Beeindruckende Stickkunst mit Nadel und Faden

Andere Künstler arbeiten mit Metall, Stein, Holz oder Farben. Die Südafrikanerin Nikki Delport-Wepener schafft Stickkunst mit Nadel und Faden.

Wer Nikki Delport-Wepener besuchen will, nimmt die Fähre von Hongkong zu der vorgelagerten kleineren Insel Discovery Bay - und ist nach 25 Minuten Überfahrt in einer anderen Welt: keine Hochhäuser mehr, statt Autos fahren Golfcarts, und die Wege sind mit Rasen und Blumen eingefasst. Eine Kleinstadt mit 20 000 Bewohnern, die eher wie ein Feriendorf wirkt.

Nikki Delport-Wepener kommt zum Fähranleger gelaufen: Eine schlanke blonde Frau mit klassischem Mädchengesicht, lässig-elegant gekleidet, Flipflops an den Füßen. Bis zu ihrem Zuhau-se sind es fünf Minuten zu Fuß, immer am Strand entlang. Vor sechs Jahren sind sie und ihr Mann Ray Wepener, ein Investmentbanker, hergezogen. Die Wohnanlage im Grünen, in der sie eine Doppelhaushälfte haben, sieht nach Wohlstand aus. Innen wirkt das Domizil aufgeräumt und elegant: helle Sofas, dunkle Esszimmermöbel, Papageienblumen in der weißen Wohnküche neben dem Eingang. Viel Kunst - vor allem Malerei, aber auch Stickereien der Hausherrin. Und die sind schon mal ein, zwei Quadratmeter groß.

Spätestens jetzt, beim Anblick ihrer Werke, wird deutlich: Für Nikki Delport-Wepener ist die Stickerei kein Hobby, sondern ihr Beruf - und zudem eine frühe Berufung: Bereits mit drei Jahren hat sie von ihrer Mutter Lesley Turpin-Delport, einer akademisch ausgebildeten Künstlerin, ihr erstes Nadelkissen geschenkt bekommen. Erinnert sie sich an ihre frühe Kindheit, sieht sie sich selbst und ihre Mutter stickend am Kamin, umgeben von ihren Chow-Chows und den Nachbarsfrauen, die sich von Lesley Turpin-Delport im Sticken unterrichten ließen. Mit sechs Jahren beherrschte Nikki Delport-Wepener alle Basisstiche. "Hier, diese Fische habe ich damals gestickt": Sie zeigt auf vier gerahmte Bilder, die nicht nach Arbeiten eines Vorschulkindes aussehen. Während ihre Mutter gern Menschen und Porträts fertigt, war Nikki Delport-Wepener schon früh begeistert von Tieren und Pflanzen - und hat deshalb Biologie studiert. Später wurde sie Grundschullehrerin und ging dann mit ihrem Mann nach England. Dort hat ihre Leidenschaft sie eingeholt: Sie studierte an der Royal School of Needlework die reiche britische Sticktradition und unterrichtete bald selbst an Stickschulen.

Daraus ist eine enge Zusammenarbeit mit ihrer Mutter entstanden. Bereits seit den 80er Jahren vertreibt Lesley Turpin-Delport mit ihrer Firma "Les Designs" eigens zusammengestellte Arbeitsmaterialien für die Stickerei. Zwar lebt die Mutter in einer ländlichen Region in Südafrika und die Tochter in Hongkong. Doch die beiden sind über Skype ständig im Kontakt, sie tauschen Ideen miteinander aus, schreiben Bücher - und wenn sie in England Workshops geben, treffen sie sich auch im echten Leben wieder, das nächste Mal ab Mitte August im Seebad Bath. Auf dem Esstisch von Nikki Delport-Wepener stapeln sich bereits Stickanleitungen und Materialien. Daneben unterrichtet die Stickerin in ihrem Studio in Hongkongs Innenstadt. Ihre Schülerinnen lernen zum Beispiel, die Illusion von Dreidimensionalität zu erzeugen, indem sie die schwereren Garne im Vordergrund eines Bildes platzieren, die zarteren hinten. Oder auch Gaze-Füllungen verwenden oder Objekte mit Perlen besticken.

