Noch ein Häppchen?

Mit Lust essen macht gute Laune. Vergessen Sie doch mal Fette und Kalorien und genießen Sie ohne Reue eine Tafel Schokolade oder eine gute Flasche Rotwein!

Sind Sie gerade hungrig? Dann werden Sie mich wahrscheinlich gleich verfluchen. Vor ein paar Wochen haben Freunde in Süddeutschland ein Gourmet-Menü aufgetischt, von dem ich immer noch schwärme. Als Vorspeise gab es Canapes mit Aal, danach Gänseleberpastete. Folgte Rotbarbe auf Couscous und ein Sorbet von Papaya mit Thymian. Anschließend wurde ein prächtiger Rehrücken serviert. Dann die Desserts! Kokosreis mit Orangen, gefolgt von Mousse au Chocolat. Die Auswahl an französischen Käsesorten fehlte ebenso wenig wie die Pralinen zum Kaffee. Klingt nach purer Völlerei, oder? Fette, Fette und noch mal Fette.

Nach dem magenausputzenden Grappa zum Schluss schwiegen wir andächtig. Das Schweigen der Schlemmer. Eine Stunde hatten wir keine Lust, uns zu rühren. Gegen Mitternacht machten wir dann einen Spaziergang unter funkelndem Sternenhimmel. Wunderbar! Die ganze Woche zehrte ich noch von der Erinnerung. Vielleicht meinen Sie jetzt, einmal im Jahr kann man ja so was machen und dann vielleicht noch zu Weihnachten. Am liebsten aber hätten Sie dabeigesessen, oder? So geht es mir zumindest, wenn ich Donna Leons Brunetti-Krimis lese. Der Kommissar sitzt ständig mit seiner Familie zusammen und verzehrt die größten Leckerbissen, als ob in Venedig keine Verbrecher rumlaufen würden. Es ist ihm in diesem Moment egal, er ist Genussmensch und weiß, dass seine analytischen Fähigkeiten unter dem guten Essen nicht wirklich leiden. Vielleicht sogar noch zunehmen? Ich finde, er hat Recht.

Genießen kann man neu lernen

Eine Reihe von Sätzen über das Essen sind uns so unumstößlich eingebimst worden, als gehörten sie zum Universalwissen der Menschheit. Zum Beispiel: Fettes Essen ist ungesund. Zucker macht dick und die Zähne kaputt. Salz treibt den Blutdruck in die Höhe. Eier sind Cholesterinbomben. Viele Menschen halten sich tatsächlich daran, die Vorstellung, ungesund zu essen, ist für sie schlimmer, als ihr Bankkonto zu überziehen. Heute wissen wir, dass viele dieser Glaubenssätze, die wir von Kindheit an kennen, halbgar sind. Auch Ernährungswissenschaftler gehen davon aus, dass sich Genuss - wenn er nicht gerade zum täglichen Gelage wird - positiv auswirkt.

"Lust am Essen macht einfach gute Laune - und in Gesellschaft erst recht", sagt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. "Wer wirklich genießen kann, tut unter Umständen mehr für seine Gesundheit, als wenn er sich immer neue Vorschriften auferlegt." Wenn wir ständig Nährwerttabellen neben dem Herd liegen haben, jeden Abend unsere persönliche Vitaminbilanz ziehen, permanent über Kalorien und überzählige Pfunde nachdenken, sind wir zweifellos brillante Buchhalter unserer täglichen Energie-Zufuhr - aber sonst? Spaß macht dieser Gedanke überhaupt nicht, und vor meinem Auge taucht jetzt ein dickes Stück Sacher-Torte auf. Ich muss es nur noch kaufen...

Mittlerweile gibt es mehrere Untersuchungen über "mood food", also Essen, das unsere Stimmung beeinflusst. Süßes wie Schokolade oder Kuchen lässt den Blutzuckerspiegel in die Höhe schnellen. Endorphine werden ausgeschüttet - gute Laune macht sich breit. Amerikanische Forscher fanden außerdem heraus, dass dunkle Schokolade - in Maßen genossen - gut fürs Herz ist: Sie enthält viele Flavonoide, sekundäre Pflanzenstoffe, die Herzgefäße und Arterien schützen.

Auch in Rotwein sind Flavonoide, und dass ein Glas Wein zum Essen gut tut, wussten Sie wahrscheinlich schon. Über den Zusammenhang von Blutdruck und Salz gibt es ebenfalls aufschlussreiche Untersuchungen: Nur bei jedem zweiten Hochdruck-Patienten, der seinen Salzkonsum einschränkt, sinkt der Blutdruck. Wer also glaubt, fades Essen sei automatisch gesund, kasteit sich ohne Not. Wenn wir am Herd stehen und unsere Spargelsuppe abschmecken, sollten wir uns auch auf unseren Geschmackssinn verlassen und nicht im Geiste die Salzkörner in die Suppe zählen. Und schließlich Nüsse, die doch als Dickmacher gelten: Mandeln, Pistazien oder Walnüsse etwa enthalten viele mehrfach ungesättigte Fettsäuren, die wiederum das Cholesterol im Blut senken.

Viele Lebensmittel, die gut schmecken und als Sünde gelten, sind also gar nicht so schädlich, wie wir meinen, manche können dem Körper sogar Gutes tun - alles eine Frage der Dosis. Vielleicht sollten wir es öfter mit dem Commissario Brunetti halten: mehr Anarchie auf dem Teller, weniger Selbstzensur. Was Lust macht, Glücksgefühle auslöst, entzückt, entfesselt, kann nicht ganz falsch sein. Wenn wir ständig den Gesundheitsstreber heraushängen lassen, Schuldgefühle beim Prassen entwickeln, bremsen wir uns nur selbst aus. Was wiederum zu Unlust führt, die sich anderswo Bahn bricht. Sollten Sie allerdings der Meinung sein, Sie seien tatsächlich zu dick und ernährten sich ungesund, stellen Sie sich doch ein opulentes Menü zusammen - in Ihrer Fantasie. Kopf-Kino fürs Genießen. Dann kann es allerdings passieren, dass Sie plötzlich aufspringen und anfangen zu kochen. Aber wäre das wirklich so schlimm?

Text: Franziska Wolffheim Foto: iStockphoto

Wer hier schreibt:

Franziska Wolffheim
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