Eine Radtour von See zu See

Komm, lass uns radeln! Von See zu See durch das Salzkammergut, eine zauberhafte Region wie aus alten Filmen. BRIGITTE WOMAN-Redakteurin Anna M. Löfken ist schon mal vorgefahren.

Ich habe meinen Glücksplatz gefunden. Von der Terrasse schaue ich auf den Wolfgangsee. Jetzt schimmert er blaugrün, als Kulisse eine leicht geschwungene Bergkette am Ufer gegenüber. In der Früh umhüllten noch Nebelschwaden die Hügel, legten sich wie dicke Federbetten über das Wasser. Die Sonne hat sie verjagt, lässt den See glitzern, in dem sich Baumriesen widerspiegeln. Auf meinem Frühstückstisch duften frische Brötchen, in Schälchen sind selbst gemachte Marmelade und Honig abgefüllt. Daneben steht frisches Obst, Müsli. Und die absolute Krönung: der cremige Schafsjoghurt vom nahen Biobauernhof Eisl. So wunderbar beginnt jeder Tag im "Landhaus zu Appesbach" vor den Toren von St. Wolfgang. Ich fühle mich in diesem kleinen, efeuumrankten Hotel mit Salon und Kaminzimmer nicht lange fremd, könnte hier verdammt faul werden. Höchstens mal zum Holzsteg schlendern, ein Wassertaxi bestellen und den zehn Kilometer langen und zwei Kilometer breiten See erkunden oder eine Runde schwimmen, dann mich auf einer Liege ausstrecken, sonnen, tagträumen, schlummern.

Ich bin aber froh, dass ich dieses Landhaus erst zum Schluss meiner Radtour durch das Salzkammergut kennen lerne. Denn sonst hätte sich vielleicht meine ganze Reiseplanung geändert.

Radtour in Salzburg: Immer an der Salzach entlang, vorbei an Barockbauten und Kaffeehäusern.

Vor drei Tagen bin ich gestartet. Die Route: von Salzburg zum Mattsee, über den Mondsee weiter bis zum Wolfgangsee. Jeden Tag standen etwa 30 bis 40 Kilometer auf dem Programm. Um das Gepäck brauchte ich mich nicht zu kümmern, es wurde transportiert. Das Ziel jeder Etappe war: eine besonders schöne Unterkunft, mal im Schloss, mal im Kloster oder in einem Herrenhaus. Als Belohnung sozusagen.

Salzkammergut: Früh starten und in den Morgen radeln. Einfach herrlich!

Schneidermeisterin Magdalena Nussbaumer-Jonas zeigt die schönsten Dirndl.

Salzburg zeigt sich ganz in Grau. Die Festung verschwimmt im Dunst, und die Barockbauten sehen matt und gar nicht so mächtig aus. In den Gassen drängen sich Menschen aus der ganzen Welt, zum Mozarthaus, auf den Alten Markt mit seinen pastellfarbenen Bürgerhäusern und Confiserien voll mit Mozartkugeln; zum Domplatz, wo die Gerüste für die diesjährige "Jedermann"-Aufführung aufgestellt werden. Ich umkreise die Innenstadt lieber, radle an der Salzach entlang in Richtung Hellbrunn und bleibe gleich beim Dirndl-Hersteller Lanz hängen. "Jede Frau sieht im Dirndl gut aus", sagt Magdalena Nussbaumer-Jonas, seit 35 Jahren Schneidermeisterin im Traditionshaus. Sie zupft an pinkfarbenen Schürzen, an roten Rüschen, streicht über Seidenkorsagen mit springenden Hirschen. Für jeden Anlass gibt es ein anderes Kleid, zum Kirchgang und zur großen Oper, zur Familienfeier und für den Stadtbummel. "Vor 25 Jahren war die ganze Getreidegasse voller Dirndl", sagt sie, jetzt sehe man dort nur noch Jeans. Magdalena Nussbaumer-Jonas trägt sie auch - aber nur bei Schnürlregen.

Weiter hinaus ins Grüne, durch Torbögen und Alleen, vorbei am Schloss Leopoldskron, dem ehemaligen Wohnsitz von Max Reinhardt, mit Ahnengalerie und Putten und einer großen Bibliothek. 20 Jahre lebte der Gründer der Salzburger Festspiele in dem Rokokoschloss, für ihn "eines der schönsten, lebendigsten Gehäuse der Welt". Die jetzigen Besitzer aus Amerika nutzen es vor allem für internationale Kongresse und Seminare.

