"Alleinreisen ist eine Chance, mutiger und selbstbewusster zu werden"

Carina Herrmann war Kinderkrankenschwester. Nach einem Burnout entschied sie sich für ein neues Leben: Die 30-Jährige reist allein um die Welt und ermutigt in ihrem Blog "Pink Compass" andere Frauen, es ihr gleichzutun.

BRIGITTE Woman: Was ist so reizvoll an einer Solo-Reise?

Carina Herrmann: Man ist niemandem Rechenschaft schuldig. Man ist frei und kann selbst entscheiden, wann man reist, wohin man reist, welches Hotel man auswählt. Und weil man mehr Freiheiten hat, lernt man sich selbst besser kennen. Alleinreisen ist eine Chance, mutiger und selbstbewusster zu werden.

Das klingt so positiv. Fühlen Sie sich niemals allein?

Doch, klar! Als Alleinreisende ist man immer wieder mit der Einsamkeit konfrontiert. Ich bekomme viele Mails von Frauen, die Heimweh haben und mich fragen, was sie tun sollen. Diese Momente hat jede. Da muss man einfach durch und sich nicht zu Affekthandlungen hinreißen lassen. Zwei Tage später sieht die Welt meist schon ganz wieder anders aus.

Wie reagiert die Umwelt auf alleinreisende Frauen?

Bei meiner ersten großen Reise war ich 14 Monate unterwegs. Da ist mir bewusst geworden, dass es etwas anderes ist, ob man als Mann oder als Frau allein reist. In Südostasien etwa ist es nicht normal, als Frau allein zu reisen. Dort wurde ich oft gefragt, ob ich verheiratet bin.

Wie gehen Sie damit um?

Das kommt auf mein Bauchgefühl an. Diese Fragen werden meist nur aus Neugier gestellt: Warum ist eine Frau in meinem Alter noch alleinstehend? Manchmal schummle ich einfach und sage, dass mein Freund im Hotel auf mich wartet.

Sind Sie auch abends oder nachts allein unterwegs?

Selten. Entweder ich schließe mich mit anderen Reisenden zusammen oder ich kenne die Umgebung schon gut, fühle mich sicher und traue mich alleine raus. Wenn niemand sonst auf der Straße ist, würde ich aber nicht rausgehen.

Haben Sie noch manchmal Angst?

Ich bin ein chronischer Angsthase, also ja. Auch nach meinen ganzen Reisen gibt es immer wieder Situationen, in denen ich mich unwohl fühle. Aber mittlerweile kann ich ganz gut abwägen, welche Risiken ich eingehe. Es ist immer gut, aufmerksam zu bleiben. Als Langzeitreisende wird man irgendwann lockerer und übersieht Gefahren, die man am Anfang vielleicht noch wahrgenommen hätte.

Haben Sie schon mal eine Gefahrensituation erlebt?

Toi, toi, toi, mir ist noch nie etwas passiert! Aber es gab schon Situationen, die kritisch waren. Einmal bin ich nachts in Istanbul angekommen. Ich war zu geizig für ein Taxi und bin durch die Straßen gelaufen, um mein Hotel zu suchen. Es waren nur Männer auf der Straße, einem bin ich dann in eine Gasse gefolgt. Er konnte kein Deutsch und hat mir Zeichen gegeben. Da war ich schludrig, es hätte sonst jemand sein können. Aber Gott sei Dank entpuppte er sich als Besitzer des Hotels, das ich mir ausgesucht hatte.

Wie überwindet man die Angst?

Eine gute Vorbereitung ist wichtig: Je besser ich weiß, was auf mich zukommt, desto wohler fühle ich mich. Wenn man richtig viel Angst hat, ist es gut, die erste Woche im Detail vorzuplanen. Das Hotel ist gebucht, vielleicht auch schon eine Tour. Wenn man sich den Anfang erleichtert, läuft es irgendwann wie von selbst.

Carina Herrmann - hier in der jordanischen Felsenstadt Petra - betreibt den Blog www.pinkcompass.de, der sich an alleinreisende Frauen richtet.

Welche Länder empfehlen Sie alleinreisenden Frauen?

Australien, Neuseeland, Thailand, Indonesien, USA und Kanada. Australien ist für die erste Reise allein sehr angenehm, weil es dort viele Reisende gibt. Die Infrastruktur ist gut und man findet leicht Anschluss. Indonesien - vor allem Bali - kann ich auch empfehlen. Es ist asiatisch und fremdartig, aber touristisch genug, dass es angenehm ist, allein zu reisen. Generell ist es in Ländern, die unserer Kultur ähnlich und touristisch gut erschlossen sind, natürlich einfacher.

Gibt es Länder, die man als Frau besser meidet?

Das muss jede Frau für sich selbst herausfinden. Mich zieht es zum Beispiel nicht unbedingt nach Indien. Das liegt weniger an meiner Angst als an dem dort herrschenden Frauenbild.

Was macht ein gutes Hostel für Frauen aus?

Ich bin eine Verfechterin von Frauen-Dorms. Also Hostels mit Schlafsälen für Frauen. Hier sind Frauen unter sich. Gerade als Anfängerin fühlt man sich unter Mädels wohler und man kann Verbündete finden.

Was ist mit Couchsurfing? Ist das für alleinreisende Frauen sicher?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Es gibt viele Frauen, die auch bei Männern übernachten. Ich schlafe aber lieber bei Frauen. Es gibt mittlerweile auch eine tolle Plattform für Frauen,www.womenwelcomewomen.org.uk.

Sie sind sehr viel unterwegs. Wie finanzieren Sie Ihre Reisen?

Zuerst bin ich von meinem Ersparten gereist. Ich hatte mir auch ein Budget für die Zeit nach der Reise angespart. Mittlerweile finanziert mein Blog Pink Compass meine Reisen. Ich habe monatlich 10.000 Leserinnen und verdiene 1000 bis 1200 Euro mit Produktempfehlungen, meinem E-Book und Beratungen für Reisende.

Würden Sie eigentlich auch mit Partner ins Flugzeug steigen?

Ich würde nie eine Reise für jemanden aufgeben. Aber wenn ich jemanden kennenlerne, mit dem es passt und mit dem man eine gemeinsame Vision entwickelt, wäre eine gemeinsame Reise natürlich denkbar.

Interview: Daniela Singhal
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