Gardasee: Highlights und Reisetipps

Es gibt in Italien noch Ecken, die so aussehen wie vor 30 Jahren. Der Gardasee ist so ein in die Jahre gekommenes Paradies und die zweite Heimat unserer Autorin Franziska Wolffheim.

Das Bellen und Knurren ist ohrenbetäubend, als würden mindestens zehn Hunde hinter der großen Holztür herumspringen. Jedes Mal, wenn ich bei Marina klingele, rasten die Hunde aus. Dann schreit sie mir aus den Tiefen ihres Hauses zu, ich solle warten. Nach kurzer Zeit hat sie ihre drei Mitbewohner weggesperrt, und schon geht die Tür zum Innenhof auf. Kein Laut ist zu hören. Marina lacht, weil ich mich jedes Mal erschrecke. Dabei fahre ich seit mehr als 30 Jahren an den Gardasee und weiß genau, was passiert, wenn ich bei ihr klingele. 

Der immer wieder See

Marina, unsere Nachbarin, gehört für mich so selbstverständlich zum Gardasee wie "La Polenta", der kreisrunde Hügel hinter unserem Dorf. Fasano Sopra liegt etwas oberhalb am Westufer, in der Nähe von Gardone, dort, wo der Gardasee breit wird. Marina ist vermutlich zwischen 70 und 80 Jahre alt, genau weiß ich es nicht. Tagtäglich rattert sie mit ihrer Vespa durch die Gegend, um Einkäufe zu erledigen, fast immer trägt sie einen ihrer altmodischen, etwas staubigen Röcke. Sie hat wenig Geld und ein weites Herz. Jedes Mal, wenn ich da bin, bekomme ich Eier, Salat, Feigen oder saure Birnen von ihr, sie hat nicht weit vom Dorf ein Stückchen Land.

"Che bella giornata", was für ein schöner Tag, sagt sie oft, wenn die Sonne über "La Polenta" aufgeht und die Oberfläche des Sees glitzert, als würden Tausende Glasscherben das Licht zurückwerfen. In ihrem alten Gesicht steht dann ein Leuchten, zurückgenommen, aber deutlich sichtbar. Sie freut sich, wenn im Februar die Mimose vor ihrem Haus blüht und im Sommer abends die große Hitze nachlässt und ein Windhauch die Haut streift. Marina gehört zu den vielen Menschen hier, die ihre Umgebung wertschätzen und sich ganz selbstverständlich auf den Rhythmus der Jahreszeiten einstellen. Die sich an Kleinigkeiten freuen können, und wenn es nur eine Flasche Olivenöl ist, in dem vielleicht etwas von den Oliven aus dem eigenen Garten steckt, die man im späten Herbst zur Ölmühle gebracht hat. 

In Limone sul Garda kleben manche Häuser wie Nester am Granit. Das Örtchen schiebt sich in Terrassen das Seeufer hoch. 

Dieses Einverständnis mit dem, was ist, gefällt mir und gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit, wenn ich zum Ich-weiß-nicht-wievielten-Mal in unsere Ferienwohnung an den Gardasee fahre.

Natürlich schimpfen die Menschen auch. In einem lauten Dialekt, von dem ich kein Wort verstehe. Weil die Olivenernte verhagelt ist. Weil das Internet auf dem Hügel, wo man wohnt, so schrecklich langsam ist. Weil im Sommer die Touristen, die man gleichermaßen braucht und hasst, über den See herfallen, die Straßen verstopfen und man keinen freien Platz im Café bekommt. Aber ganz oft ist da eben diese Freude. Und der Wunsch, den anderen daran teilhaben zu lassen.

"Schau mal, großer Bursche", sagt ein Mailänder, der in Fasano Sopra eine Zweitwohnung hat. Er hält mir einen Coregone, einen Blaufelchen, direkt vor die Nase, er hat ihn gerade aus dem Gardasee gezogen. "Ich habe keine Lust, das Vieh auszunehmen, aber frischer geht es nicht." Also mache ich mich ran, die Innereien sind ziemlich blutig, aber es ist nicht der erste Fisch, den ich hier ausnehme. Und der so viel besser schmeckt als das abgepackte Filet aus dem Supermarkt.

ICH MAG DAS UNPERFEKTE, DIE VERWEIGERUNG DER MODERNE

ES GIBT REGIONEN IN ITALIEN, die sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert haben. Das ist sozusagen das alte Italien, das gar keine Lust auf großen Wandel hat. Auch der Gardasee gehört dazu. Von ein paar modernen Ferienhausanlagen und luxuriösen Wellnesshotels einmal abgesehen, ist sich der See treu geblieben. Viele Hotels wirken genauso verstaubt wie vor 30 Jahren. Einige Tunnel am Westufer sind noch genauso schlecht beleuchtet wie damals. Die Schiffe der Navigarda, die auf dem See herumfahren, verströmen ein nostalgisches Flair. Es ist, als würde man in einen alten Film steigen, wenn man an Bord geht.

