel. Dunkeltürkis schwappte das Meer an die "Bucht der Engel". Lionel könnte mir bestimmt sagen, warum man die so nennt. Doch was heißt Bucht? Und was heißt eigentlich Engel? Ich komme in die Klasse A1: Anfänger mit Vorkenntnissen. Mein Ehrgeiz erwacht. In Mittagspausen sitze ich meist im Garten und schaue ins Grammatikbuch. Ich will ganz viele Wörter und Verbformen in mein Kurzzeitgedächtnis stopfen.

Sprachkurs Nizza: erste Erfolge im Unterricht

Mein Einsatz zahlt sich aus - im Konversationskurs schaffe ich schnell einen Achtungserfolg in einfachen Hauptsätzen. "J'aime bien le savoir-vivre, ich liebe die französische Lebensart", sage ich. Ich mag eure Chansons. Das Kino. Ja, und die Männer finde ich auch ziemlich gut. Okay, das war etwas dick aufgetragen. Aber in meiner Situation muss man alle Register ziehen. Lionel strahlt. Leider redet er jetzt so schnell auf mich ein, dass ich nur noch verlegen lächeln kann.

Schluss für heute. Die Luft ist noch warm, als ich durch die Altstadt schlendere. Ich stoppe bei "Fenocchio". So heißt der beste Maître Glacier der Stadt. Ich probiere Sorten wie Salz-Karamell, Thymian und Schokolade-Cranberry - süchtig machendes Teufelszeug! Fürs Abendessen habe ich mich mit meinen Mitschülern im berühmten "Le Safari" am Cours Saleya verabredet, dort, wo Straßenmusiker aufspielen und Capoeira-Tänzer durch die Luft wirbeln. Meine Kollegen kommen aus Russland, der Schweiz, USA und Japan - es verbindet uns allein die Tatsache, dass unser Französisch ziemlich hakt. Noch!

Ein Sprachkurs in Nizza ist wie eine Zeitreise

Baden an den feinen Sandstränden in Cannes

Denn vor allem Gaelle will das ändern. "Qu'est-ce que tu fais dans la vie?", lautet ihre erste Frage. Unermüdlich schreibt sie Redewendungen und Verbformen an die Tafel, die ich brav ins Vokabelheft übertrage. Am liebsten ist es ihr aber, wenn wir ihr etwas über uns erzählen. Wo wir leben, arbeiten? Mit wem wir wohnen? Maiko aus Japan, die ihr Alter nicht verrät, erzählt, dass sie Sprachlehrerin war, bis sie sich in einen dicken Harley-Davidson-Fan aus Nizza verliebt hat. Dasa, 23, ein Paris-Hilton-Klon mit Endlosbeinen, kam im goldfarbenen Mercedes SLK aus der Slowakei hier an, weil sie noch keine Idee hat, was sie mit ihrem Wirtschaftsdiplom anfangen soll. Und Alex, der 25-jährige Finne, berichtet, dass er nach dem Jurastudium als Menschenrechtsanwalt nach Belgien gehen möchte. Ich fühle mich wie auf einer Zeitreise. Fast alle sind mindestens zehn Jahre jünger als ich. Doch wieder Teil einer anderen Welt zu werden, ist viel einfacher als gedacht. Ich organisiere zusammen mit meiner neuen Schulfreundin Katharina, 23, ein Picknick. Wir schleppen Ziegenkäse, Roséwein, Oliven und Gâteau au Chocolat an den Strand. Und während langsam die Sonne untergeht und nebenan ein paar dieser Männer, die nie frieren, ins Wasser springen, erzählt sie von ihrem Stress an der Berliner Uni und ich vom Alltag als Freiberufliche.

