Auf der Suche nach dem Sommer

Gab es dieses Jahr überhaupt einen Sommer? Wir haben unsere urlaubsreife Mitarbeiterin Anne Leutloff auf die Suche nach Kanada geschickt – und sie ist fündig geworden.

Sommer? Das war wohl nichts!

Was sollte das denn? Da freuen wir uns von Mai an auf laue Grillabende und Open-Air-Events - und plötzlich ist Oktober, und wir warten immer noch! Gab es dieses Jahr überhaupt einen Sommer? Wir haben unsere urlaubsreife Mitarbeiterin Anne Leutloff auf die Suche geschickt – und sie ist fündig geworden. In Kanadas Westen gibt es ihn noch, den Outdoor Urlaub, wie wir ihn uns wünschen: Wilde, unberührte Landschaften, charmante Kanadier und viel Sport an frischer Luft, der uns ordentlich ins Schwitzen bringt.

Erster Tag: Calgary - die Suche startet

Vom Sonnenuntergang rot glänzende Fassaden der Skyscraper in Calgary.

Eigentlich sind die kanadischen Provinzen British Columbia und Alberta für ihren Wintertourismus bekannt. Doch wir wollen den Sommer finden und gehen es ganz sportlich an. Unsere erste Station ist Calgary, Austragungsort der olympischen Winterspiele von 1988. Die kalte Jahreszeit gibt auch hier die sportlichen Aktivitäten vor. Wir versuchen es also mit Horizonterweiterung: Zuerst mit dem Ausblick vom Calgary Tower, dann mit einem Einblick in das Glenbow Museum. Bei einer Führung durch die 20 liebevoll gestalteten Abteilungen umrunden wir mit eine Million Exponaten die gesamte kanadische Kulturgeschichte. Zurück in unser Hotel pulsiert am nördlichen Ufer des Bow River das junge und urbane Nachtleben von Kensington.

Zweiter Tag: Reiten wie die Cowboys

Bunte Quarterhorses auf dem Weg zur Weide.

Wie einst der kanadische Eisenbahnpionier William van Horne prophezeit hat - the scenery is the reason why they will come - ziehen uns die Rocky Mountains magisch an. Anstatt der historische Eisenbahn nehmen wir lieber unsere SUVs und cruisen den Highway 2 entlang der Rocky Ausläufer nach Süden. Rechts der Moose Mountain (Drehort von "Brokeback Mountain"), links die Weite der Prärie bringt uns Countrymusik aus dem Radio in Stimmung für Cowboy- und Indianerromantik. Im Head Smashed In Buffalo Jump lassen wir uns von Kelly-O und Stan in die 6000 Jahre alte indianische Jagdtechnik ihrer Blackfoot-Vorfahren einführen, um uns nur eine kurze Autofahrt später auf dem Rücken von Dan Nelsons wunderschönen Quarterhorses wieder zu finden. Es sticht mich der Hafer und ich galoppiere auf meiner braunen Stute Jessy entlang eines malerischen Panoramas von ruhig daliegenden Seen, sanften Hügeln und lichten Birkenwäldern durch den leider anhaltenden Nieselregen. Viel zu kurz ist das Cowboy-Abenteuer und ich verspreche mir für einen mehrtägigen Wanderritt auf die Ranch der Nelson Familie wiederzukommen – dann mit Cowboygeschichten am Lagerfeuer, Steaks, Bohnen und Übernachtung in einer echten kanadischen Blockhütte in den Bergen.

Dritter Tag: Wahl zu Bergkönigin

Hoch über Waterton - es weht ein frischer Wind.

Auf einsamen Landstraßen fahren wir ins südliche Alberta, der Grenze zum amerikanischen Montana entgegen. Als wir den Waterton Lakes Nationalpark entern, tauchen die vom letzten Schnee bedeckten Rocky Mountains abrupt aus den sanften Grün der Prärie auf. Da wollen wir rauf! Carey Tetzlaff von Tamarack Outdoor Outfitters ist unser Guide und ein erfahrener Spezialist was geführte Bergtouren und die regionale Flora und Fauna angeht. Nach einer Stunde moderatem Wandern, vorbei an seltenen Wildblumen wie der gelb blühende Gletscher Lilie, erreichen wir den Gipfel vom Bear's Hump und werden schon von neugierigen Streifenhörnchen erwartet. Die genießen jeden Tag den überwältigenden Blick auf Waterton: An den steilen Hängen der vom Wind gepeitschten Berge schlängelt sich der tiefblaue Gletschersee bis zum pittoresken Prince of Wales Hotel entlang.

Geführte halb-, ganz- oder mehrtägige Bergtouren für Anfänger und erfahrene Wanderer, Foto-Workshops, spezielle Blumen- und Bärentouren können über Tamarack's Outdoor Adventures von Juni bis September gebucht werden. Busshuttle-Service von Juni bis Oktober, 20 CAD pro Person. Weitere Aktivitäten: Line-Dance in der Scheune, Biking, Kanu fahren, Windsurfing, Kiting, Sportklettern.

