Weinwanderung in Cinque Terre

Eine Weinwanderung in den Cinque Terre bietet die perfekte Verbindung von Anstrengung und Genuss.

Herrliche Ruhe: In den engen Gassen von Manarola sind Autos nicht erlaubt.

Der 'Tonno' ist ein Frauenwein, weich und samtig", sagt Walter de Battè, "man schmeckt die Erde." Der Winzer greift nach einer anderen Flasche, wiegt sie in der Hand: "Und das ist ein anstrengender Tropfen." Erwartungsvoll beobachtet er mich, als ich meine Nase in das Glas stecke. Ich zögere: "Riecht nach nassem Hund." - "Ja, Hund, das ist gut, es könnte auch Fuchs sein", kichert der 50-Jährige, begeistert von der etwas drastischen Beschreibung. Und guckt enttäuscht, als ich nicht den tierischen, sondern den gefälligeren "Frauenwein" zu meinem Favoriten erkläre. Walter de Battè, drahtig, lebhaft, verschmitzt, ist ein Weinkünstler, der es als höchste Herausforderung ansieht, zu experimentieren und neue Geschmacksrichtungen zu kreieren. Das hat dem kreativen Winzer aus der Region Cinque Terre einen Ruf als Kenner und Berater eingebracht, der mittlerweile bis nach Mar- seille, Paris und Tokio reicht. Sein schmuckloser Weinkeller ist eine Station auf unserer sechstägigen Weinwanderung in den Cinque Terre an der italienischen Riviera, in deren Verlauf wir steile Wege und Treppen erklimmen, zwischendurch regionale Spezialitäten probieren, charaktervolle Tropfen verkosten - und viel über den Weinbau erfahren.

Die italienische Riviera ist perfekt für eine Weinwanderung

Wandern mit Nebenwirkungen: jeden Tag ein bisschen fitter - und dabei viel über Wein lernen.

Für mich ein nicht ganz unvertrautes Terrain: Als Schülerin besserte ich in den Herbstferien mein Taschengeld bei der Weinlese auf. Mein Vater, ein Trierer, ließ uns Kinder zu besonderen Anlässen am Wein nippen, um uns so zu maßvollem Genuss zu erziehen. Noch heute gerät er ins Schwärmen, wenn er von den steilen Südhängen entlang der Mosel erzählt, die dem feinen Riesling seine fruchtige Note geben. . . In den Cinque Terre sind die Hänge noch viel steiler.

Bis zu 800 Meter hoch ragt die fast immer grüne Steilküste aus dem glitzernden Meer. Diese Region an der italienischen Riviera gehört zu Ligurien und ist ein Nationalpark. Monterosso, Vernazza, Corniglia, Manarola und Riomaggiore, die fünf Dörfer, die den Cinque Terre ihren Namen gaben, kleben dicht gedrängt in den felsigen Buchten. Verschachtelte, schmale Häuser in Terrakottarot und Ockergelb, kein Betonwürfel stört den Blick.

Mhmm, diese cremige Camogliese!

Leider ist das Gebiet kein Geheimtipp mehr. Weil aber - außer in Monterosso - striktes Autoverbot herrscht, die meisten Strände nicht nennenswert und große Hotels rar sind, hält sich der Betrieb in Grenzen. Nur in den Hauptgassen und auf dem zwölf Kilometer langen Fußweg, der die Orte verbindet, tummeln sich Tagesgäste, die vormittags von den Bussen an den Rändern der fünf Orte ausgespuckt werden. Schon wenige Meter jenseits der wuseligen Gassen beginnt die Stille. Dort sind wir.

Zum Imbiss: Winzer Walter de Battè sucht für Claudia Kirsch den passenden Wein aus.

Auf den Wanderwegen trifft man Rucksackträger, die höflich "buon giorno" mit deutschem, skandinavischem oder Schweizer Akzent sagen, keinen Müll liegen lassen und Freude an der Bewegung haben. Die Cinque Terre sind ein Paradies für Wanderer. Genauer gesagt, für Wanderer mit Kondition. Ich frage mich mit Blick auf die steilen Hänge etwas bang: Bin ich wirklich fit genug? Immerhin, ich trainiere regelmäßig im Fitnessstudio.

