Trial and Error

Versuche mit Spucktusche und Toupierkamm liegen hinter uns. Wir experimentieren aber fröhlich weiter.

Was haben wir früher nicht alles getan, um schön zu sein! Eine Kollegin sagt, in ihrem Körper stecke ein Einfamilienhaus. Sie meint selbstverständlich den Gegenwert für ein solches. Man weiß natürlich nicht, ob es sich gelohnt hat, denn wie wir ohne diese Investition aussehen würden, werden wir nie erfahren.

Angefangen haben wir eher dilettantisch. Die Mittel waren begrenzt und die Ziele fragwürdig. Meistens ging es darum, auszusehen wie eine andere. Dazu standen im Großen und Ganzen so schlichte Zutaten wie Kamm und Nivea-Creme zur Verfügung. Es gab diese von vornherein verlorenen Kämpfe gegen Sommersprossen, rote Haare, Locken, Augenbrauen - diese Kämpfe waren absolut sinnlos und überflüssig. Wir wussten eben nicht, wie schön wir waren. Wie viele Irrtümer das nach sich zog! Nora Ephron - das ist die, die den göttlichen Liebesfilm "Harry und Sally" gemacht hat - klagt in ihrem neuen Buch "Der Hals lügt nie": "Ich bedaure unendlich, dass ich in meiner Jugend nicht ständig liebevoll auf meinen Hals geblickt habe." Sie wusste nicht, was sie hatte. Wir alle wussten nicht, wie schön wir waren. Wir wollten zum Beispiel aussehen wie Esther Ofarim. Grader Pony, glatte Haare bis zum Knie, die beim Tanzen lasziv schaukelten. Wir hatten einfach kollektiv den schlechten Geschmack. Denn was bei der Sängerin Esther hinreißend war, ging für Ute und Ursula noch lange nicht. Die eine bügelte sich die Haare glatt, sie hatte eine absolut wundervolle Zigeunermähne, einfach der richtige Look zur falschen Zeit. Wenig später wollten alle Angela Davis' Krause und zerbröselten sich den Schopf mit aggressiven Dauerwellen. Eine solche missglückte Angelegenheit auf dem Kopf soll ja verhindert haben, dass die spätere Erfolgsautorin Nora Ephron als Praktikantin im Weißen Haus von JFK vernascht wurde - so jedenfalls ihre Erklärung dafür, dass er sie keines Blickes würdigte.

Eine andere wiederum traktierte ihr Gesicht mit Zitronensaft, um die Sommersprossen aufzuhellen, die einem Katalog-Teint im Wege standen. Heute hätte sie die süßen frechen Punkte auf der Nase gern zurück, aber die sind spurlos verschwunden, wohl kaum wegen der Säureattacken von damals, eher beleidigt vermutlich. So wie die Augenbrauen, die manche so erfolgreich gerupft haben, dass sie die Stelle, wo sie hingehören, heute nur noch stricheln können. Ja, wir haben uns eine Menge angetan. Im Namen der Schönheit. Aber das liegt nicht nur daran, wie unbedarft wir waren. Wir waren auch ohne Selbstbewusstsein und wurden von Müttern ins Rennen geschickt, die selbst mehr oder weniger erfolglos Doris Days Haarlack-Türme nachgebaut hatten. Und es lag am Zeitgeist und am Kosmetikmarkt. Diese Dinge hatten einen fest im Griff, wenn man nicht allein hinterm Ofen sitzen wollte. Ohne Schlaghose, Minirock, lange Haare etc. ging gar nichts. Als die Lippen weiß sein mussten, malten sie alle weiß, auch wenn die Zähne dann gelb und der Teint grau wirkten. Als türkisfarbener Glitzer-Lidschatten aufkam, hatten ihn alle. Das Modediktat war absolut. Und wir hielten uns dran, gnadenlos gegen den eigenen Typ.

Heute sind wir lockerer, weil wir wissen, wie's geht. Zwei Dinge sind es, die sich im Beauty-Sektor drastisch geändert haben: die Mittel. Und der Blick auf sich selbst. Jede ist ihre eigene Schönheitsexpertin und Einkaufs-Profi. Wo früher alle das Klappkästchen mit Spucktusche für oft balkendicke Wimpern bei sich trugen, dazu die Nadel, die die Härchen wieder auseinanderpulen sollte, schwört jede heute auf ihre einzig richtige Mascara. Nicht ohne Neuentwicklungen im Blick zu haben und auch zu testen. Und es macht Spaß, über derlei miteinander mal gründlich zu reden. Locken oder glatte Seide auf dem Kopf - beides lässt sich prächtig kultivieren.

Die Infos über Nägel, Haare, Haut und Body sind wissenschaftlich hochwertig. Die Anschaffung eines Shampoos ein bedeutungsvoller Akt. Das falsche kann einen schon mal in Depressionen stürzen, eins macht Glanz, ein anderes Volumen. Wenn man nun beides will? Ja, das sind Probleme! Aber nicht unlösbar - nimmt man eben beides abwechselnd.

Heute investieren wir in das, was wir sind. Gezielt. Professionell. Wir wissen, wie wir Kulleraugen oder Schlupflider zum Strahlen bringen. Jede Augenfarbe, jede Lippenform, jeder Hauttyp bekommt sein Ideal-Styling. Für jedes Problem ein Produkt. Eigentlich mehrere. Das Arsenal ist prall gefüllt, der Platz fürs Selbstbewusstsein auch.

Es ist leichter geworden, schön zu sein - auch wenn der Hals möglicherweise nach Rollkragen schreit. Die Vielfalt der Mittel entspannt ungemein. Wir pflegen Stil, und zwar den eigenen. Vielleicht haben wir ja all die untauglichen Versuche gebraucht, um endlich zu kapieren: Wir sind sowieso ziemlich schön sind.

Der Hals lügt nie ist der neue Guide zum frohgemuten Älterwerden. Eine Frau voller Witz und Wissen zeigt, wie das Leben nach der Bikinifigur weitergeht. Sie beschreibt die eigene "Instandhaltung", von Maniküre bis zum Friseurbesuch, und berührt die großen Fragen von Liebe und Tod (Übersetzung: Theda Krohm-Linke, 192 Seiten, 14,95 Euro, Limes-Verlag).

Text: Vera Sandberg Foto: iStockphoto
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