Vierter Tag: Tritt das Pedal, triff den Ball!

Biken vorbei an malerischer Löwenzahnwiese.

Wer denkt, diese Kommandos seien einfach auszuführen, sollte es einmal selbst probieren. Nach Westen überqueren wir die Grenze nach British Columbia und versuchen es mit dem Mountainbike in Fernie und mit dem Golfschläger in Cranbrook. Fernie, bisher eher bekannt für sein Wintersportangebot, wird Dank der smarten Jungs von The Guide's Hut bald als Mountainbike Eldorado ausgerufen werden. Unsere Guides Mark, Will und Matt kennen das Gelände um die Kootenay Rockies wie ihre Westentasche und suchen für jedes Fitnesslevel den passenden Trip und sicheres Equipment aus. Anfangs geht es gemächliche vorbei an malerischen Löwenzahnwiesen und hinauf in lichtdurchflutete Kieferwälder. Unser sportlicher Ehrgeiz wird aber erst richtig bei den Downhill-Manövern à la Bergziege geweckt. Dann bloß nicht die Vorderradbremse drücken, sonst geht’s schneller bergab als man "break" rufen kann! Etwas entspannter wird es auf dem St. Eugene Golfplatz im gleichnamigen Ressort. Wir lassen uns von der wunderschönen Aussicht inspirieren und probieren lieber Fantasie-Schläge aus, als unser Handicap zu verbessern - die Platzreife holen wir im Alter nach.

Fünfter Tag: Bären, Baden und Bier

Natürlich mit Schwefelgeruch - Heiße Quellen im Whiteswan Provincial Park.

Unsere Suche nach einem Sommerabenteuer führt uns immer tiefer in die süd-westliche Region der Rocky Mountains. Wir schlängeln uns auf engen Straßen durch die riesigen, mystischen Wälder - dem natürlichen Lebensraum der Schwarz- und Grizzlybären. Wenn vor uns ein Auto langsamer fährt, heißt es Ausschau halten. Ganze Wagenkolonnen kommen bei einer Bärensichtung zusammen. Auch wir erleben einen dieser magischen Momente, als ein Schwarzbär aus dem Dickicht tapst, seelenruhig die fotografierenden Touristen passiert, um dann wieder im Wald zu verschwinden. Dann sollte man keine abrupten Bewegungen oder Geräusche machen, damit die Bären nicht beim Essen gestört werden - oder man selbst zum Mittagessen wird. Abseits der dunklen Wälder brennt die Sonne von einem strahlend blauen Himmel, wir träumen von einem erfrischenden Bad. Die heißen Quellen im Whiteswan Provincial Park bringen zwar nicht die ersehnte Abkühlung, aber dafür riecht das Badewasser herrlich nach verfaulten Eiern. Wir hoffen auf eine kosmetische Wirkung und hüpfen, wie von Herrn Kneipp empfohlen, zwischen 43°C heißem Naturpool und eiskaltem Gletscherfluss hin und her. Weitere heiße und leicht radioaktive Quellen sprudeln überall entlang der tektonischen Bruchlinien in den Kootenay Rockies hervor.

Frisch gebadet überqueren wir die Kontinentalplatten (Great Continental Divide) und sinnieren über ein geologisches Phänomen. Von hier oben muss sich das Wasser der kanadischen Flüsse auf seinem Weg abwärts zwischen gleich drei Ozeane entscheiden: Dem Arktischen, Atlantischen oder Pazifischen Ozean. Wir haben es da einfacher und lassen unseren einsetzenden Appetit wählen. Im Künstlerdorf Field kehren wir in das mit blumengeschmückte, blaue Holzhaus des Truffle Pigs Bistro ein. Im kultigen Lokal verführen Sean Cunningham und Jen Coffman ihre jungen Gäste mit kreativen Arrangements aus regionalen und biologischen Lebensmitteln. Serviert werden die kulinarischen Kunstwerke mit selbstgemachter Hausmusik handverlesener Singer-Songwriter. Wir genießen ein frisch gezapftes Bier dazu.

Sechster Tag: Kanadische Kanu-Meditation

Doing the Canadian Thing! Paddeln auf dem Emerald Lake.

Must do! Wie der Ahornsirup auf die Pfannkuchen gehört bei einer Reise in die kanadische Landschaft der traditionelle Trip mit dem Kanu. Auch wir leihen uns am Emerald Lake ein paar der offenen Kanadier-Kanus aus und paddeln über den still daliegenden Gletschersee. Unsere roten Boote gleiten auf türkisblauem Wasser vorbei an dem dunklen Grün der Wälder, keiner spricht ein Wort und es plätschert nur leise, während wir den Blick nicht von dem imposanten Bergpanorama abwenden können. Die Farbmeditation läßt uns innerlich ruhig werden und mit jedem Paddelschlag fällt ein Stück vom Alltagsstress von uns ab. Mehr Aktion gewünscht? Für ein intensives Oberkörper-Workout empfehlen sich mehrtägige Kanuwandertouren, die von vielen Reiseveranstaltern angeboten werden.