Es duftet nach Holunder, als ich durch Anif, ein Dorf nahe Salzburg, fahre. Das Bauernhaus des großen Dirigenten Herbert von Karajan lasse ich rechts liegen und mache eine Pause beim berühmten "Schlosswirt". Während der Festspielzeit ist hier jeder Platz hart umkämpft, draußen im schattigen Kastaniengarten, aber auch drinnen an den Holztischen mit karierten Decken. Auf der Speisekarte feine Hausmannskost: Rinderfilet mit grünem Spargel, Tafelspitz, Wiener Schnitzel.

Urlaub Salzkammergut: Jede Menge Genuss

Als ich am Morgen zum Mondsee hinunterradle, sind noch nicht alle Sonnenschirme im Städtchen aufgespannt. Aber der Eismann hat schon offen: eine fabelhafte Auswahl, so bunt wie die Häuser im Zentrum.

Das ist das Gute an einer Radtour, dass Kalorien schnell verbrannt werden. Daran glaube ich fest. Besonders wichtig, wenn man durch ein Genießerland wie das Salzkammergut fährt. An jeder Ecke gibt es hier Lokale, in denen fabelhafte Gerichte serviert werden, laden Cafés zu Torte und Kaffee ein. Und die Auswahl ist groß. "Ah, für die Gnä' Frau einen Kaffee. Bittschön, was hätten S' denn gern? Kleiner Brauner oder Großer Brauner? Melange, Verlängerter oder Einspänner?" Wenn ich das nur wüsste! Ich kann mir die Unterschiede einfach nicht merken. Zu meinem Lieblingslokal erkläre ich am zweiten Radtag den "Riesnerhof" am Mondsee, früher nur ein gewöhnlicher Heuriger, heute der absolute In-Treff für den Abend. Hier sitzen Freundinnen an langen Tischen, Familien mit Großmutter, Geschäftsleute aus der nahen Stadt Mondsee und schauen hinunter auf den See, auf weiße Dampfer, Schwäne und die gelbe Stiftskirche mit ihren barocken Türmen.

Auf dem Weg nach Bad Ischl komme ich mit Schwester Sebalda ins Gespräch. Die Krankenschwester aus Linz wandert gern und genießt "diese Luft, diese Ruhe".

Die Empfehlung des Tages: Forellenfilet, Nudeln und gedünstete Tomaten mit Marillenschaum. Dazu grünen Veltliner. Als die Sterne anfangen zu funkeln, bestelle ich ein Taxi, denn mein Rad hat abends Pause. Ohne Erfolg. "Unsere Taxifahrer sind etwas eigenwillig", lacht ein Herr vom Nebentisch. "Sie fahren selten nach 19 Uhr!" Doch da gibt es den Extra-Service des Hauses. Besitzer Andreas Landauer fährt mich zurück in meine Unterkunft für die heutige Nacht, ins "Schlosshotel Mondsee", eine alte Klosteranlage mit modern gestalteten Zimmern und Rosen im Innenhof.

Das Salzkammergut kennt sich gut aus mit Gästen. Sie sind schon damals mit der Kutsche aus Wien und Salzburg angereist, in diese einmalige Sommerfrische mit ihren 76 Seen und dramatischen Bergen, dem Dachstein, dem Toten Gebirge und Traunstein. Sogar die Sisi kam mit ihrem Kaiser, er ging zur Jagd, sie wanderte oder stieg in die Sole im Kurbad Ischl. Künstler verliebten sich in diese zauberhafte Landschaft, und der große Theatermann Johann Nestroy spottete Mitte des 19. Jahrhunderts: "Denn sehen Sie, es ist ein Kreutz; die Welt wird nicht größer und die Mahler werden immer mehr. Wo was neues finden? Um jeden Felsen sitzen drei Maler herum und bemseln drauflos; jedes Bachbrückel, jedes Seitel Wasserfall prangt auf der Leinwand, das ganze Salzkammergut existiert in Öhl."

Bei einem Rundgang durch das Schloss Leopoldskron in Salzburg lande ich auch in der Bibliothek. Der amerikanische Einfluss ist unübersehbar: In der Abteilung "Romantiker" steht u. a. ein Buch von Hillary Clinton.

Die Sonne brennt. Schnell noch ein Eis auf die Hand, bevor ich Mondsee verlasse. Vor knallbunten Häusern am Marktplatz sind schon die Stühle gesäubert, flattern Blümchendecken auf runden Tischen. Am See singt Elvis "It's now or never", und die Bootsverleiher sehen in ihrer Uniform aus wie Kapitäne auf Kreuzfahrtschiffen. Heute werde ich nicht nur gemütlich am Ufer entlangfahren, vorbei an Ferienhäusern, wo Geranien die Fenster schmücken und Hortensienhecken den Blick in den Garten verhindern. Werde nicht nur grüne Hügelchen überrollen und den Bauern fröhlich zuwinken.

