Grau werden - warum nicht?

Mir reicht's, dachte Milena Moser. Ich will grau werden. Also machte sie Schluss mit Färben. Ein Erfahrungsbericht aus der wunderbaren Welt der Silbersträhnen.

"Bei Männern gefällt mir das ja durchaus", sagt eine Frau in meinem Rücken. "George Clooney sieht mit den grauen Haaren doppelt so sexy aus. Aber eine Frau..." Ich drehe mich um, und die Damenrunde am Nebentisch verstummt schlagartig.

Faszinierend findet unsere Autorin Milena Moser das langsame Ergrauen ihrer Haare. Seit sie mit dem Färben aufgehört hat, fühlt sie sich wie befreit.

Meine Haare hatten schon jede erdenkliche Farbe. Nennen Sie mir eine, irgendeine, auch eine Fantasiefarbe wie "Disco Inferno" (ein ekliges Dunkelrot), und ich rufe: "Jupp, hatte ich, im Mai 1996!" Als kleines Kind war ich blond gelockt. Doch das hielt nicht lange an. Blonde Haare, braune Augen: Catherine Deneuve weiß, was das bedeutet. Nannte sie doch ihren Koloristen einmal den wichtigsten Menschen in ihrem Leben. Mein Haar wurde immer dunkler, aber nicht wirklich braun, sondern undefinierbar, manchmal rötlich, im Wesentlichen aber mausig. Es blieb mir nur der Griff zur Flasche - und damit meine ich nicht Alkohol, sondern Clairol.

Vor Experimenten am eigenen Kopf wird aus gutem Grund gewarnt. Ich habe alles gemacht: teure Farbe beim Friseur, billige über dem eigenen Waschbecken, Strähnchen, Henna, Naturglanz. Und ich habe dabei auch alle Fehler gemacht, die man machen kann. Chemie über Henna (Haare fallen aus). Chemie über Chemie (Farbe wird unberechenbar. Gern grünstichig). Zu viele Strähnchen (Helmeffekt).

So ungefähr ab 30, genau kann ich das heute nicht mehr sagen, wurden die ersten Haare grau. Und tapfer weiter überfärbt. Schwarz oder Rot - beziehungsweise Herbstlaub oder Burgunder. Alle Schattierungen von Kaffee und Schokolade. Ich meine Braun. Irgendwann sogar wieder blond, oder wenigstens blond gesträhnt - niemand lebt langfristig unblond in Kalifornien.

Wenn die ersten Haare grau werden...

Und dann hatte ich genug. Vielleicht, weil ich eines Tages ein Bild von mir mit unnatürlich gelbstichigen und seltsam wattig wirkenden Strähnen gesehen hatte. Ich fand mich darauf älter als nötig. Und vor allem: Ich erkannte mich nicht mehr. Schluss damit, dachte ich.

Und das war es dann. Schluss mit Färben. Es dauerte ungefähr ein Jahr, bis das letzte Blond rausgeschnippelt war und ich zum ersten Mal seit fast 30 Jahren meine natürliche Haarfarbe im Spiegel sehen konnte. Und das war so ein faszinierender Anblick, dass ich seither kaum mehr vom Spiegel wegzukriegen bin. Meine Haare verändern sich ständig, stündlich, könnte man meinen. So fasziniert von meiner eigenen körperlichen Verwandlung war ich zuletzt in der Pubertät. Denn das Ergrauen ist ein höchst individueller Prozess.

Bei den einen setzt er früher ein, bei den anderen später. Er geht langsam voran oder schnell. In blonden Haaren fällt das erste Grau viel weniger auf als in braunen. Naturrote Haare ermatten eher, als sie ergrauen.

Die grauen Haare können in dramatischen Stinktierstreifen auftreten oder in diskreten Strähnen. Vorn ums Gesicht zuerst oder am Hinterkopf. Sie mischen sich immer wieder neu mit den noch dunklen oder blonden Haaren. Selbst das seltsame Mausbraun auf meinem Kopf wurde plötzlich facettenreich und faszinierend, durchzogen mit feinen Strähnchen unterschiedlichster Abstufungen von Grau.

Plötzlich stehen mir ganz andere Farben: Grau natürlich, Lila, Pink

Wie eine Frau mit Kinderwunsch, die auf der Straße nur noch schwangere Bäuche sieht, sah ich auch plötzlich überall supercoole Frauen mit grauen oder weißen Haaren. Frauen - wie sie wollte auch ich sein. Ich begann, weißhaarige Frauen in den Medien wahrzunehmen, die schöne Cindy Joseph zum Beispiel, die auf der Straße von einem Agenten angesprochen wurde und wenig später für Dolce & Gabbana posierte. Der typische Mädchentraum also - doch Cindy Joseph war damals 49 Jahre alt. Ich merkte mir ein paar Grundregeln, im vollen Bewusstsein, dass ich sie nicht unbedingt einhalten würde. Zum Beispiel die: Graue Haare verlangen nach einem guten modischen Haarschnitt. Sie dürfen nicht wie das zufällige Ergebnis jahrelanger Vernachlässigung aussehen.

Nun, bei meiner Naturkrause tun sie das oft. Auch egal. Heimlich habe ich ja eine Schwäche für den Old-Hippie-Look. Leider ist es mir noch nie gelungen, meine Haare über die Schultern wachsen zu lassen, sonst würde ich das nämlich genau jetzt tun und barfuß am Strand entlanggehen.

Zweitens: Wer graue Haare hat, muss sich schminken. Vor allem die Lippen. Und das war mir immer schon zu mühsam. Ich werde also damit leben müssen, dass ich im ganz normalen Alltag grau und ungeschminkt eben... grau und ungeschminkt aussehe. Dass ich unsichtbar werde. Was mir als Schriftstellerin allerdings nur zugute kommt.

Ich drehe mich vor dem Badezimmerspiegel. Das grelle Licht, das meiner Haut nicht unbedingt schmeichelt, bringt dafür meine Haare zum Glänzen. Plötzlich stehen mir ganz andere Farben, Grau natürlich, Lila, Pink. Ich muss mir neue Kleider kaufen - und ich habe die perfekte Ausrede dafür! Ich bin begeistert.

Meinem Mann gefallen graue Haare, er hätte selbst gern welche

Die Reaktionen der Umwelt sind allerdings eher gemischt. "Was sagt denn dein Mann dazu?" ist meist die erste Frage. Die Antwort ist: Meinem Mann gefallen graue Haare, er hätte selbst gern welche. Er glaubt, man würde ihn dann ernster nehmen. Er gehört zu denen, die immer zehn Jahre jünger aussehen, als sie sind. Ich hingegen hörte schon mit knapp 34 zum ersten Mal von Leserinnen, dass ich ihnen "Mut mache, zu ihren Falten zu stehen". Warum? Weil ich "meine eigenen so selbstbewusst trage". Das tat ich damals allerdings nur, weil mir gar nicht bewusst war, dass ich sie hatte. Die Falten. Heute ziehen sich meine "sexy Krähenfüße" übers ganze Gesicht, wenn ich lache. An Straßenecken wird mir Botox angeboten wie anderen Leuten Drogen.

Und jetzt noch graue Haare, die, das ist Regel Nummer drei, zu fröhlichen Gesichtern am besten aussehen. "Warum willst du dich unbedingt älter machen?" ist denn auch die zweithäufigste Reaktion. Ich zucke mit den Schultern. Ich will mich gar nicht älter machen. Aber auch nicht unbedingt jünger. Was offenbar auf dasselbe herauskommt.

Graue Haare sind ein Statement: Ich kenne mich. Ich mag mich, weiß, wer ich bin

Gleichaltrige Freundinnen - keine von ihnen schon grau - reagieren am heftigsten auf meine Veränderung. Sie rechtfertigen sich mühsam, warum sie das Färben noch nicht aufgeben können. Als hätte ich eine Sekte gegründet und verlangte nun bedingungslose Gefolgschaft von ihnen. Dabei reagieren meine amerikanischen Freundinnen übrigens gelassener als die aus der Schweiz und aus Deutschland. Obwohl diese sonst in Haarfragen sehr streng sind. Dass ich meine Locken nicht mit Gewalt bändige, war immer ein Thema. Die Farbe offenbar weniger. Die emotionalsten Reaktionen erfuhr ich allerdings während einer kurzen Lesereise in Russland. Fassungslos berührten die Frauen nach den Lesungen meine Haare: "Warum tust du dir das an? Das muss doch heute nicht mehr sein!" Mein ungefärbtes Haar erinnerte sie offenbar an nichts Gutes.

Die Wahrheit ist: Ich habe graue Haare, weil sie mir gefallen. Weil ich sie cool finde. Ich bilde mir ein, sie verleihen mir eine gewisse Unverwundbarkeit, eine unerschütterliche Autorität. Ich bin kein Weibchen, sondern Stammesälteste. Ich werde nicht mehr als Sexualobjekt wahrgenommen, was nicht dasselbe ist, wie keinen Sex-Appeal mehr zu haben.

Natürlich graue Haare, im Gegensatz zu den zu Tode gefärbten, herbstlaubfarbenen Wattebäuschen auf dem Kopf, sind ein Statement: "Ich kenne mich. Ich mag mich. Ich weiß, wer ich bin."

Und das ist offenbar durchaus sexy. Selbst im "Minenfeld der Heterosexualität", wie es so schön heißt. Gerade jüngere Männer finden das faszinierend: dass eine Frau weiß, wer sie ist.

Diese Ausstrahlung lässt sich allerdings nicht so einfach "faken". Das mussten junge Trendsetterinnen wie Kelly Osbourne lernen, deren lila-graue Helmfrisur zu Recht nur Spott erntete, genau wie die silberne Perücke (es war doch hoffentlich eine Perücke?) der 13-jährigen Mode-Bloggerin Tavi Gevinson. Im Vergleich dazu wirken die dezenten grauen Strähnen von Kate Moss geradezu cool - aber die ist ja auch schon ein bisschen älter. Jedenfalls beweist der neue Trend: Moderne junge Frauen können es kaum erwarten, zur Silberschopf- Fraktion zu gehören!

Die amerikanische Journalistin Anne Kreamer hat aus ihrer Ergrauung mit fast 50 gleich ein ganzes Buch gemacht ("Going gray"). Darin beschreibt sie unter anderem ein Experiment auf einer Single-Webseite, wo ihr grauhaariges Foto ungleich mehr Reaktionen erzielte als das mit gefärbten Haaren. Die Altersangabe war bei beiden Bildern dieselbe. Eine Erklärung dafür hat sie nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass ein Foto mit grauen Haaren wie eine Garantie wirkt: "What you see is what you get." Auf solchen Seiten sind ja zehn Jahre alte Fotos und geschönte Masse die Norm. Doch eine Frau, die selbstbewusst genug ist, mit grauen Haaren zu posieren, wird es auch sonst nicht nötig haben, zu schummeln.

Diese gewisse Radikalität passt für mich perfekt zu meinem Alter. Das für mich mit mehr Mut, mehr Freiheit, mehr Klarheit verbunden ist. Die Frau, die ich heute im Spiegel sehe, ist mehr "ich" als mein Spiegelbild vor 20 oder 30 Jahren. Ich erkenne mich. Dafür kann ich nichts. Daraus mache ich kein Prinzip. Ich bin allerdings ziemlich glücklich darüber.

Buchtipp: "Möchtegern" von Milena Moser

"Möchtegern" heißt das neue Buch von der Schweizerin Milena Moser. Hauptfigur ist eine bekannte Schriftstellerin, Mimosa Mein, die sich lange dem Medienbetrieb entzogen hat. Als sie zusagt, in der Jury der TV-Sendung "Die Schweiz sucht den SchreibStar" mitzuwirken, riskiert sie einiges, um den "Wannabes", den "Möchtegerns" zum Erfolg zu verhelfen. (464 S., 19,90 Euro, Nagel & Kimche)

Text: Milena Moser Foto: Corbis
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