Affenliebe: Vom Leben mit Tieren

Schimpansen, Gazellen und eine Löwin namens Tana - die 88-jährige Countess Patricia Cavendish O'Neill hat den größten Teil ihres Lebens mit sehr ungewöhnlichen Mitbewohnern verbracht. Die Geschichte einer Abenteurerin.

Ein kenianisches Sprichwort sagt: Bis Löwen anfangen, ihre Geschichten aufzuschreiben, sind die Jäger die Helden. Aber es gibt Ausnahmen.

Als Countess Pat Cavendish O'Neill an einem Sommerabend in Kenia von einer Löwin niedergestreckt und in den tiefen Schlamm eines Flussbetts gedrückt wurde, fand sie erst einmal ziemlich eklig, dass ihr der kalte Schlamm in den Hemdkragen sickerte. Dann horchte sie eine Weile gespannt in die Stille und rührte keinen Finger, während die Raubkatze ebenfalls unbewegt über ihr kauerte. Und dann hörte sie es auch, das Stampfen und Schnauben der Büffelherde, die an der nächsten Flussbiegung graste und in die sie geradewegs hineinmarschiert wäre, hätte Tana, ihre zahme Löwin, sie nicht in Deckung geschubst. "So eine wilde Büffelherde ist kein freundlicher Kegelclub. Aufgeschreckt gehören sie zu den gefährlichsten Tieren der Welt. Tana hat mir damals das Leben gerettet", ist sich die 88-jährige Abenteurerin noch 50 Jahre später sicher.

Und sie revanchierte sich umgehend. Denn als sie nach ein paar Minuten den Kopf hob, um nicht im Schlamm zu ersticken, stand da ein Großwildjäger mit Flinte im Anschlag, um Tana niederzuknallen. Der Jäger war der legendäre Stan Brown, einer der besten Spurenleser und Safariausrichter Afrikas und zur Zeit des unfreiwilligen Schlammbades gerade Pats Liebhaber. Die versicherte ihm, Tana wolle wirklich nur spielen. Die Löwin bewegte sich schließlich doch noch, und alle zogen schmutzig, aber zufrieden zurück ins Camp.

Dabei wirkt die Countess recht seriös und ladylike, wie sie da auf dem Sofa ihres riesigen Wohnzimmers sitzt, ganz in Blau gekleidet, was ihre türkisfarbenen Katzenaugen strahlen lässt, das silberne Haar onduliert, schwere afrikanische Ketten um den Hals, zwei wuchtige Doggen und ein paar kleinere Mischlingshunde effektvoll um sich drapiert. So richtig Platz zum Sitzen bleibt da nicht, aber Pat O'Neill ohne ihre Meute ist wie die Queen ohne Corgies, und wer in ihrem Farmhaus eine halbe Stunde von Kapstadt zum Tee eingeladen ist, schubst besser keinen Hund vom Kissen.

Fotoshow: Patricia Cavendish O'Neill

Sie saß eben noch am Computer, um neue Bilder von Lucy auf Facebook zu stellen. Lucy ist ein winziges Pavianbaby, das Pat wie viele andere Tierwaisen aufzieht. Mit Fläschchen und Windeln. Sie ist überzeugt, dass Tierbabys am besten schlafen, wenn sie mit ihr das Bett teilen. Aus dem ganzen Kap werden ihr die kleinen Affen zugetragen. Von ungewollten Hunden und streunenden Katzen ganz zu schweigen. Das ist dieser Tage Pats Hauptbeschäftigung: krisengeschüttelten Tieren ein Zuhause zu geben und dafür die Mittel aufzutreiben. Ihr Mitarbeiterteam besteht aus Freiwilligen, Studenten und ein paar Tierfreunden mit großem Portemonnaie. Drei Ladys in Kittel und Kopftuch kümmern sich derweil um den Haushalt.

Ihr Alter sieht man Pat O'Neill nicht an

Zwar braucht sie nach einem Autounfall vor zwei Jahren einen Gehstock, aber ihre Haltung und Sprechweise sind tadellos. Sie kneift die Augen zu Schlitzen zusammen, wenn sie sich konzentriert, reißt sie dann weit auf, als sei sie selbst erstaunt über das, was sie da erzählt. Und manchmal zieht sie mit entschuldigendem Grinsen den Kopf zwischen die Schultern, als erwarte sie, ihre deutsche Gouvernante von vor 80 Jahren wolle ihr noch mal nachträglich eins mit der Reitgerte überziehen.

Pat O'Neill wuchs im Vorkriegsengland auf. Mit so viel Geld und Glamour, dass einem beim Zuhören die Kinnlade herunterfällt: Anwesen mit 100 Zimmern, Privatzug und -flugzeuge, Scharen von livriertem Hauspersonal, eine Ferienhalbinsel in Südfrankreich, sorgsam gebügelte Schuhriemen, Ställe voller Reitpferde und monatelange Safaris in einer Flotte von umgebauten Rolls-Royce.