Wie das aussieht, ist im Schlafzimmer und in dem kleinen Studio von Nikki Delport-Wepener zu sehen. Auf einem Bild hat sie alle ihre Lieblingsmotive versammelt: Insekten, Pflanzen, Schildkröten, Schmetterlinge. Die Gardine im Schlafzimmer ist von beiden Seiten mit Libellen bestickt, eine Technik aus der traditionellen chinesischen Seidenstickerei, die Nikki Delport-Wepener in China erlernt und in ihre dreimensionale Art des Stickens integriert hat.

"Mixed-Media freestyle" nennen Mutter und Tochter ihre Kunst, aus den tradierten westlichen und östlichen Sticktechniken etwas Neues zu schaffen. Außerdem bekommt Nikki Delport-Wepener aus der ganzen Welt Spezialaufträge: So hat ihr ein britischer Sammler sieben antike zerschlissene Samurai-Mäntel anvertraut. Sie will die Stücke retten, indem sie vorsichtig eine zweite Stoffebene einnäht oder eine dünne Netzschicht darüberlegt.

Eine Herausforderung - ähnlich wie die beiden riesigen alten Wandteppiche in der Lobby eines Luxushotels in der Nachbarkolonie Macau, an denen Nikki Delport-Wepener schon seit Monaten arbeitet. Der französische Gobelin ist fertig, aber das altchinesische Blumen-Seidenidyll bedeckt eine ganze Wand - und das kann dauern. Die oberen Abschnitte musste sie auf einem Gerüst stehend und mit Bauhelm auf dem Kopf restaurieren. "Danach brauche ich jedes Mal eine Ganzkörpermassage", sagt sie lachend. Das bisher verrückteste Projekt der Künstlerin war ein Raumteiler mit einem Schaf und einer Ziege für ein Landhaus bei Hongkong. Auf einem vierteiligen blutroten Paneel von knapp dreieinhalb mal zwei Metern grasen die Tiere nun überlebensgroß zwischen Büro und Kinderzimmer. Die Familie hatte ihr lediglich die Zeichnung eines berühmten chinesischen Kalligrafen in Postkartengröße an die Hand gegeben.

Allein die Vorrecherchen in Südafrika, Australien und England nahmen vier Monate in Anspruch: Die Stickerin studierte das Verhalten von Schafen und Ziegen in der Natur und suchte nach geeigneten Materialien. Für das Sticken selbst brauchte sie anderthalb Jahre.

Um ein möglichst naturgetreues Ergebnis zu erzielen, verwendete Nikki Delport-Wepener für jeden Körperteil der Tiere ein anderes Garn und färbte am Schluss das ganze Bild mit Tee in verschiedenen Brauntönen. Schaf und Ziege sind zum Knuddeln. Und in ihren Schubladen lagern noch viele Fotos von Tieren und Pflanzen, die sie als Vorlage für gestickte Wandbilder nehmen möchte.

Dem Sticken zuliebe hat die Künstlerin sogar auf Kinder verzichtet - sie hätte sich nicht vorstellen können, mit der Arbeit auszusetzen. Ihre zweite Leidenschaft ist der Flamenco - ein Tanz, der zu dieser selbstbewussten, unermüdlichen Frau passt. Sie befasst sich damit, wann immer es nur geht: "Auf der Fähre habe ich natürlich stets etwas zum Sticken in den Händen, gleichzeitig mache ich mit den Füßen Flamenco-Trockenübungen. Die Leute müssen denken: Die hat 'nen Schaden."

Text: Lisa Von Ortenberg BRIGITTE woman 07/2014
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