Ganz glatt. Überall!

Enthaarung ist Trend, auch bei unserer Autorin Kathrin Tsainis. Was sie auf dem Kopf liebevoll pflegt, hat anderswo zu weichen: in den empfindlichsten Körperregionen.

Nein, ich will weder wie ein Pornostar aussehen noch in der Sauna die Lolita-Fantasien irgendwelcher Lustmolche bedienen. Und schon gar nicht betrachte ich mich als willenloses Opfer von Konformitätsdruck, Hygienewahn oder sonst einer unseligen Strömung, mit der die Film-, Fernseh- und Werbeindustrie mittlerweile, ach je, selbst Männer zum Enthaaren zwingt.

Von alldem ist ja spätestens seit dem vergangenen Jahr die Rede. Seit Charlotte Roches Roman "Feuchtgebiete" unseren Umgang mit dem Restkörperfell ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit katapultierte, wo er so heftig debattiert wurde wie zuletzt in den 1970ern. Damals war die Frage "Stutzen oder sprießen lassen?" hochgradig politisch, und wer sich für die zweite Variante entschied, zeigte damit den Chauvis quasi den emanzipierten Mittelfinger - in Brünett, Rot, Schwarz oder Blond.

Enthaarung komplett - allen Schmerzen trotz

Sorry, aber ich sehe die Sache völlig unideologisch: Ich will zum Ayurveda nach Indien, und weil ich nicht möchte, dass mir auf dem Weg zur Dusche wieder Kräuterpaste aus den Kräuseln bröselt, habe ich beschlossen, die Zwei-Klassen-Behandlung, die ich meinen Haaren angedeihen lasse, nun auch auf das Regiönchen südlich des Bauchnabels auszudehnen. Ja, ich gebe es zu, ich bin ungerecht: Wovon ich auf dem Kopf gern mehr hätte, was ich rund um den Scheitel liebevoll pflege, täglich wasche und mit Kuren päpple, woran ich nur ausgesuchte Stylingprodukte und bei Farbe allein Fachleute lasse, damit kenne ich stirnabwärts kein Erbarmen.

Zwar sind meine Waden und Achseln auch ungerodet weit von der King-Kong-Liga entfernt, trotzdem zücke ich regelmäßig den Nassrasierer - und das seit ungefähr 25 meiner 41 Lebensjahre. Brauen und Oberlippe mussten dagegen erst bei meinem ersten Facial dran glauben, da war ich schon Anfang 30. Die Kosmetikerin meinte, mein Blick würde weniger balkenverhangen offener und die Mundpartie entflaumt frischer wirken, und ich ließ mich überreden.

Das Zupfen tat weh, das Wachsen noch mehr, doch ich sagte mir, dass es bestimmt gut sei, sich daran zu gewöhnen - weil irgendwann die Wechseljahre kämen. Und mit ihnen seltsame Haare: grau, struppig, lang. Einfach so, über Nacht. An Kinn und Brust zum Beispiel. Davon hatte mir eine Kollegin erzählt, auf deren Schreibtisch seit Kurzem ein Vergrößerungsspiegel stand. Womöglich wüchsen sie mir sogar aus den Ohren, sage ich mir, und dann wäre ich ohnehin fällig. Es half nicht viel. Tränen rollten über meine Wangen. Aber das Ergebnis sah prima aus. Und so blieb ich dabei - Pelz an den falschen Stellen finde ich nun mal so überflüssig wie einen Kropf.

Und damit bin ich nicht allein. Gut, im internationalen Vergleich liegt Deutschland beim Enthaaren eher hinten. Und die ein oder andere mag sich noch daran erinnern, dass Nena zu Beginn der 1980er in England und den USA das Publikum mit vogelnestartigen Achselhöhlen schockierte. Seitdem hat sich aber auch bei uns das Schönheitsideal geändert. Immerhin ermittelte 2006 ein Rasierklingenhersteller, dass für 70 Prozent der befragten 14- bis über 60-jährigen Frauen Enthaaren zur Körperpflege gehört.

Wie viel Wert gerade jüngere darauf legen, zeigt eine Untersuchung der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Universität Leipzig aus dem vergangenen Jahr: Mehr als 97 Prozent der im Schnitt 23-jährigen Studentinnen sowie 79 Prozent ihrer gleichaltrigen Kommilitonen gaben an, regelmäßig an mindestens einer Stelle tätig zu werden - Bartstutzen nicht mitgerechnet. 88 Prozent der Frauen und 67 Prozent der Männer bekannten sich außerdem zur Intimrasur.

Studienleiter Professor Dr. Elmar Brähler sieht darin einen allgemeinen kulturellen Trend. Die immer knappere Bademode und die vielen Bilder nackter Körper in den Medien trügen dazu bei, dass sich auch für die Schamgegend ästhetische Normen herausbilden. "Eine bis dato primär zur Privatsphäre zählende Körperregion unterliegt fortan einem Gestaltungsimperativ", sagt Brähler. Kurz: Wer alles zeigt, muss auch überall gut aussehen. Im Übrigen ist der Wissenschaftler aber davon überzeugt, dass der Nackt- Look wieder in der Versenkung verschwinden wird - genauso wie Tattoos und Piercings.