Zwei Damen, die sich innig lieben: Pat und Kalu, die Schimpansin. Gerahmtes zeugt von verblichener Schönheit und den Lieben von einst (links)

"Ich war ein wildes Kind. Da kam die Peitsche oft zum Einsatz", erinnert sich Pat O'Neill achselzuckend. Die Upperclass hört man ihr nach 50 Jahren in Afrika immer noch an. Überhaupt passt Pats Kindheit wunderbar ins Klischee vom armen reichen Mädchen. Ihr Vater starb an einem Hirnschlag, als sie sechs war. Daraufhin heiratete Mutter Enid den steinreichen Lord Marmaduke Furness. Dass der cholerische Alkoholiker Kinder verabscheute, war für Pats Mutter Enid, selbst Erbin des australischen Lindeman-Weinimperiums, kein Hindernis. Pat und ihr Bruder Caryll durften Burrough Court, den Familienbesitz, nur durch den Hintereingang betreten, nicht im selben Auto fahren wie Mutter und Stiefvater. Pat wurde von ihm nur "that little bitch" genannt, kleines Miststück. "Im Nachhinein bin ich dankbar für meine strenge Erziehung. Wer weiß, ich wäre sonst vielleicht eine verdammt verwöhnte Göre geworden."

Pat O'Neills Vergangenheit ist immer nur einen Handgriff entfernt. Alle Wände, Regale und Tische ihres weitläufigen Farmhauses sind voll gepflastert mit Fotos, Skizzen, Ölgemälden und Briefen, die ihr Leben illustrieren. Die meisten Bilder zeigen ihre Mutter, die eine Weile als eine der sechs schönsten Frauen der Welt galt, mit halb Hollywood und dem gesamten europäischen Hochadel befreundet bzw. im Bett war und daraus nie ein Geheimnis machte. "In London brachte Mami vor dem Krieg oft den Verkehr zum Stillstand, wenn sie vor die Haustür trat. Ich wuchs auf mit Geschichten von Liebhabern, die sich unter Züge warfen oder sonst wie das Leben nahmen wegen ihr. Ob das tatsächlich alles stimmte, weiß ich nicht. Für meine Mutter war eine gute Story immer wichtiger als die Wahrheit. Auch daraus machte sie keinen Hehl."

Und noch wichtiger war die Lebensmaxime, die Enid der Tochter vorlebte: Sei nie wehleidig, nie ängstlich, nie eifersüchtig. Pat hat sich bis heute dran gehalten. "Als wir während des Zweiten Weltkriegs den deutschen Fliegerangriff auf London miterlebten, gingen wir nicht mit den anderen in den Bunker. Meine Mutter, mein Bruder und ich stellten uns auf den Balkon unseres Hauses in Mayfair und zählten die Bomben. Wer die meisten sah, bekam doppeltes Taschengeld. Auch was die Eifersucht angeht, hat meine Mutter mir viel beigebracht. Es gibt nichts Attraktiveres für einen Mann als eine Frau, die ihm nicht hinterherrennt." Mit Anfang 20 sollte Pat O'Neill Rainier von Monaco heiraten, bevor Grace Kelly auf der Bild-fläche erschien. Wollte sie so-wieso nicht. Stattdessen nahm sie einige Jahre später einen australischen Schwimmweltmeister, dann einen französischen Gigolo, dann viel später wieder den Schwimmer, der heute in Australien lebt und seine Gattin nur ab und zu mit seiner Freundin besucht.

Wie in ihrer 600-Seiten-Autobiografie "A Lion in the Bedroom", die in Südafrika und Australien vor einigen Jahren ein Bestseller wurde, erzählt Pat auch am Teetisch mit chirurgischer Schärfe. "Weil ich in Wahrheit kein Fünkchen Selbstbewusstsein hatte, entwickelte ich mich zu einer grauenvollen jungen Frau. Ich schminkte mich grell, besorgte mir Gummibrüste, die irgendwann beim Wellenreiten im Atlantik davonschwammen, zog mich billig an. Ich sah aus wie eine vulgäre Schlampe. Mami ließ mich machen." Es folgten rastlose Jahre in Paris und Amerika. Nie blieb sie lange. Immer wurde es ihr nach ein paar Monaten in der Großstadt zu eng. Sie wollte wieder raus, weg, weiter.

Ihr eigenes Leben begann erst mit 30

Und zwar an dem Tag, als ihr ein Freund bei ihrer Ankunft in Kenia am Flughafen statt Blumen ein winziges, noch blindes Löwenbaby in die Hand drückte, das neben seiner erschossenen Mutter gefunden worden war. Liebe auf den ersten Blick. Eigentlich wollte sie nur die übliche Besuchsrunde bei der High Society von Kenia drehen. Aber ruck, zuck war klar, Pat würde Tana zuliebe ganz nach Afrika ziehen. Enid kaufte ihr eine Farm mitten in der Wildnis von Kenia. Die Gegend hieß Karen nach "Jenseits von Afrika"-Autorin Karen Blixen. Das Grundstück grenzte an einen Wildpark und ein Massai-Reservat. Nachbarn gab's, so weit das Auge reichte, keine. Das ideale Zuhause für zwei wilde Mädchen.