Siebter Tag: Der Winter ist zurück - sieht aber gut aus!

Nächster Stopp: Fotoshooting. Nur 40 km vom Emerald Lake entfernt, im Herzen des Banff Nationalparks findet man das am häufigsten fotografierte Motiv in Kanada: Den tiefblaue Lake Louise mitsamt elegantem Luxushotel. Am Fuße der gewaltigen Kulisse des Mount Victoria gelegen, wurde der See bereits seit 1890 zum Ausgangspunkt für waghalsige Erkundungstouren in die alpine Landschaft. Die wegen ihres Know-Hows eigens angeheuerten Schweizer Bergführer haben im Château Lake Louise bis heute ihre Spuren hinterlassen: In steierische Tracht gewandet begrüßen uns die Kofferträger am Empfang, im Inneren schmücken Jagdtrophäen die Walliser Stube und große Wandbilder zeigen berühmte Bergsteigerpioniere. Mit 1540 Höhenmetern ist Lake Louise zwar die höchstgelegene kanadische Siedlung, aber einfach zu weit oben für den ersehnten Sommer.

Achter Tag: Verwunschene Wasserfälle

Wasserfall im Banff Nationalpark.

Als wir uns unseren Weg durch steile und engen Schluchten bahnen, können wir sie schon von Weitem hören - die Wasserfälle im Johnston Canyon. Vor grüner Urwaldkulisse sprudeln uns die wilden Wasser als natürliches Soundsystem geräuschvoll entgegen, stürzen mit gewaltigem Tosen in die Tiefe und hüllen uns in einen sanften Nebel, der bemooste Felsen und schroffen Kalkstein in eine unscharfe Traumszenerie verwandeln.

Weitere Traumtouren in der Nähe: Auf den Wanderpfaden der Sunshine Meadows bilden die höchsten Gipfel der Rocky Mountains die einzigartige Kulisse. Und die Welt liegt uns zu Füßen!

Neunter Tag: Zurück in der Zivilisation

Die Hauptstraße von Banff mit dem Cascade Mountain im Hintergrund.

Auf dem Rückweg nach Calgary machen wir einen kurzen Schlenker über das hübsche Städtchen Banff am Fuße des Sulphur Mountain. Als traditioneller Ausgangspunkt für Unternehmungen in die umgebenden Berge wird man richtig ausgerüstet, ein Outdoorladen reiht sich hier an den nächsten. Nach einem aktiven Tag an frischer Luft sorgen verschiedene Bars, Restaurants und Clubs für Zerstreuung und Kurzweiliges. Im Sommer kann man hier die coolen Snowboarder beim Kellnern, Feiern oder Longboard fahren beobachten.

Mehr Tipps für Banff:

Smarte Bedienung vor kanadischem Nationalsymbol.

Ausgehen und Kanadier kennenlernen: Jam-Session mit Open-Mic jeden Donnerstag in Bruno's Bar und Grill (304 Caribou Street, Banff, Alberta).

Ungewöhnliche Pizza-Kreationen in lockerer Atmosphäre: The Bear Street Tavern (Pizzen von 14-17 CAD, Bier vom Fass ab 6 CAD, Cocktails ab 9 CAD)

Das deliziöse, selbstgebraute Bier kommt über eine Pipeline direkt aus den Braukesseln: Banff Ave Brew Pub

Alles was der Outdoor-Spezi begehrt, findet er bei Atmosphere. In Banff ist alleine das Innendesign des Stores einen Besuch wert - unbedingt reinschauen!

Shoppen und relaxen bei fair gehandeltem Kaffee, frischem Sushi oder glutenfreien Cupcakes. Die trendige Banff Ski Lounge gilt als Treffpunkt für Snowboarder und bietet auch im Sommer eine große Auswahl an junger Designermode.

Made in Canada:Roots war einst Sponsor der kanadischen Winterspiele stattete unter anderem die deutsche Mannschaft mit Sportkleidung aus. Lobenswert: Die hochwertigen, handgearbeiteten Ledertaschen und die sportliche Casual- und Yoga-Linie sind aus ökologischer und fairer Produktion.

Mitbringsel: Das perfekte Souvenir für alle Zuhausegebliebenen ist die extrem leichte, zusammenfaltbare und hübsch designte "Vapur Anti-Flasche" - ein Sommergadget, das es bisher nicht in deutschen Läden zu kaufen gibt.

Ewige Souvenirs gestochen von talentierten und professionellen Tattoo-Künstlern: Perfect Image Studio.

Fotos: Ole Helmhausen, Tobias Käsmaier, Anne Leutloff Text: Anne Leutloff
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