Glatte Haut gilt als schön und hygienisch

Warten wir es ab. Fest steht jedoch, dass der Mensch seit jeher versucht, seine natürliche Erscheinung zu verändern. Schon im alten Ägypten galt glatte Haut als schön und hygienisch, als Statussymbol. Wildwuchs dagegen war verpönt, haftete ihm doch der Ruch des Animalischen an. Um sich davon zu befreien, griffen Frauen wie Männer zu geschliffenen Steinen, Pflanzenextrakten oder Pech. Im Griechenland und Rom der Antike schreckte man selbst vor arsenhaltigen Mitteln und Kalklauge nicht zurück, und die Reinlichkeitsregeln des sich seit dem Mittelalter ausbreitenden Islam verlangen bis heute regelmäßiges Enthaaren von Intim- und Achselbereich.

Dass man im Abendland zu jener Zeit ebenfalls Hand an sich legte, beweist die Rezeptliteratur. Als jedoch Caterina de' Medici, im 16. Jahrhundert Königin von Frankreich, dem Enthaaren abschwor, kam es vorübergehend etwas aus der Mode - trotzdem empfahlen Kosmetikratgeber weiterhin diverse Hausmittel wie etwa mit Salzgeist bestrichenes Löschpapier.

Zwar benutzte man schon früh auch Pinzetten, Klingen und im 18. Jahrhundert dann hauchdünn geblasene Glasrollen, die sich in handliche Stücke schneiden ließen, deutlich bequemer wurde es aber erst ab 1915, als in den USA der erste Damen-Nassrasierer auf den Markt kam. Um diese Zeit wurde auch die Kleidung luftiger: Jetzt trug man ärmellose Sommerfähnchen, in den 1920ern rutschte der Rocksaum nach oben, die Strümpfe wurden durchsichtiger - und bald gehörte für die Frau von Welt beiderseits des Atlantiks Enthaaren zum Pflichtprogramm.

Hübsch kahl

Die glatte Scham allerdings schaffte es - zumindest in Deutschland - erst vor einigen Jahren aus der Halbwelt-Schmuddelecke zum Beauty-Trend. Doch inzwischen gibt es zahlreiche auf Enthaarung spezialisierte Studios, und wer wie ich untenrum eine Typveränderung plant, braucht sich bloß noch für einen Look zu entscheiden. Einen Mittelstreifen stehen oder sich mit Herzchen verzieren lassen, nur an den Seiten, den Schamlippen oder komplett blank ziehen: reine Geschmackssache.

Ich nehme das volle Programm. Wenn schon, denn schon! Und statt Wachs probiere ich "Sugar" aus, eine Zucker-Wasser-Zitronensaft-Paste, orange wie ein Kaubonbon. Die werde von vielen Frauen besser vertragen, erklärt mir die Blondine am Empfang des laut einer Freundin aktuellen Top-Salons. Zumal man beim Sugaring nicht gegen, sondern in Wuchsrichtung arbeite und Stück für Stück voranrupfe, statt auf einen Ratsch lange Streifen abzuziehen. Weh tut es trotzdem. 20 Minuten lang. Auf meiner persönlichen Schmerz-Skala irgendwo zwischen Brauenzupfen und Oberlippewachsen - allerdings finde ich es weitaus peinlicher. Danach ein kritischer Blick in den Spiegel. Doch, ich werde wohl wiederkommen. So kahl gefalle ich mir nämlich wirklich gut. Und nur das ist schließlich wichtig, oder?

Weitere Infos: Gerade für Achsel- und helle Beinhärchen sind Nassrasierer (z. B. "Venus Vibrance" von Gillette) zu empfehlen, die schmerzfrei enthaaren und die Haut mit leichten Vibrationen von trockenen Schüppchen befreien. Neu sind zudem spezielle Deodorants (z. B. "Hair Minimizing Deo-Spray" von Dove), die die Achselhaare gleichzeitig weichspülen. Dadurch sollen sie von der Rasierklinge direkt am Ansatz erfasst werden und nicht so schnell nachwachsen. Die Bikinizone fühlt sich meist bereits einen Tag nach der Rasur etwas stoppelig an - und auch dunkle Beinhärchen sind schon nach kurzer Zeit wieder zu sehen. Wer länger etwas von dem Ergebnis haben möchte, muss die Härchen direkt an der Wurzel entfernen: mit Wachs (z. B. "Warmwachs" von Veet) oder einer Zuckerlösung (z. B. von Halawa). Beides wird entgegen der Wuchsrichtung ruckartig abgezogen. Das tut zwar einen kurzen Moment weh, aber das Schmerzempfinden nimmt nach einigen Malen ab.

Eine Alternative sind neue Epiliergeräte (z. B. "ES2063" von Panasonic) mit speziell angeordneten Pinzettenwalzen, die Härchen aus allen Wuchsrichtungen erwischen und damit noch effektiver sind. Es ziept weniger, wenn man das Gerät unter warmem Wasser anwendet. Dabei erweitern sich die Poren, und die Härchen lassen sich leichter lösen. Vor dem Epilieren einen Tropfen Duschgel auf die Walzen geben - durch den Schaum richten sich die Härchen auf, und das Gerät kann sie besser erfassen. Wenn neue Härchen leicht einwachsen, lieber Enthaarungscremes (z. B. "Haarentfernungs- Creme Sensitive" für empfindliche Haut von Veet) auftragen, die sich auch unter der Dusche anwenden lassen und zumindest ein paar Tage lang für ein glattes Gefühl sorgen. Empfehlenswert: vor dem Auftragen an einer kleinen Stelle testen.

Text: Kathrin Tsainis, Melanie Grimsehl Foto: Boris Kumi?ak

Wer hier schreibt:

Melanie Grimsehl
Themen in diesem Artikel
Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.