Eine harmonische Verbindung von Anstrengung und Genuss, so hatte ich mir die Reise vorgestellt. Tagsüber ein Workout für Beine, Po und Kondition, Kalorienverbrauch inklusive, danach würde ich mit gutem Gewissen Spezialitäten aus der Region genießen können. Ich würde sündigen, ohne bereuen zu müssen, wunderbar. . . Am Abend vor der ersten Wanderung kommen meine guten Vorsätze kurzzeitig ins Wanken: In dem freundlichen Familienhotel "Villa Argentina" in Moneglia, dem Ausgangspunkt unserer Tagestouren, wird ein köstliches Menü mit kleinen Klößen in Basilikum - "trofi al pesto" -, gefüllten Calamari und frischen, saftigen Garnelen serviert. Warum nicht einfach genießen, ohne Vorleistung?

Wir lassen die Häuser auf unserer Weinwanderung hinter uns

Wo bitte geht's zum Ziel?

Es ist halb neun, noch ist die Luft kühl, als Christina Körte, die Fotografin, und ich mit der Bahn in Vernazza ankommen. Ein Abstecher zum Hafen, dann laufen wir vorbei an winzigen Gärten, in denen sich Zitronenbäume unter der Last ihrer üppigen Früchte biegen, pralle Tomaten und Bohnen mit prächtigen Blumen um knappen Grund konkurrieren.

Schon bald lassen wir die letzten Häuser hinter uns, tauchen ein in eine uralte Kulturlandschaft. Antike Maultier- und Arbeitspfade, "sentieri", führen "su e giù" - auf und ab - über kultivierte Terrassen, wilde Abhänge und durch kleine Schluchten mit immer neuen überwältigenden Blicken aufs Meer. Ich kann mich nicht satt sehen an den sanft geschwungenen Buchten, dem zarten Hellgrün der Weinreben, dem saftigen Dunkelgrün der Wälder. Die Sonne scheint, die üppigen Wildwiesen strotzen von rotem Klatschmohn, blauen, gelben und rosa Blüten. Es duftet nach Myrte, Rosmarin und Basilikum, nach Currykraut und wildem Fenchel.

Anziehungspunkt: Auf der Via dell'Amore treffen sich Besucher aus der ganzen Welt.

Und wie bei Marcel Proust der Duft eines in Tee getauchten Madeleine-Küchleins längst verlorene Bilder aufsteigen lässt, so finde ich mich plötzlich zurück- versetzt in die Wälder und Wiesen meiner Kindheit. Ich verbrachte viele Wochenenden und Ferien bei meinen Großeltern im Hunsrück, kletterte an felsigen, für uns Kinder verbotenen Hängen, richtete mir auf einem verlassenen Jägerhochsitz eine heimliche Leseecke ein, pflückte Walderdbeeren und Schlüsselblumen . . . Am liebsten würde ich mir jetzt ein Schattenplätzchen suchen, sitzen bleiben, Erinnerungen festhalten.

Aber es geht weiter, bergauf und bergab. Die Sonne knallt. Wie es wohl den Menschen geht, die hier leben und arbeiten? Alles, alles muss der Natur abgerungen werden. "Die Touristen sagen, das sei das Paradies. Aber wenn ich den Weinberg auf den Knien hochrutsche, denke ich manchmal: Das ist die Hölle. Und trotzdem: Sobald ich im Berg arbeite, bin ich glücklich", sagt Giulia Mergotti und lächelt. Jeden Tag steht die 73-Jährige um sechs Uhr auf, erledigt zu Hause das Nötigste und geht in die Weinberge ihres Sohnes Luciano. Trifft sich da mit ihren Freundinnen. "Wir erzählen uns unser Leben, und plötzlich ist es Mittag." In Grüppchen ziehen die Frauen von Parzelle zu Parzelle. Die gemeinschaftliche Arbeit hat Tradition. "Ohne uns Frauen gäbe es den Wein nicht", sagt Giulia. Sie strahlt eine so heitere Gelassenheit aus, dass man ihr die Freude an der harten Plackerei einfach glauben muss.

Bei einer Weinwanderung erlebt man die Traditionen Italiens

Delikate Spezialität: Cappun Magru.

