Gemeinsame Wohnung: Männer wohnen, Frauen rödeln

In der gemeinsamen Wohnung: Der Mann sitzt auf dem Sofa, in der einen Hand die Zeitung, in der anderen ein Brot. Er genießt diesen Augenblick. Die Frau hat zu tun. Till Raether versteht das nicht.

Können Frauen eigentlich nicht wohnen? Kann es sein, dass sie zwar in der Wohnung unterwegs sind, von A nach B und C, dass sie im Haus dekorieren, auf-, ab- und umräumen, dass sie ein-, an- und ausrichten, aber niemals einfach in Ruhe wohnen? Ohne Hintergedanken, ohne Plan, ohne schlechtes Gewissen? Die Faktenlage scheint darauf hinzudeuten, dass Wohnen Frauensache ist. Frauen sind die Mehrheit von Möbelhaus-Kunden, bei Ikea zum Beispiel kaufen zu 70 Prozent Frauen ein (und die 30 Prozent Männer trotten in einigem Abstand mit wirrem Blick hinterher). Auch Heimwerken hat nur noch wenig mit dem Klischee vom schwitzenden Vati beim Dachausbau zu tun: Etwa die Hälfte aller Baumarkt-Kunden sind Frauen, und drei Viertel aller Frauen macht es Spaß, zu Hause handwerklich tätig zu werden. Und, in den Worten eines Baumarkt-Verkäufers (Eisenwarenabteilung): "Männer sind für Reparaturen, Keller und draußen zuständig, Frauen für alles, was schön werden soll."

Und wenn Männer heimwerken, geht es mehr um die Vorbereitung, das Ritual, das Herumpuzzeln, weniger um das Resultat. Darum bleibt oft was liegen, was Frauen dann "unwohnlich" finden. Und bevor man überhaupt wohnen kann bzw. nachdem man gewohnt hat, wechselt man die Wohnung. Zwei Drittel aller Umzüge in Deutschland werden von der Ehefrau oder Lebensgefährtin organisiert. Insgesamt kein Wunder, dass der Oldenburger Architekturprofessor Ingo Gabriel in der Fachzeitschrift "Schöner Wohnen" sogar die These aufstellt, Männer hätten "gar keine Ahnung vom Wohnen".

Eine gemeinsame Wohnung - zwei verschiedene Welten

Ich würde es anders ausdrücken: Männer wohnen intuitiv, mehr aus dem Bauch heraus. Aber machen wir’s uns doch bequem und schauen wir zu. Also: Ein Mann und eine Frau wohnen zusammen. Dieser Satz ist unpräzise, und das liegt am Wort "wohnen". Durch den Zusatz "zusammen" hört es sich an, als würden die beiden der Tätigkeit "Wohnen" entweder gemeinsam nachgehen oder sie zumindest auf sehr ähnliche Art und Weise ausüben.

Tatsächlich haben beide, korrekt formuliert, denselben Wohnsitz, seit zehn Jahren oder mehr, und dort führen sie eine fröhliche, zufriedene Ehe. Wenn sie aber zu Hause sind und wohnen, tun sie völlig verschiedene Dinge. Der Mann sitzt, die Frau steht. Der Mann liegt, die Frau läuft herum. Der Mann neigt dazu, bewegungslos zu wohnen, er ruht gewissermaßen. Vielleicht nicht in sich, bestimmt aber in der Wohnung. Die Frau wohnt eher aktiv.

Ja, vielleicht ist es vor allem das, was die beiden unterscheidet: Die Frau ist Wohnerin, der Mann Passivwohner. Die Frau wohnt, der Mann wohnt mit. Wenn die Frau sitzt, betrachtet sie die Wohnung, mit Wohlgefallen oder Pläne schmiedend, was man verbessern könnte. Wenn der Mann sitzt, schaut er nach innen. Die Frau wohnt mehr nach außen, es könnte ja auch sein, dass mal jemand zu Besuch kommt.

Schön haben wir es hier, denkt der Mann.

Dem Mann hingegen ist die Wohnung, während er wohnt, sozusagen egal. Er findet die Wohnung gut. Die Wohnung ist für ihn wie eine Hose, die gut sitzt. Eine Hose, die gut sitzt, zieht man morgens an, und während man sie anzieht, denkt man einmal kurz: "Ah, schön, prima Hose." Dann lebt man sein Leben und fühlt sich, hosentechnisch gesehen, wohl, denkt dabei aber nicht an die Hose. Wenn der Mann nach Hause kommt, denkt er kurz: "Ah, schön, endlich zu Hause", und unbewusst registriert er: "Nett haben wir’s hier."

Die Frau denkt: "Ah, schön, endlich wieder zu Hause. Ein gutes Licht ist das geworden hier im Flur mit der dänischen Lampe. Trotzdem sind 60 Watt vielleicht doch eine Spur zu funzlig. 100 Watt sind aber zu hell. Gut wäre vielleicht ein Energiesparleuchtmittel, das Helligkeit abgibt wie eine 100-Watt-Birne, in Wahrheit sind die ja aber immer nicht ganz so hell; andererseits, das Energiesparlicht ist so weißlich, also doch lieber das altmodische Energieverschwendungs-Beige?"

Die Frau plant für die gemeinsame Wohnung - der Mann wohnt einfach

Es könnte schöner sein, denkt die Frau.

