2 Quadratmeter Sinnlichkeit

Sie gibt unserem Körper Fasson. Sie will berühren und berührt werden. Sie schützt uns vor Ecken und Kanten. Die Haut ist unser fabelhaftes Drumherum.

Ich will ihn von Kopf bis Fuß, mit Haut und Haar und von ganzem Herzen. Leider müssen wir uns erst noch kennen lernen. So sitzen wir in einem Strandcafé, erzählen ein bisschen und klammern uns an unsere Eisbecher. Er fühlt sich gut an, kühl, glatt und ein bisschen feucht, der Becher. Nach einer Weile fällt mir auf, dass ich mich beim Reden so berühre, wie ich ihn gern berühren würde, den Mann. Ich streichle mein Ohrläppchen, da ist die Haut immer zart, sogar bei harten Kerlen. Ich fahre mit einem Finger über meine Lippen, weich und gut gepolstert, und dann über meine Nase, straff und hauteng. Dabei schaue ich ihn unentwegt an. Das ist seltsam, einerseits. Alle Menschen sind gleich, haben einen Körper, und irgendwo da drin sitzen Seele und Geist. Das Einfachste wäre, den Körper, den man doch schon sieht, zu berühren. Dann wäre man dem anderen nah, hautnah. Stattdessen versucht man, am Anfang zumindest, mit Witz und Charme der unsichtbaren Seele oder dem nicht einzuschätzenden Geist seines Gegenübers zu imponieren. Die Haut muss warten.

Andererseits: Wer mir zu schnell auf die Pelle rückt, hat schon verloren. Meine Haut gehört mir, mein Kopf prüft, wer Kontakt aufnehmen darf. Zur Begrüßung oder zum Abschied gibt man sich die Hand, vielleicht. Mehr Berührung ist unverschämt. Na dann. Ich lege meine Hand wie zufällig auf seine Hand. Das sieht schön aus. Fünf weiße Finger tasten, streicheln, ruhen über, unter und neben fünf schwarzen Fingern. Der Mann, der mir mitten im Sommer Gänsehaut macht, kommt von weit her, aus Martinique.

Erröten. Küssen und alles begreifen. Die Haut ist immer dabei.

Hautfunkeln. Erröten. Küssen und alles begreifen. Die Haut ist immer dabei. Zehn bis zwölf Kilo wiegt sie und bedeckt bei Erwachsenen eine Körperoberfläche von etwa zwei Quadratmetern. Auf einem Quadratzentimeter tummeln sich durchschnittlich 5000 Sinneszellen, vier Meter Nerven, 100 Schweißdrüsen, 200 Schmerzpunkte, fünf Haare, 25 Druckpunkte, zwölf Kälte- und zwei Wärmepunkte. Die Haut ist unser größtes Organ. Aber wenn sie an den ersten Sommertagen aufatmet; wenn nach dem Schwimmen Wasserperlen auf ihr schimmern; wenn die Fußsohlen Gras, Kieselsteine oder feinen Sand unter sich spüren - dann empfinde ich meine Haut gar nicht als Organ, sondern als das fabelhafte Drumherum. Drinnen bin ich, draußen ist die Welt, und die Haut macht, dass ich das eine spürbar vom anderen unterscheiden kann.

Wer sich wohl fühlt in seiner Haut, denkt nicht über sie nach. Das Innere der Außenseite funktioniert trotzdem. Die Haut ist eine Chemiefabrik, die aus dem Sonnenlicht Vitamin D zur Stärkung unserer Knochen holt und gleichzeitig Farbpigmente zu ihrem eigenen Schutz bildet. Sie ist eine Sprinkleranlage, die bei Überhitzung die Schweißdrüsen aktiviert. Sie stellt bei erotischem Bedarf Düfte her, die eine andere Haut anlocken. Und weil unser Leben nicht immer ganz sauber ist, bildet sie einen Säureschutzmantel, der das Wachstum von Bakterien hemmt.

Damit die Haut gut passt, nicht wackelt oder kneift, kommt sie in dreifacher Ausführung daher. Die Unterhaut besteht aus lockerem Bindegewebe und Fettzellen. Die bilden einen Puffer gegen Stöße, speichern Energie und halten warm. Die darüberliegende Lederhaut ist ein straffes Gewebe aus Kollagen und Elastin. So wird die Haut gleichzeitig fest und elastisch. Damit sie nicht so leicht einreißen kann, liegt dicht auf der Lederhaut noch eine Schicht, die Oberhaut. Kleine Verletzungen repariert sie selbst. Sie schickt Zellen in die Wunde, damit diese sich wieder schließt. Dann bildet sich neue Haut. Nichts ist für ewig. Auch gesunde Haut nicht. Alle 27 Tage werden die oberen Zellschichten als Schuppen abgestoßen.