Zu tun gibt es immer etwas: düngen, Reben schneiden, im Herbst werden die Trauben geerntet, im Frühling die Triebe am Pergola- Dach in Brusthöhe festgebunden. Mit getrockneten Ginsterzweigen, selbst gesammelt natürlich. Ich lasse mir die Handgriffe zeigen. Nach fünf missglückten Versuchen werde ich ungeduldig. Giulia tröstet mich: "Ich habe mich anfangs auch schwergetan. Als junge Frau lag ich mal weinend unter der Pergola, den da" - sie schnickt mit dem Kinn in Richtung ihres Sohnes - "als Baby auf dem Arm. Ich musste für meine Schwiegermutter einspringen, die war krank." Damals sei sie noch zu jung gewesen, und für den Wein brauche man Reife. "Ich lebe jetzt schon seit 52 Jahren hier. Aber die Liebe zum Wein habe ich erst vor 40 Jahren gefunden."

Luciano Capellini, der Sohn, der schon als Baby unter den Reben lag, wird ungeduldig. Was reden die Frauen auch so lange? Der 48-Jährige arbeitet wochentags in Parma in einer Behörde, an den Wochenenden im Weinbau. Aus Leidenschaft. Und jetzt, findet er, ist es höchste Zeit für eine kleine Weinprobe. Wir kosten den Sciacchetrà. Das ist eine Spezialität der Gegend, ein süßer Dessertwein, in dem sich ein einzigartiges Aroma aus Mineralien, Meer und Macchia entfaltet. Ich mag den aromatischen Wein, aber noch mehr das Wort. Sciacchetrà, Schakketra!, murmele ich halblaut vor mich hin. Würde ich mir eine Katze zulegen, ich würde sie so nennen. Luciano erklärt derweil detailliert, wie aus getrockneten Bosco-, Vermentino- und Albarolatrauben in einem aufwändigen Verfahren der kostbare Wein hergestellt wird. Ich höre nicht so genau zu, begreife aber, dass die Liebe zum Wein nicht nur Privatpassion, sondern in den Cinque Terre zugleich Traditionspflege und Landschaftserhalt ist.

Straßenlokal in Monterosso.

Schon im 12. und 13. Jahrhundert begannen die Bauern, die Macchia an den Steilhänge zu roden und Terrassen für Oliven und Wein anzulegen. Fast 7000 Kilometer "muri a secco", Steinmauern ohne Mörtel, gestalten die Terrassen und halten zugleich die Hänge: Auch nach wochenlangen Regenfällen kann das Wasser abfließen, die Erde wird nicht ins Meer gespült. Für Terrassen und Mauern musste Stein um Stein aus den Felsen gebrochen und in Schulterkörben geschleppt werden. Noch heute wird das meiste von Hand gemacht, für Maschinen ist ebenso wenig Platz wie für Straßen in dem Gebiet - manche nennen es die größte Fußgängerzone der Welt -, das 1997 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Mein Respekt wächst. Als ich einen Mauerbauch, ein halbkugelig nach außen gewölbtes Mauerstück, das beim nächsten starken Regen durchbrechen könnte, sehe, ertappe ich mich dabei, dass ich mir Sorgen mache. Sorgen um eine Mauer?

Lucia backt aus Leidenschaft.

Je weiter der Weg ins Landesinnere führt, desto einsamer wird es. Auf der Strecke in Richtung Portovenere sind wir fast allein. Der weiche Weg führt durch einen würzig nach Harz und Pilzen duftenden Wald, Kastanien und Steineichen spenden gnädigen Schatten. Ich könnte noch ewig weiterlaufen, bin stolz darauf, dass ich mich von Tag zu Tag fitter fühle. Trotzdem ist die Freude groß, als wir nach mehrstündiger Wanderung einen Zwischenstopp im "Piccolo Blu", einer Loungebar in Campiglia, machen. Wohlig erschöpft lasse ich mich auf einen Stuhl plumpsen.

"Woanders leben? Undenkbar! Es gibt keinen schöneren Ort als diesen." Lucia, eine ehemalige Buchhalterin mit weichem, kindlich rundem Gesicht, hat erst spät ihre Passion fürs Backen und Kochen zum Beruf gemacht. Zusammen mit ihrer Schwester, einer Ex-Stewardess, betreibt die 42-Jährige die Bar und das dazugehörige kleine Hotel.

Pause in der Bucht von Portovenere.

