Sind Bio-Düfte besser als herkömmliche?

Gesünder, echter, besser? Weshalb natürliche Parfüms immer beliebter werden und was wirklich von ihnen zu halten ist.

Es war die Rosenkonfitüre während der Sommerferien 1968 in Bulgarien. Ihr köstlicher Geschmack und ihr Duft faszinierten den damals sechsjährigen Roland Tentunian. Seine Neugier auf Blüten und deren Aromen war geweckt. Mit zehn begann er, Pflanzen zu destillieren, um ätherische Öle zu gewinnen - und das macht er immer noch. Längst als Diplom-Chemiker, Parfümeur und Inhaber der Karlsruher Firma Florascent, die seit 1994 Düfte aus natürlichen Essenzen herstellt. "Wir lassen die klassische Parfümeurkunst des 17. Jahrhunderts zeitgemäß wieder aufleben", sagt der 52-Jährige. Zum Beispiel mit "Nossibé", einem beschwingten Eau de Toilette mit Limette, Yuzu, Ylang, Tuberose, Rose und weißem Tee. Tentunian gehört zu den Pionieren einer Gruppe kleiner Dufthersteller, die versuchen, Parfüms weitestgehend ohne synthetische oder naturidentische Zutaten zu kreieren. Sie bedienen damit via Duft die zunehmende Sehnsucht der Menschen nach mehr Natur und Nachhaltigkeit. Und warum auch möglichst keine "naturidentischen" Aromastoffe?

"Natur wird konsumiert, sie wird nicht mehr nur angeschaut, verherrlicht und idealisiert"

Schon das Wort ist ein ziemlich künstliches. Naturidentische Aromastoffe haben ein chemisch baugleiches Vorbild in der Natur, werden aber synthetisch hergestellt. Das ist vielleicht ein bisschen Erbsenzählerei, aber da ausdrücklich "Natur" gewünscht ist ... "Neo-Nature" nennt die Trendforscherin Anja Kirig vom Frankfurter "Zukunftsinstitut" die Bewegung, die das Verbraucherverhalten immer stärker beeinflusst. "Natur wird konsumiert", schreibt Kirig in ihrer Studie, "sie wird nicht mehr nur angeschaut, verherrlicht und idealisiert. Die Menschen von morgen werden den 'Genuss von Natur' noch deutlich steigern." Zum Beispiel mit natürlichen Parfüms. Wie etwa jenen der Linie "Green Glam" von der britischen Naturkosmetikmarke "The Organic Pharmacy". Die frisch-zitrische Parfüm-Mischung "Citron" oder das orientalisch angehauchte "Oud" mit Auszügen aus Rosen und Sandelholz bedienen die neue Richtung. Jo Wood, Ex-Frau von Rolling-Stone-Gitarrist Ron, setzt in ihrer "Organic"-Linie auf das Eau de Parfum "Fiori d'Arancio", dessen Zitrusaromen eine Spur Honig versüßt. In seinem Studio in Gouda entwickelt der Niederländer Hiram Green Parfüms wie "Shangri La", das mit Auszügen aus Pfirsichen, Jasmin und Gewürzen wie ein "mystisches Paradies" riechen soll. Wesentlich kerniger geht der Amerikaner Hall Newbegin das Thema Naturdüfte an. Wanderer und Backpacker sammeln für ihn in Kalifornien Kräuter, Borken und Moose. In seiner "Wilderness Fragrance Destillery" werden den Pflanzen die ätherischen Öle für diverse "Backpacker"-Colognes mit Namen wie "Sierra Granite" oder "Mojave" entzogen.

Alexandra Balahoutis aus Venice in Kalifornien gibt sich mit ihrer Linie "SIP", (strange invisible perfumes = merkwürdige unsichtbare Düfte) auf wesentlich vornehmere Art bodenständig. Sie verdünnt ihre Duftessenzen, die aus organisch zertifizierten Pflanzen gewonnen werden, mit "Esprit de Cognac", einem Alkohol, den ein Destillateur im kalifornischen Napa Valley für sie ansetzt und sechs Monate lang reifen lässt. Neben Kreationen für jedes Sternzeichen umfasst ihre Kollektion Parfüms wie "Prima Ballerina", das nach Rose, Salbei und Limette duftet. Früher waren natürliche Parfüms relativ leicht zu erkennen, weil sie sich aus der Aromatherapie entwickelt haben. Das sah man ihrer eher schlichten Verpackung an. Vor allem aber konnte man das schnuppern. Die Düfte rochen meist zielgerichtet nach nur einer Blütensorte, also etwa nach Jasmin (entspannend) oder Zitrone (stimmungsaufhellend).

"Früher rochen die Düfte meist zielgerichtet nach nur einer Blütensorte"

Heute fällt Laien die Unterscheidung schwer. Die Hersteller natürlicher Düfte setzen alles daran, das Öko-Image der Sparte abzulegen. Kreationen, Flakons, Namen und Verpackungen sind genauso stylisch wie die der großen Marken. Die Mixturen sind vielschichtig aufgebaut und entwickeln erst langsam ihr Bouquet. Trotzdem mangelt es natürlichen Düften vielfach an Leichtigkeit, Fülle, Transparenz und vor allem an langer Haftung - all jenen Eigenschaften eben, die Parfüms erst durch synthetische Duftbausteine bekommen und die der Parfümkunst seit 1882 ihre neue Dimension geben.