Man kann das alles mögen oder komplett "ranzig" finden, wie mein Teenager-Sohn sagt, wenn er mit mir am Gardasee ist. Ich gehöre zu denen, die diesen etwas schrabbeligen Charme mögen: das Unperfekte, Unaufgeräumte, die unausgesprochene Verweigerung gegenüber der Moderne. Der Gardasee erinnert mich an Reisen in meiner Kindheit, als ich mit meinen Eltern an den Schweizer Seen war. Schon damals liebte ich die Fahrten mit den Dampfern, auf denen wir viele Stunden verbrachten und behäbig übers Wasser fuhren.

WENN ICH AM GARDASEE BIN, merke ich, wie sich mein Tempo von ganz allein herunterdrosselt. Das liegt vor allem daran, dass ich viel Zeit damit verbringe, einfach nur zu schauen. Besonders die Berge, die den See einfassen, lassen mich nicht los, es ist wie ein geheimer Zwang. Wahrscheinlich liegt mein Respekt vor den Bergen daran, dass ich ein Nordlicht bin und die meisten Jahre meines Lebens in Hamburg verbracht habe.

Die Berge, die den See einfassen, ziehen die Blicke auf sich. Bei Pregasina kann man Richtung Osten bis zum Monte Baldo schauen.

Vor allem mag ich den Monte Baldo, einen rund 30 Kilometer langen Bergrücken, der an einigen Stellen deutlich über 2000 Meter hoch ist. Er liegt am Ostufer, unsere Wohnung am Westufer, da habe ich ihn direkt vor der Nase. Nur im Sommer verschwinden die Berge häufig im Dunst. Im Winter zeigen sie sich dagegen in glasklaren Konturen, nicht selten sind die Wipfel weiß gepudert, und am Spätnachmittag leuchten sie für einen Moment durchdringend rot, bis die Sonne untergegangen ist.

Diese Bilder sind sehr intensiv, wie Archetypen, die mich erden. Ich glaube, die Farben des Gardasees sind mittlerweile in meine DNA übergegangen. "Es ist so schön hier, dass einem fast schlecht werden kann", hat eine Freundin von mir mal gesagt. Genau so ist es.

IN DER VOR- UND NACHSAISON MAG ICH DEN GARDASEE AM LIEBSTEN. Ich freue mich im Vorfrühling, wenn die Mimosen und Zierkirschen blühen, wenn die ersten Cafés ihre Terrassen öffnen und die unvermeidlichen Italo-Schnulzen auf ihre Gäste loslassen. Ich genieße es, wenn im Herbst plötzlich der Sommer wiederkommt, eine Laune des Himmels, ein unverhofftes Geschenk. Dann sitze ich in Salò, einem meiner Lieblingsorte, im T-Shirt im Café und schaue mir die aufgebrezelten Einheimischen an, die über die lange Seepromenade flanieren.

Im Winter bin ich glücklich, wenn die Blätter der Olivenbäume in der Sonne silbrig schimmern und das satte Grün von Pinien, Zypressen und Lorbeer mich darüber hinwegtröstet, dass bei uns die Natur gerade vollkommen abgetaucht ist. Im Sommer bin ich seltener am Gardasee - zu voll, zu heiß, zu laut. Einerseits. Andererseits ist es wunderschön, im kühlen See zu baden, den Strand hinter sich zu lassen und den Bergen entgegenzuschwimmen. Doch spätestens wenn eines der vielen Motorboote seinen Motor aufheulen lässt, drehe ich schleunigst um.

Es gibt so viel Neues und Schönes zu entdecken

In den vergangenen Jahren habe ich das Wandern entdeckt, jedes Mal stoße ich auf neue Wege und Dörfer. In den Gärten liegen alte Schläuche und umgekippte Kübel zwischen Tomatenstauden, akkurat angelegte Beete sind hier eher selten. Ich mag das verwunschene "Valle delle Cartiere" hinter Toscolano-Maderno, ein Tal, in dem bis vor rund 50 Jahren noch in Mühlen Papier hergestellt wurde und ein romantischer Wildbach rauscht. Ein anderes Mal steige ich auf den knapp 1600 Meter hohen Monte Pizzocolo am Westufer. Der Aufstieg ist schweißtreibend, aber der Blick auf den größten See Italiens, der plötzlich so klein geworden ist, grandios.

Nachts lassen Straßenlichter die Felswände aufleuchten, wie in Limone sul Garda. 