Heute wird es ernst. "Da schiebt's halt ein Stückerl", hat Ernst Haberl von Pro-Travel gesagt, als er mir die Route erklärte und das GPS ans Lenkrad anklickte. Ein Stückerl! Von wegen! Ich muss einen Berg zwischen Mond- und Wolfgangsee bezwingen. 600 Höhenmeter. Am Straßenrand stehen Holzkreuze, die an Verkehrstote erinnern: Gustav Pichler, 24 Jahre. Cabrios kurven vorbei. Wie gern würde ich mit ihnen tauschen. Und zwar sofort. Da kommt wieder mein Misstrauen gegenüber dem Navigationsgerät hoch. Vielleicht zeigt es mir den falschen Weg, wie zu Beginn der Tour in Salzburg, als ich erst mal gen Süden fuhr, aber nach Norden musste? Habe ich etwa wieder irgendeinen Knopf gedrückt, der dieses Himmelsrichtungs-Wirrwarr auslöst? Habe ich dieses Mal nicht.

Alles ist richtig. Leider. Aber auch solche Hürden haben etwas Gutes: Nach jeder Steigung kommt eine Abfahrt. Und diese ist herrlich. Ich sause die Serpentinen hinunter, nein, ich fliege. Am liebsten würde ich noch die Arme ausbreiten. In kürzester Zeit erreiche ich St. Gilgen mit seinen schönen Villen, wo das Wasser fast bis zur Kaffeetasse schwappt. Ex-Kanzler Kohl besuchte Jahrzehnte diesen Ferienort, und für das Sommerinterview im Fernsehen posierte er auf einer Almwiese.

Salzkammergut: Regen im Paradies

Am Traunufer setze ich mich in das "Grand-Café Esplanade" in Bad Ischl und bestelle ein Marzipan-Törtchen, eine Spezialität der Konditorei Zauner.

Die Luft klebt an den Armen, der Weg geht am Ufer des Wolfgangsees entlang. Es grummelt aus den Bergen. Schwarze Wolken ballen sich hinter mir zusammen. Ich schalte einen Gang höher, damit ich schneller vorwärtskomme. Blitze zucken übers Wasser. Regen prasselt wie unter einer Tropendusche. Ich flüchte ins Seebad von Strobl, suche Schutz in einer großen, an den Seiten offenen Imbisshütte für Badegäste. Drei Mädchen bibbern unter ihren nassen Handtüchern, von ihren Zöpfen tropft das Wasser. Der Wirt erweitert schnell sein Angebot und bietet Glühwein an.

Vor uns versinkt der See im Nichts, Regenböen peitschen über die Liegewiese, es knallt so laut, dass wir uns die Ohren zuhalten. So schnell das Gewitter gekommen ist, so schnell zieht es weiter. Die Uferwege versinken im Matsch, in großen Pfützen zappeln Eitel, kleine Fische, die aus Bächen hinausgespült wurden. Ich nehme eine Abkürzung, den Panoramaweg von Strobl bis nach St. Wolfgang. Es ist ein verwunschener Wanderpfad, der sich durch ein Wäldchen und auf Holzstegen rund um einen Felsbrocken schlängelt. Zur Linken der Wolfgangsee, der sich noch vom Gewitter etwas beruhigen muss. Wie still es geworden ist. Kein Grollen mehr, keine Paukenschläge aus dunklem Himmel. Die Sonne hat sich für heute verabschiedet, wird mich nicht mehr trocknen. Aber es ist ja zum Glück nicht mehr weit bis zum "Landhaus zu Appesbach".

Der Kies knirscht, als ich mein Rad zum Hotel schiebe. Ein roter Läufer führt über eine Treppe zum Empfang. Schnell unter die warme Dusche springen, dann einen heißen Tee im Salon trinken. "Und einen Aperitif können S' sicher auch gut vertragen", sagt die Kellnerin Manuela, die in Sekundenschnelle erkennt, was Radlerinnen wie ich sich nach so einem Tag wünschen.

Radeln macht rastlos und neugierig.