Dann hängt sie ihre Jacke auf und denkt: "Wie schön, dass wir diese französische Bistro-Garderobe auf dem Flohmarkt gefunden haben, letztes Jahr in ... " Das "wir" in diesem Satz ist natürlich Quatsch, gefunden hat sie die Garderobe, der Mann hängt hier nur seine Jacke auf und hat, seit er sie angedübelt hat, nie wieder über die Garderobe nachgedacht. Der Mann hilft, die Frau aber tut. Sie plant. Sie regt an. Für sie ist Wohnen eine Tätigkeit, für den Mann ist Wohnen ein Zustand.

Der Kunsthistoriker Peter Richter beschreibt in seinem Buch "Deutsches Haus – Eine Einrichtungsfibel"*, dass Männer und Frauen unter diesen Umständen im Grunde gar nicht erfolgreich zusammenleben bzw. -wohnen können. "Wenn man den Platz hätte", so Richter, "müsste man es heute eigentlich wieder so halten wie früher in den Schlössern: Beide leben in weit voneinander entfernten Flügeln ihres Hauses ihre jeweils eigenen Interessen, und falls sie sich auf den langen Korridoren doch einmal begegnen, ist auch für langjährige Paare immer wieder ein erneutes Kennenlernen möglich ..."

*223 Seiten, 18 Euro, Goldmann

Da wir so viel Platz in unseren Wohnungen nicht haben, können wir nur versuchen, einander zu ignorieren – oder zu verstehen. Sehr aufschlussreich fand ich die Anregungen der Kolleginnen von BRIGITTE WOMAN zu meinem Thema: "Der wohnende Mann setzt Marken, steckt ständig Reviere ab: durch Zahnpastaflecken im Waschbecken, Krümel auf dem Küchentisch, Abdrücke von Kaffeebechern ... ", schrieb mir eine.

Ein Tisch voller Krümel? Klarer Fall: Hier hat ein Mann gegessen.

Eine andere sagte: "Jede plane Fläche ist seine. Überall, wo noch nichts ist, legt er was ab. Und er setzt sich immer dorthin, wo er gerade den schönsten Blick genießen kann." Dies erinnerte eine dritte an ihre Kater Fritz und Tiger, die sich ihrer Auskunft nach analog verhalten. Aus diesen Beobachtungen spricht eine leichte Irritation, die ich nachvollziehen, aber nicht verstehen kann. Das Leben hinterlässt Spuren, Zähneputzen und Frühstücken auch.

Indem wir diese Spuren hinterlassen, vergewissern wir uns unbewusst unserer eigenen Existenz. Dies ist beruhigend, es verortet uns in Zeit und Raum. Bevor wir den Abendbrottisch decken, wischen wir die Frühstückskrümel mit der Hand vom Tisch, aber nicht vorher. Warum auch? Es ist eine Funktion des Tisches, Krümel aufzunehmen. Genau wie ein Sessel dazu dient, dass man darin sitzt und sich wohl fühlt. Ja, jede gerade Ebene ist eine potenzielle Ablagefläche. Das Gegenteil davon, wie wir wohnen, wäre Leere und Spurlosigkeit. Unheimlich!

Na und? Es ist die Funktion eines Tisches, Krümel aufzunehmen.

Mit den Katern Fritz und Tiger haben wir gemeinsam, dass wir wohnen, ohne darüber nachzudenken. "Wohnen" ist zwar ein so genanntes Tuwort, aber das heißt ja nicht, das man ständig was tun muss, um zu wohnen. Sprachgeschichtlich kommt das Wort von "zufrieden sein". Es geht bis ins Germanische und Gotische zurück, die Verwandtschaft reicht von "verlangen, lieben" bis hin zu "gewinnen, gewöhnen, Wahn, Wonne und Wunsch". Als ich das "Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache" von Friedrich Kluge wieder zuschlug, um es zurück ins Regal zu stellen und weiterzuwohnen, dachte ich: Eigentlich schön, wie sich, wenn man die Sprachgeschichte befragt, doch alles zusammenfügt, selbst das so unterschiedliche Wohnen von Männern und Frauen. Zufrieden sein, sich gewöhnen, stille Wonne verspüren: Das ist unser Teil des Wohnens. Das Verlangen (am Wochenende Möbel anzuschauen), das Gewinnen (von Stauraum), der Wunsch (nach einem weiteren Zimmer) und der Wahn (keine Ablagen auf planen Flächen) – das seid ihr. Ist es womöglich unsere Zufriedenheit, die euch viel mehr stört als die Zahnpastaspuren im Waschbecken?

Vielleicht können wir uns in der Mitte bzw. auf dem Sofa treffen, indem wir ein bisschen weniger krümeln und ihr euch einfach mal ganz in Ruhe zu uns setzt. Ich weiß, ihr fragt euch schon lange und manchmal auch uns, was wir da eigentlich machen, wenn wir so scheinbar tatenlos dasitzen. Kommt her und findet es heraus, es ist gar nicht so schwer, ja, es ist im Grunde sogar noch viel einfacher, als es aussieht.

Zur Person: Till Raethers Roman "Das Leben ist nur eine Phase" ist bei Piper erschienen (187 Seiten, 12 Euro) und auch als Hörbuch erhältlich (RH Audio, 19,95 Euro).

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