Kostbar wie Parfüm

Marokkanisches Argan-Öl ist eine große Delikatesse. Und wird auch in der Heilkunde geschätzt. Die Herstellung des kostbaren Öls ist sehr zeitaufwändig.

Es ist das Parfüm unter den Speiseölen: Sparsam dosiert, kommt das nussige Aroma der kostbaren Flüssigkeit am besten zur Geltung. Schon wenige Tropfen des kräftig nach gerösteten Mandeln schmeckenden Argan-Öls reichen aus, um kalten und warmen Speisen eine besondere Note zu verleihen und Brot, Fisch- und Fleischgerichte zu veredeln. Darum sollte „das flüssige Gold Marokkos“ – 250 Milliliter kosten immerhin um 30 Euro – am besten mit einem Zerstäuber oder einer Pipette verteilt werden. Denn wie bei jedem anderen besonders exquisiten Duftwasser gilt auch hier: Weniger ist mehr.

Nicht nur Spitzenköche schwärmen vom Geschmack ihrer neuesten kulinarischen Entdeckung. Auch Ernährungswissenschaftler sind begeistert. Sie preisen die gesunden Inhaltstoffe, vor allem den hohen Gehalt an ungesättigten Fettsäuren und Vitamin E, der das Immunsystem stärken soll. Kosmetikfirmen entdecken das Öl als Wunderwaffe gegen Zellalterung, und Ärzte setzen es bei der Behandlung von Ekzemen oder Neurodermitis ein. Forscher konnten nachweisen, dass es den Cholesterinspiegel senkt und die Durchblutung verbessert. Argan-Öl ist zur Zeit in aller Munde, und immer mehr Firmen werben mit folkloristischen Fotos glücklicher Berberfrauen, die dieses wertvolle Produkt in traditioneller Handarbeit herstellen.

40 Kilo Früchte ergeben nur einen Liter Argan-Öl

"Argan-Öl ist einfach ein Genuss und absolut lecker!", sagt auch Dr. Elke Böhnert, 53. Sie weiß genau, wie viel Aufwand in einem winzigen Fläschchen des Öls steckt. Zwei Jahre betreute die Agraringenieurin ein EU-Projekt in Marokko, das Frauen dabei unterstützt, sich in Kooperativen zusammenzuschließen und ihr Produkt besser zu vermarkten. Die althergebrachte Gewinnung des Öls ist äußerst arbeitsintensiv: Zunächst müssen die Früchte des dornigen Argan-Baums, der ausschließlich in Marokko wächst, gesammelt und getrocknet werden. Dann wird das Fruchtfleisch entfernt und die extrem harte Nuss mit Hilfe von zwei Steinen geknackt. Das geht nur von Hand, weil die Nüsse unterschiedlich groß sind. In Inneren befinden sich zwei bis drei Mandeln, die zuerst leicht geröstet und dann in einer Steinmühle gemahlen werden. Aus der so entstandenen Paste lässt sich das Öl durch ständiges Kneten und Zugabe von lauwarmem Wasser austreiben. Für einen Liter braucht man rund 40 Kilo Früchte. Zum Vergleich: Für einen Liter Olivenöl benötigt man etwa fünf Kilo Oliven.

Ein enormer Aufwand, der lange nur für den Eigengebrauch betrieben wurde. Durch die internationale Vermarktung bekommt er plötzlich einen ganz anderen Wert und wird gut bezahlt: "Mit Hilfe der Kooperativen bekommen die Frauen Zugang zum internationalen Markt – ohne über die Männer in den Familien gehen zu müssen. Das hat ihr Selbstbewusstsein sehr gefördert", sagt Elke Böhnert. "Es ist toll, zu beobachten, wie die Berberfrauen, die zum größten Teil Analphabetinnen sind, sich verändern. Wie sie in Versammlungen auftreten und das Wort ergreifen." Mit der Nachfrage nach Argan-Öl wächst aber auch die Zahl derer, die davon profitieren wollen. "Einige private Ölmühlen kaufen die Mandeln für wenig Geld an den Märkten auf oder lassen die Früchte von Frauen gegen einen geringen Lohn verarbeiten", so Böhnert. Ein Unternehmen exportiere die Mandeln sogar in die Schweiz und lasse das Öl dort maschinell extrahieren. Dadurch kann die Firma ihr Produkt sehr viel günstiger anbieten als die Kooperativen: Während in der Schweiz rund 50 Liter pro Tag produziert werden, schafft eine Frau auf die traditionelle Weise nur zwei bis drei Liter pro Woche. Wie das Öl gepresst wird – manuell oder maschinell –, hat keinen Einfluss auf die Qualität. Doch schlechte Mandeln erkennen und vorher aussortieren, das können nur die marokkanischen Frauen.

Der Wert ihrer Arbeit fördert das Selbstvertrauen.

Bisher gibt es rund 60 Kooperativen im Südwesten Marokkos, von denen etwa 50 mit dem traditionellen Handpressverfahren arbeiten. Ein Siegel, das die Herkunft des Öls garantiert, existiert noch nicht. Deshalb rät Böhnert, beim Kauf darauf zu achten, ob das Produkt wirklich aus einer Frauenkooperative stammt. Denn nur so ist garantiert, dass die Produzentinnen direkt am Gewinn beteiligt sind. In Deutschland arbeitet beispielsweise das Unternehmen Argand'Or direkt mit einer Vereinigung von Kooperativen zusammen und führt deren Label auf seinen Produkten. Das Öl der Firma wurde zudem 2005 als "BioFach-Produkt des Jahres" ausgezeichnet.

Argan-Öl ist wie ein Lieblings-Parfüm

Natürlich kauft wohl niemand ein Fläschchen Argan-Öl, nur um sein soziales Gewissen zu beruhigen. Wer aber einmal an dem ebenso eigenwilligen wie delikaten Aroma Geschmack gefunden hat, wird bald nicht nur Salate oder Dips mit dem Öl würzen, sondern sich auch an neuen Rezepten versuchen. Zum Beispiel Nudeln, Couscous oder Lamm damit beträufeln. Ein wenig verhält es sich mit dem Argan- Öl wie mit einem Lieblingsparfüm: Sicher, es ist teuer und nichts für jeden Tag. Und natürlich probiert man auch mal andere aus. Aber am Ende kehrt man immer zu dem einen zurück.

Wissenswertes über Argan-Öl Der Argan-Baum, eine der ältesten Pflanzen der Welt, hat sich in 25 Millionen Jahren zu einem Spezialisten für das Überleben in Wüstengebieten entwickelt: Seine Wurzeln können sich auf der Suche nach Wasser bis zu 30 Meter in den Boden bohren, und in Zeiten großer Trockenheit wirft er seine Blätter ab, stellt sein Wachstum ein und kann so jahrelang auf den nächsten Regen warten. 1998 erklärte die Unesco die Arganerie, die Region im Südwesten Marokkos, in der noch etwa 20 Millionen dieser Bäume wachsen, zum schützenswerten Biosphärenreservat.

Text: Susanne Kohl Foto: Thomas Neckermann
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