Manchmal, nach vielen Spaziergängen in der Einsamkeit, habe ich Lust auf Menschen. Dann fahre ich zum Beispiel zur Halbinsel von Sirmione im Süden, wo man die berühmten Grotten des Catull anschauen kann, Ruinen aus der römischen Kaiserzeit. Eine Flut von Menschen flaniert dort wie auf der Via del Corso, der römischen Shoppingmeile. Trotzdem bleibe ich. Und lasse mich aus dem Ort heraustreiben, zu der kleinen romanischen Kirche San Pietro in Mavino, wohin sich kaum jemand verirrt.

Da ist es, dieses ganz eigene Flair von Sirmione. Vielleicht liegt es an den vielen Oliven- und Zypressenhainen, dass die Halbinsel fast mediterran wirkt. Auch die Kirche ist von Oliven umgeben, innen befinden sich wunderschöne Fresken, die ältesten stammen aus dem 12. Jahrhundert. Ein Stein vor der Kirche trägt die schlichte Inschrift "Ascolta il silenzio" – höre die Stille. Am Gardasee kann ich sie an vielen Orten hören, selbst in der Nähe des größten Gewusels.

Reiseinfos GARDASEE

www.visitgarda.com: Hier findet man, übersichtlich gegliedert, detaillierte Infos zu Orten, Unterkünften, Events, zur Anreise bis hin zum Klima – und für Surfer und Segler: Infos zum Wind am Gardasee.

Reiseführer: Eberhard Fohrer, "GARDASEE". Gute Mischung aus Hintergrundwissen und praktischen Tipps, inkl. sieben detailliert beschriebener Wandertouren (360 S., 18,90 Euro, Michael Müller Verlag)

Übernachten:

Locanda Agli Angeli Schöne Lage im autofreien Zentrum von Gardone Sopra. Innenhof mit kleinem Pool, geschmackvoll eingerichtete Zimmer, sympathische Atmosphäre. DZ/F ab 100 Euro. www.agliangeli.biz

Villa Sostaga Boutiquehotel nahe Gargnano in ehemaligem Jagdschloss oberhalb des Sees. Individuell gestaltete Zimmer, schöner Garten mit Pool. DZ/F ab 170 Euro, www.villasostaga.it

Essen:

TRATTORIA AGLI ANGELI. Raffinierte, etwas teurere Küche. Ausgefallene Pasta-Kreationen (z. B. mit Perlhuhn), köstlicher Fisch. Via Dosso 7, Gardone Riviera

PIZZERIA NABLUS. Fabelhafte, knusprige Pizza, faire Preise. Große Terrasse mit traumhaftem Blick auf den See. Via Supiane 1, Gardone Riviera, www.ristorantenablus.com

TAVERNA KUS. Ehemaliges Landhaus über dem See mit großartigem Weinkeller. Regionale Gerichte, z. B. Hirschragout, Trüffelpasta. Località Castello 14, San Zeno di Montagna, www.ristoranteveronatavernakus.it

Freizeit:

DER BOTANISCHE GARTEN VON ANDRÉ HELLER ist wunderbar üppig und poetisch, mit Blühpflanzen aus aller Welt. Zwischendurch stößt man auf Skulpturen von Keith Haring oder Roy Lichtenstein – eine perfekte Verbindung von Kunst und Natur. www.hellergarden.com

BADEN Sirmione: Der "Lido delle Bionde" an der Spitze der südlichen Halbinsel hat einen langen Badesteg, das Wasser ist hellblau-türkis, umrahmt von Felsen mit römischen Ruinen. Toscolano-Maderno: Der "Lido Azzurro" am Westufer ist einer der wenigen Sandstrände am Gardasee, mit Aussicht auf den Monte Baldo gegenüber. San Felice del Benaco: Die "Baia del Vento" liegt geschützt zwischen zwei Landzungen, Blick auf die Isola del Garda, Bootsverleih.

BESICHTIGEN Isola del Garda: neogotischer Palast mit alten Familienbildern an den Wänden, perfekter englischer Garten vor der Villa und ein dicht bewaldeter Park. Tickets inklusive Bootsüberfahrt ab 31 Euro, www.isoladelgarda.com

Vittoriale degli Italiani: groß angelegtes Ensemble in Gardone Sopra mit Freilichttheater, U-Boot, Wohnhaus und Mausoleum des Dichters Gabriele d’Annunzio, im Sommer Konzerte, www.vittoriale.it

HINGUCKER Die Madonnenstatue "Regina Mundi" wurde von einem Mönch geschaffen, sie steht auf 532 Meter Höhe auf einer Terrasse über dem Lago.

Ein Artikel aus BRGITTE Woman

Brigitte WOMAN 10/2018

Wer hier schreibt:

Franziska Wolffheim
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Gardasee: Boote auf dem Gardasee
Gardasee: Highlights und Reisetipps

Es gibt in Italien noch Ecken, die so aussehen wie vor 30 Jahren. Der Gardasee ist so ein in die Jahre gekommenes Paradies und die zweite Heimat unserer Autorin Franziska Wolffheim.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

Deine Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden