Ab jetzt einfach grau werden?

Anja färbt seit 30 Jahren ihre Haare. Nun ist sie allergisch gegen das Färbemittel und steht vor einer Entscheidung: Soll sie ihre Haarfarbe ändern?

Seit dreißig Jahren färbe ich meine Haare schwarz. Schwarz ist mein Markenzeichen. Dazu passen meine Klamotten, mein Lippenstift. Ich bin schwarz. Obwohl ich blond geboren bin – das war aber schon ab zwanzig so ein Mischmasch zwischen Nussbraun und Straßenköter. Da habe ich mir einen Stil ausgedacht, mit dem ich mich von der grauen Masse abhebe. Langer schwarzer Pony, gepflegter Bob. Ein bisschen Toulouse-Lautrec-mäßig. Jetzt habe ich ein Problem: Ich habe eine Allergie auf schwarze Haarfarben entwickelt. Das heißt: Nach jedem Färben habe ich tagelang eine nässende, juckende Kopfhaut. Erst habe ich gedacht: Da musst du durch, wer schön sein will, muss leiden, aber es wurde immer schlimmer. Und ich muss ja auch immer öfter nachfärben, der Scheitel ist nach wenigen Wochen schon wieder schlohweiß. Ich habe es schon mit Naturfarben probiert – das bringt nichts, auch die enthalten den schwarzen Farbstoff, auf den ich offenbar allergisch geworden bin.

Grau ist die Farbe meiner Mutter.

Der Hautarzt sagt: Färben ist für mich passé – und das sei gar nicht so selten nach jahrelangem Färben. Und nun? Ich habe tagelang gegrübelt. Eine andere Farbe? Sie müsste ohne jeden Schwarzanteil auskommen – also rot oder blond. Und so sehe ich mich gar nicht! Es ist eben nicht nur eine äußerliche Frage, jetzt, mit 52 den eigenen Stil neu zu erfinden. Ich muss mich fragen, wie ich erscheinen will, wie ich mich sehe, wie andere mich sehen sollen. Mit meinem Beruf als Fotografin stehe ich viel in der Öffentlichkeit, ich unterrichte auch junge Leute an einer privaten Fotografen-Schule. Da tut es oft ganz gut, ein paar Jahre jünger zu wirken. Das entspricht meinem Wesen. Ich bin genauso impulsiv, laut und offen wie vor zwanzig Jahren. Keine, die man übersieht, wenn sie einen Raum betritt. Graue Haare signalisieren eher Reife, Gesetztheit, wenn man Pech hat, sehen sie sogar ungepflegt aus oder gleichgültig. Natürlich gibt es auch diese schönen Weißhaarigen, die sogar als Models gefragt sind. Aber die waren schon immer schön. Ich bin eher ein flippiger Typ als eine edle Schönheit.

Mein Frisör sagte mir, dass ich ein schönes Weiß bekommen würde. Und eine Freundin meinte sogar, es könnte mir richtig gut stehen, den Teint frischer wirken lassen und die Augen hervorheben. Eine andere Friseurin hingegen riet mir vom Grau ab. Sie ermutigte mich, es doch mit pflanzlichen Farben zu probieren. Mein Freund sagt dazu, er mag mich ganz gewiss nicht wegen meiner Haarfarbe. Das klingt ja sehr lieb, aber wenn ich nachher wie eine alte Schachtel aussehe, werden sich seine Gefühle vielleicht doch verändern – das kann er doch noch gar nicht wissen. Ich habe furchtbare Angst, jetzt erdrutschartig zu altern. Grau ist die Farbe meiner Mutter, sie ist schon seit Jahrzehnten alt. Jetzt muss ich ihr vielleicht viel zu früh nachfolgen. Und eine andere werden. Was nun?

Protokoll: Katrin Kruse Foto: Getty Images
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