Mancher möchte öfter als einmal im Monat aus der Haut fahren. Oder auf der faulen Haut liegen. Dann würde einen nichts kratzen. Wir beschreiben Gefühle gern mit Wörtern, die eigentlich Hautsache sind. Wer kein dickes Fell hat, ist empfindlich, schnell gereizt und kriegt symbolisch Pickel. Jemand ist uns nah, obwohl er weit weg ist. Musik geht unter die Haut, wer ungeduldig ist, den juckt es in den Fingern. Woher "wissen" die Gefühle, was die Haut dazu "sagen" würde? Haut, Nerven und Gehirn entwickeln sich beim Embryo aus einem Keimblatt, dem Ektoderm. Sobald der Mensch auf die Welt kommt, streckt seine Haut die Fühler aus. Immerhin hat sie zwischen fünf bis 20 Millionen - die Wissenschaftler zählen noch - Tastkörperchen. Die Nerven in der Haut übersetzen die gefühlten Informationen in elektrische Impulse und schicken sie über ihre Nervenautobahnen zum Auswerten ins Gehirn. Das vertraut dem Fingerspitzengefühl der Haut und sendet elektrische Anweisungen an die Muskeln: Eisbecher nur mit leichtem Druck umfassen, er wiegt nicht viel. Mann aus Martinique weiter sanft streicheln. Fliege auf Rücken keine Gefahr.

Unsere Haut merkt sich alles

Jede Sekunde werden etwa eine Million Nervenimpulse durch äußere Reize auf unsere Haut ausgelöst. Viele Signale nehmen wir nicht bewusst wahr. Aber keine Berührung ist belanglos. Wenn die Haut Geborgenheit spürt, blättert das Hirn in seinem Wörterbuch für Gefühle zum Buchstaben O wie Oxytocin. Ein Hormon, das unser Immunsystem stärkt, Stress abbaut und als (chemische) Grundlage sozialer Beziehungen gilt. Zuständig dafür sind Areale in der Großhirnrinde. Fühlen wir uns wohl, schütten sie Oxytocin aus.

Wird man gegen seinen Willen berührt, sagt das Wörterbuch der Gefühle: H wie haarsträubend. Wenn sich ein Fremder an uns presst oder uns anrempelt, dann sind das meldepflichtige Grenzverletzungen (nicht nur) für unsere Rezeptoren. Dann wollen wir nur eines: unsere Haut retten, nix wie weg.

Ekel. Schmerz. Glück. Geborgenheit. Die Haut macht was mit. Und merkt sich alles. Eine knallt sich jahrelang in die Sonne. Ein anderer sitzt meist in seiner verrauchten Bude. Eine Dritte ist ein Leben lang bei Wind und Wetter draußen. Die Haut schreibt allen ihre Geschichte auf den Leib. Die kleinen Falten kommen vom Lachen. Die großen vom Ernst des Lebens. Eine Narbe erzählt von Schmerzen. Die runzligen Hände wissen, was Arbeit ist. Könnte die Haut nicht ein wenig vergesslicher sein?

Fotos von alten Menschen finden wir oft schön, ausdrucksstark und interessant. Aber unsere eigene Haut soll so bleiben, wie sie mal war. Babyzart. Makellos. Ein Gedicht. Das Gedicht hält bis zur Pubertät. Dann kommen die Pickel. In der Schwangerschaft die Streifen. Später die Furchen, Dellen und Hautverfärbungen. Die Haut, sagt man, sei der Spiegel der Seele. Und wenn die Seele gerade durchhängt? Kann man ja wenigstens den Spiegel auf Vordermann bringen. Für kein anderes Organ geben wir so viel Geld aus wie für die Pflege und Verschönerung der Haut. Den einen geht vor lauter Straffung die Mimik flöten. Den anderen ist irgendwann das Hemd näher als die Haut. Kleidung verhüllt das, was uns beschämt.

Unsere Haut kann philosophische Fragen beantworten.

Dabei müssten wir hochachtungsvoll vor unserer Haut auf die Knie gehen. Sie ist in Teamarbeit mit dem Kopf das einzige Organ, das philosophische Fragen beantworten kann: Wer und wo bin ich? Was ist sonst noch da? Wie fühle ich mich mitten in der Welt? Säuglinge lernen über Berührungen, ob sie es wert sind, geliebt zu werden. Wenn niemand da ist, der sie hält und streichelt, empfängt das kleine Gehirn zu wenig Signale, die zur Entwicklung der Nervenbahnen beitragen und die der kleinen Seele sagen: Hallo, das Leben ist schön. Aus dem 13. Jahrhundert ist ein grausames Experiment überliefert: Neugeborene wurden von Ammen gestillt und versorgt, jedoch nie auf den Arm genommen oder gestreichelt. Die Babys sind gestorben. Wenn Kleinkinder lange körperliche Nähe entbehren müssen, kann das ihre Entwicklung stören: Die Kinder wachsen langsamer, sind öfter krank und unsicher in ihren Wahrnehmungen.