Damals verwendete der Franzose Paul Parquet, Chefparfümeur und Mitinhaber des Pariser Traditionshauses Houbigant, für das Parfüm "Fougère Royale" als Erster einen Riechstoff aus dem Labor: Kumarin. Er wird aus der in Pflanzen wie Waldmeister enthaltenen Zimtsäure gewonnen, riecht frisch-würzig und ist bis heute einer der meistgenutzten Duftzutaten, weil er Parfüms eine gewisse "Magie" verleiht. Parquets Kreation hält die Duftbranche für die "Geburtsstunde der modernen Parfümerie". Dank raffinierter Analyseverfahren wurden und werden seitdem immer neue synthetische und naturidentische Duftmoleküle entwickelt. Sie bereichern die Palette der Parfümeure, die ihre Kunst so weiterverfeinern können. "Naturaromen allein ergeben nach heutiger Definition kein Parfüm an sich", sagt Meisterparfümeur Marc vom Ende vom Riechstoffhersteller Symrise, "denn Düfte sind dank der synthetischen Duftstoffe nicht mehr bloß linear, sondern räumlich geworden - fast ein bisschen wie eine Skulptur."

Dass sich natürliche Parfüms schneller verflüchtigen, findet Tanja Bochnig nicht weiter tragisch. "Warum sollte man Duft länger haltbar machen, wenn es dessen Natur ist, schnell zu verfliegen?", sagt die Berlinerin, die Parfüms mit "reinen Extrakten aus der Natur" zusammenstellt. Die Rohstoffe bezieht sie möglichst direkt beim Hersteller. Ihre bezaubernd aufgemachte Linie hat sie nach ihrem Geburtsmonat "April Aromatics" getauft. Der ursprünglich rein esoterische Ansatz von Bochnigs Kompositionen - sie ist ausgebildete Yoga-Therapeutin - spiegelt sich auch im Namen ihrer neuesten Kreation wider: "Calling all Angels", ein Eau de Parfum mit Weihrauch und Honig. 30 Milliliter des "Engelrufs" kosten stolze 170 Euro.

Botanische Parfüms sind selten preiswert. Dabei sind natürliche Zutaten keineswegs teurer als synthetische, wie gern behauptet wird. Natürliches Mandarinenöl kostet beispielsweise zwischen 40 und 70 Euro pro Kilo, Mandarinaldehyd aus dem Labor 100 bis 200 Euro. Naturidentische Duftmoleküle haben dafür den Vorteil, immer gleich zu riechen. Das Aroma natürlicher Duftmoleküle ist von Ernte zu Ernte ein wenig verschieden, je nachdem wie Sonne, Wind und Wetter Wachstum und Blütezeit der Pflanzen beeinflusst haben. Diese feinen Unterschiede können sich auf den Duft des fertigen Produkts auswirken.

"Natürliche Zutaten sind keineswegs teurer als synthetische"

Beim Allergiepotenzial gibt es keinen Sieger. Ob ein Duftstoff Reaktionen auslöst, hängt nur von seiner chemischen Struktur ab, egal ob natürlich oder synthetisch. "Natur vermittelt nun mal den Eindruck, gut zu sein", erklärt Georg Wuchsa, Inhaber des Online-Portals "Aus Liebe zum Duft", das Interesse an botanischen Parfüms. Seit 15 Jahren verkauft er erfolgreich Nischendüfte. Die Käufer, mehrheitlich zwischen 20 und 45 Jahre alt, fänden es zum Teil schick, Parfüms mit Natur-Image zu kaufen. "Je höher das Einkommen, je intellektueller der Anspruch ist, desto eher akzeptieren Kunden einen hohen Preis für die Besonderheit der Produkte. Deshalb ist es populär und inflationär geworden, mit dem Prädikat 'natürlich' zu werben." Dabei, so glaubt Wuchsa, enthalten 98 Prozent der sogenannten natürlichen Düfte auch ein paar industriell produzierte Zutaten. "Parfüms brauchen diese Grundstoffe, weil sie dadurch Tiefe und Fülle bekommen."

Wenn es nicht grundsätzlich eine Frage der Gesinnung ist, sollte man die Wahl ganz einfach der eigenen Nase überlassen. Sie weiß am besten, welcher Duft zu uns passt. Und sie macht beim Erriechen keinen Unterschied zwischen natürlich und synthetisch. "Das Prinzip des Riechens basiert immer auf Duftmolekülen, die über die Atemluft in unsere Nase gelangen und dort an den Rezeptoren Duftreize erzeugen", erklärt Florascent-Parfümeur Roland Tentunian. "Und zwar unabhängig davon, ob die Duftmoleküle von Pflanzen stammen oder im Labor synthetisiert wurden. Einen Duft ohne Chemie, den gibt es nicht."

Text: Angelika Ricard-Wolf Fotos: Jürgen Herschelmann Ein Artikel aus BRIGITTE WOMAN 03/2015
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