Das raffiniert-rustikale Essen, das stylisch-bodenständige Ambiente - alte goldene Spiegel in der Bar, nüchtern aussehende, aber gemütliche Hängematten in Betongestellen auf der Wiese davor - locken gleichermaßen Wanderer, Eventveranstalter und Sonntagsausflügler aus dem nahen La Spezia.

Noch einen Espresso zum Abschluss, dazu einen zweiten von den würzigen grünen Keksen. Und weiter geht's nach Portovenere. Der postkartenhübsche Hafenort gehört nicht mehr direkt zu den Cinque Terre, ist aber über Wanderwege und Schiffsverbindungen eng damit verbunden. Schmale pastellfarbene Häuser rahmen den Hafen, in dem Yachten zahlenmäßig die Fischerboote bei weitem übertreffen. Der Ort lädt zum Bummel ein, auf den Klippen unterhalb der Festung genießen wir die Abendsonne. Jetzt eine Runde schwimmen!

Giulia Mergotti liebt die Weinberge.

In Groppo, einem abgelegenen Weiler, werden wir erwartet. Groppo wäre ein reizloser Ort, gäbe es dort nicht das "Cappun Magru", ein Gourmet-Restaurant in der Umgebung. Christiane Utsch hat das Lokal zusammen mit ihrem Mann Maurizio Bordoni vor zwölf Jahren eröffnet. Die Deutsche überfällt uns mit einem Redeschwall. Ohne Punkt und Komma erzählt die 43- Jährige von ihren beiden Söhnen, beschreibt, wie sie ihre berühmten Sardellen einlegt und wie viel Arbeit das Lokal macht. Wir erfahren, dass sie sich zur Sommelière habe ausbilden lassen und dass es für die Fa- milie an der Zeit sei, Groppo zu verlassen.

Begnadeter Koch: Das Sprechen überlässt Maurizio Bordoni seiner Frau.

Erst jetzt fällt mir auf, mit welch einhelligem Überschwang Einheimische wie Fremde von der Einzigartigkeit dieses Landstrichs schwärmen. Es ist fast erfrischend, einmal etwas andere Töne zu hören. "Maurizio wollte immer in der Welt rumkommen, jetzt ist er 53 und sitzt immer noch hier." Christiane Utsch will ihrem Mann die Freiheit wiedergeben. Vielleicht auch sich? Sie führt uns in die Küche, einst das Schlafzimmer der Schwiegereltern.

Dort wirbelt Maurizio mit Panamahut statt Kochmütze, grinst uns kurz an, verschwindet mit dem Kopf sofort wieder in seinen Töpfen. Das Sprechen überlässt der begnadete Koch seiner Frau. Natürlich essen wir die Spezialität des Hauses, das Namen gebende Cappun Magru. Das zum Gesamtkunstwerk verfeinerte traditionelle Seefahrergericht ist eine kunstvoll geschichtete Komposition aus Austern, mariniertem Gemüse, feinen Kräutern, Muscheln, geräuchertem Schwertfisch, Garnelen, eingelegten Sardellen . . . ein aromatisches Feuerwerk.

Wiesen, die nach Kindheit duften.

Und wieder erlebe ich das beglückende Gefühl, für die Anstrengungen des Tages mehr als belohnt zu werden. Wir trinken Weine aus der Region, natürlich. Und hoffen für die Gegend, dass ihr dieses Lokal und sein Koch erhalten bleiben. Und all die anderen begeisterten und begabten Menschen: Walter und Lucia, Giulia und Luciano. . . All die, die sich hier abrackern und so die Tradition und die Landschaft bewahren. Aus Leidenschaft.

Weinwanderung: Reise-Info

Angeboten werden die Weinwanderungen in den Cinque Terre von Arbaspàa Tour Organizer. http://www.arbaspaa.com, Tel. 0039/01 87 76 00 83 (es wird Deutsch gesprochen). Preis: 939 Euro pro Person für sieben Übernachtungen im Doppelzimmer mit Frühstück und Abendessen. Im Preis enthalten sind unter anderem Wanderführer für alle Touren, alle Transfers mit Bahn, Schiff oder Bus sowie professionelle Weinverkostungen mit lokalen Spezialitäten. Mehr Infos unter www.wein-wandern.it

Buchtipp Viele Informationen und Details bietet der Reiseführer "Cinque Terre und Umgebung", 324 Seiten, 12,50 Euro, Reise Know- How Verlag

Text: Claudia Kirsch Fotos: Christina Körte
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