Flohmarkt am Cours Saleya

Unsere Lehrerin Gaelle ist erst 28 Jahre alt. Doch sie kennt schon sämtliche Tricks, um eine Schülerschar zu Höchstleistungen zu motivieren. Strahlend vermittelt sie jedem das Gefühl, dass seine Sprachkenntnisse gar nicht so schlecht sind. Sondern ziemlich gut - egal, wie dürftig sein Vokabular ist. Da kann Dasa auf der Suche nach einem Wort noch so oft das englische Pendant einstreuen - oder Joze, ein 60-jähriger Anwalt, der in der zweiten Woche zu uns stößt, wild gestikulierend irre Philosophien über die Liebe von sich geben.

Lebenslust auf Französisch: abends an langen Tafeln im "Le Safari" am Cours Saleya sitzen und Freunde treffen.

Gaelle verzweifelt nie. Auch nicht, wenn ich auf die Frage, was ich gestern gemacht habe, wieder mal nur meine Standard-Phrasen benutze. "Je suis allée à la plage" zum Beispiel. (Ich war am Strand). Andererseits: Es stimmt. Als eifrige Sprachschülerin habe ich für Kultur einfach nicht mehr viel Energie. Morgens gehe ich häufig an der Promenade joggen. In den freien Nachmittagsstunden mache ich Hausaufgaben auf einer Liege, die ich in einem der Beach-Clubs miete. Neben mir Französinnen, die bei eisgekühltem Weißwein über ihre letzten Rendezvous plaudern. Und im Hintergrund klimpert leiser Chill-out-Jazz. Perfekt! Für die Aufwärmrunden in der Klasse habe ich mittlerweile auch einen Alternativ-Satz: "J'ai acheté beaucoup de belles choses." Ja, einkaufen kann man hier überall wunderbar.

Das bleibt in Erinnerung: Liebeslieder des Akkordeonspielers Joseph Trombitras in Nizza.

Ob auf dem Flohmarkt, der immer montags auf dem Blumenmarkt stattfindet, oder in der Markthalle von Antibes, wohin ich einen Ausflug gemacht habe. Dort bestellte ich - ohne zu stottern - etwas Apfelkonfitüre zum Käse. Und kaufte Champagnersenf für zu Hause. Und bei den Hippie-Kleidern konnte ich mich gar nicht entscheiden - sie sahen irgendwie alle sexy aus.

Der Abschiedsabend. Am Cours Saleya drängen sich die Menschen. Wir sitzen wieder im "Le Safari", und ich fange ohne Scheu eine Unterhaltung mit dem Koch an. Wie gut dieser Fisch doch schmeckt. Wie wunderbar der Wein dazu passt. Und erst mal dieser Champagner. Wenn doch meine Tante Irmgard jetzt hier wäre. Ich werde ihr vor dem Abflug noch eine Postkarte schreiben. Auf Französisch natürlich.

Reise-Info: Sprachkurs in Nizza

Ausflug ins Viertel Cimiez, wo es neben einem großen Olivenhain auch das Musée Matisse und prächtige Villen gibt.

Die Sprachschule Azurlingua (www.azurlingua.de) liegt zentral im Quartier des Musiciens, 15 Gehminuten zur Promenade des Anglais wie zur Altstadt. Der Sprachunterricht wird in sechs Leistungsstufen angeboten. Das Lehrmaterial ist im Kurspreis enthalten. Nach Beendigung des Kurses erhält jeder Teilnehmer ein Zertifikat. Eine Woche plus Unterbringung (in Privatunterkünften) kostet ab 247 Euro (LAL-Sprachreisen, www.lal.de. Es werden auch Flüge nach Nizza vermittelt). Über den Reiseveranstalter FTI sind schöne Hotels in Nizza zu buchen, www.fti.de.

Reiseführer: "Côte d'Azur" mit Karte und vielen Tipps für Ausflüge entlang der Küste (288 S., 14,95 Euro, Dumont Verlag).

Info: Office du Tourisme, 5, Promenade des Anglais, www.nicetourism.com (Anfragen auch auf Deutsch möglich).

Text: Lisa Stocker Fotos: Heike Ollertz Teaserfoto: LiliGraphie/Fotolia.com
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