Radeln macht rastlos und neugierig. So nehme ich immer wieder die Karte in die Hand und gucke nach neuen Routen. Also werde ich heute nicht ins "Weiße Rössl" gehen, auf der Terrasse eine Melange trinken und an Peter Alexander denken, werde nicht bergauf und bergab im Dorf an den Souvenir- und Trachtenläden vorbeibummeln, werde nicht eine Fahrt mit dem Schaufelradschiff "Kaiser Franz Josef" machen. Ich erkunde lieber den Hallstätter See mit dem Rad.

Endstation Wolfgangsee: Hier werde ich in Sekundenschnelle ganz faul

Es ist ein Sommertag, wie ich ihn liebe. 23 Grad, die Sonne verschwindet ab und zu hinter weißen Schäfchenwolken. Das Städtchen Hallstatt am Südwestufer, berühmt für seinen Salzabbau und äußerst fotogen an einen Abhang gebaut, verlasse ich schnell wieder. Zu viele Reisebusse. Mich zieht es mehr dorthin, wo der See ganz ruhig ist, fast unberührt erscheint, ich radle mal auf Sandwegen, mal über Hängebrücken am Fels entlang, mal an Bahngleisen. Auf der 30 Kilometer langen Strecke treffe ich zwei Radler und fünf Wanderer. An Häusern klettern Rosen bis zu den Balkonen, stecken Spaten in Sommerblumenbeeten, sind Ruderboote für die großen Ferien aus den Schuppen rausgeholt worden, und unter Obstbäumen warten Holzbänke auf Besucher. Die Gäste schauen dann auf einen tiefschwarzen See, der beim Baden so schön abkühlt, auf den Hohen Dachstein, von Nadelbäumen bestickt, in seinen wulstigen Falten hat er den letzten Schnee versteckt. Vielleicht kehren sie dann irgendwo ein und trinken "Holunder Kracherl".

Auf mich wartet mein Glücksplatz im "Landhaus". Dort schaue ich dem Wolfgangsee zu, wie er langsam einschlummert, sehe den Mond aufgehen, rund und hell. Ich genieße einen dieser lauen Sommerabende, die eine besondere Leichtigkeit versprühen und eigentlich nicht enden sollten. Heute probiere ich einen Rosé vom Weingut Schloss Gobelsburg. Er prickelt ein wenig. Eine gute Wahl. Und dann werde ich wohl noch einen kleinen Blick auf die Radkarte werfen.

Reise-Info: Urlaub Salzkammergut

Radtour. Die hier beschriebene Fahrt wird vom Radveranstalter Pro-Travel (Pilgerstr. 152, A-5360 St. Wolfgang, Tel. 0043/61 38/252 50, Fax 30 54, mobil: 06 64/ 145 28 06, www.protravel.at) organisiert. Preis z. B. für vier Tage 595 Euro, inklusive Unterkünften, Trekkingrädern, Karten, GPS, Gepäcktransport. Ohne Hotels 230 Euro.

Die Unterkünfte auf der Strecke: "Hotel Auersperg", charmantes Stadthotel mit stylischen Zimmern hinter klassischer Fassade. DZ/F ab 130 Euro (Auerspergstr. 61, A-5020 Salzburg, Tel. 0043/ 662/88 94 40, Fax 889 44 55, www.auersperg.at).

"Schlosshotel Iglhauser", im alten Schlossbräu auf einer Halbinsel im Mattsee, legere Atmosphäre. DZ/F ab 135 Euro (Schlossbergweg 1, A-5163 Mattsee, Tel. 0043/ 62 17/52 05, Fax 52 05 33, www.schlosshotel-igl.at).

"Hotel Schloss Mondsee", großzügige ehemalige Klosteranlage mitten im Zentrum. DZ/F ab 115 Euro (Schlosshof 1a, A-5310 Mondsee, Tel. 0043/62 32/50 01, Fax 50 01 22, www.schlossmondsee.at).

"Landhaus zu Appesbach", wie auf einem englischen Landsitz, direkt am Wolfgangsee. DZ/F ab 160 Euro (A-5360 St. Wolfgang am See, Tel. 0043/61 38/22 09, Fax 22 09 14, www.appesbach.com).

Noch mehr wunderbare Unterkünfte findet man im Führer "Schlosshotels und Herrenhäuser in Österreich und den ehemaligen Kronländern". Hier werden rund 60 Hotels ausführlich vorgestellt. Kostenlos erhältlich bei: Schlosshotels & Herrenhäuser, Moosstr. 60, A-5020 Salzburg, Tel. 0043/662/83 06 81 41, www.schlosshotels.co.at.

Text: Anna M. Löffken Fotos: Melanie Dreysse
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