"Ich zog Tana instinktiv genauso auf wie meine Hunde: immer die Oberhand behalten, schlechtes Benehmen sofort bestrafen, nie aggressiv werden. Wilde Tiere spüren noch viel mehr als Haustiere jede Stimmung." Die beiden waren bald so unzertrennlich, sie brauchten nicht mal im selben Raum zu sein, um zu wissen, wie's der anderen ging.

Pat baute ein Bett, das groß genug war für sie selbst, Tana, Joseph, ihr ebenfalls verwaistes Schimpansenbaby, und alle ihre Hunde. Sie stellte es auf Rollen, so dass die Löwin darauf mit einem Satz durchs Schlafzimmer surfen konnte. Die war mittlerweile groß wie ein Pony und machte sich jeden Morgen erst dann über ihre Mahlzeit her, wenn Pat ihre Hand dabei in der Futterschüssel hatte. Freunde bemerkten, Pats Schlafzimmer röche wie der Londoner Zoo. Schuhriemen gab es keine mehr. Nie war Pat glücklicher.

Wenn sie von Tana erzählt, bricht ihr manchmal die Stimme, und sie muss eine kleine Pause machen, um sich wieder zu fangen. Da braucht man nicht zu fragen, wer die große Liebe in ihrem Leben war. Die Massai nannten Pat "toto ya samba" - Kind der Löwen. Bald war sie in ganz Kenia bekannt dafür, mit ihrem Landrover über die staubigen Pisten des Landes zu brettern. Immer zu schnell, immer mit Joseph auf dem Beifahrersitz, der jedem überholten Auto begeistert zuwinkte, und Tana ausgestreckt auf der Rückbank. Manchmal waren auch Tim Tom, ihre zahme Gazelle, oder Duma, der Gepard, dabei. Doch Pats Honeymoon mit ihrer Löwin ging nach einem knappen Jahrzehnt zu Ende. Mehr Farmer zogen in die Gegend. Ein neuer Nachbar drohte, Tana zu erschießen, wenn er sie auf seinem Grundstück sähe. Pat beschloss, sie der Wildnis zurückzugeben, fand einen entlegenen Wildpark und eine Gruppe Löwen, die Tana aufnahm. Ein schwerer Abschied.

Fotoshow: Patricia Cavendish O'Neill

"Ich verließ Kenia kurz darauf und zog mit Mami nach Südafrika, um Rennpferde zu züchten." Ein Riesenerfolg, wie alles, was Pat und Tiere anging. Nach dem sagenhaften Reichtum kam dann der Absturz. Vor ein paar Jahren stellte Pat fest, dass ihr Finanzberater ihr 60-Millionen-Pfund-Erbe schlau und leise beiseitegeschafft hatte. Totaler Bankrott. Sie hatte nie gelernt, mit Geld umzugehen, kaum je welches wirklich in der Hand gehabt. Ihr einziger verdammter Fehler im Leben, sagt sie. Heute erledigt sie ihre Buchhaltung selbst auf dem Computer, weiß über jeden Rand Bescheid. Grund und Boden ihrer Farm gehören mittlerweile dem südafrikanischen Weinmagnaten Graham Beck, der sie dort auf Lebenszeit Hof halten lässt. Ihr Bruder Caryll und ein paar alte Freunde finanzieren ihren inzwischen sehr schlichten Lebensstil. Die Einkäufe für sie und ihre Tiere werden von einer Supermarktkette gespendet und ins Haus geliefert, nachdem Pat ihre letzten Mittel zusammengekratzt, deren Hummertank leer gekauft und die Tiere ins Meer zurückgeworfen hatte. Das Supermarktmanagement war fassungslos. Und beschloss, ihre Menagerie zu sponsern.

Wenn Pat und ihre Schimpansin Kalu wie jeden Nachmittag zusammen auf der Bank vorm Haus sitzen und Kekse essen, wirken die beiden wie ein Liebespaar. Kalu streicht Pat vorsichtig über die Wangen, schaut ihr tief in die Augen und schnattert mit leiser Stimme auf sie ein. Pat antwortet genauso sanft. Lange sind sie einfach still miteinander, sehen sich an, halten Händchen. Pat hat Kalu alles vermacht, was von ihrem Reichtum übrig geblieben ist. Nach ihrem Tod wird die Äffin mit den anderen Tieren auf ein Grundstück am Sir-Lowry- Pass ziehen, das Pat für sie eingerichtet hat. Dort werden verwaiste Pavianbabys in Pampers her-umlaufen und Straßenköter ihr Mittagessen geliefert bekommen. Eine kleine Welt wie Pats Leben - wunderbar wild und schräg.

Text: Nadja Bossmann Fotos: Guido Schwarz BRIGITTE WOMAN 09/2013
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