Die Tatsache, dass wir mehr als zehn Millionen Tastsensoren haben, lässt darauf schließen, dass die Haut dem Gehirn nicht nur mitteilen will, ob ein Pulli schön weich ist. Jede Haut-Empfindung veranlasst das Gehirn, eine Momentaufnahme vom Körper zu machen. Sind wir gerade ver- oder entspannt? Haben wir es eilig? Fühlen wir uns respektiert? Dabei legt das Gehirn eine Art innerer Landkarte an, auf der verzeichnet wird, welche Körperregionen welche Erfahrungen machen. Wem es an Berührung fehlt oder wer durch Gewalt früh traumatisiert wurde, entwickelt unter Umständen ein verzerrtes Bild von seinem Körper. Solche Menschen empfinden womöglich einen Pickel als so entstellend, dass sie nicht mehr unter Leute gehen wollen. Andere halten sich für fett, obwohl sie spindeldürr sind. Das ist nicht einfach "Einbildung", sondern eine Fehlleistung jener Hirnbereiche, die aufgrund verstörender Erfahrungen sensorische Signale falsch verarbeitet haben.

Nichts muss so bleiben, wie es wurde. Jede Haut kann über sich hinauswachsen. Das kennen wir aus dem Alltag: Wenn wir mit einem Stift schreiben, spürt die Haut nicht nur den Druck, den der Stift am Finger macht, sondern auch den Druck, den der Stift auf dem Papier macht. Der verlängerte Tastsinn der Haut lässt uns glauben, wir seien eins mit dem Gerät, das einen Brief schreibt, die Kartoffel schält oder den Tennisball schmettert. Sogar beim Einparken verlassen wir uns nicht nur auf das, was wir sehen. Wir tasten uns in die Parklücke hinein, und das Gehirn nimmt die Ausmaße des Autos quasi als verlängerten Teil unseres Körpers wahr.

Mit jeder neuen Sinneserfahrung wird das innere Bild, das wir von unserem Körper haben, aktualisiert und korrigiert. Martin Grunewald, Psychologe und Leiter des Haptik-Forschungslabors an der Uni Leipzig, nennt deshalb die Summe aller Sinnesauskünfte über die Position des Körpers, die Rückmeldungen über die Bewegung und die Tastwahrnehmungen der Haut den "bewegten Sinn". Bewegung ist Berührung, da freut sich die Haut. Wenn Matsch durch die Zehen quillt. Wenn der Fuß in einer Pfütze landet. Wenn wir uns im Sand rollen, im Dreck wälzen, schwitzen wie Sau. Leider leben wir wie Weicheier und verbieten uns und der Haut die Vielfalt der Empfindungen. So bleibt ihr bei der Arbeit die magere Sensation einer glatten PC-Maus und eines vibrierenden Handys. Zum Feierabend darf sie mal schnell das Baby oder das Haustier spüren, Mann oder Frau liebkosen, Auto und Waschbecken polieren, ab ins Bett. Und das soll dann schon alles gewesen sein?

Vielleicht gehen manche Menschen so gern zur Massage, weil sie dort mal wieder berührt werden. Und andere wollen wenigstens beim Sport aus sich herauskommen, weil sie es unerträglich finden, tagein, tagaus ihre Haut zu Markte tragen zu müssen. Hauthunger. Hautempfindlichkeit. Wir sitzen immer noch am Strand, der Mann aus Martinique und ich. Es hat geregnet, wir haben die Tropfen auf der Haut trocknen lassen. Ich frage mich, ob ich ihn schön finde, weil er dunkel und fremd und exotisch ist. Ich stelle mir vor, ich würde in seiner Haut stecken und hier leben. Welchen Vorurteilen würde ich begegnen? Vor Jahren bin ich mal als einzige Weiße auf einem Markt in Nigeria gewesen. Ich habe es gehasst, so angestarrt zu werden. Ich frage mich, wie er mich wohl sieht? Als bleiches Sahneschnittchen?

"Was denkst du?", fragt er mich und legt den Arm um meine Schulter. - "Nichts", sage ich. Meine Haut hat jetzt alles Mögliche im Sinn. Diskussionen gehören nicht dazu.

Zum Weiterlesen über die Haut

Interessante Details über unser größtes Sinnesorgan haben die Hautspezialisten Professor Günter Burg und Dr. Michael L. Geiges in ihren Büchern "Die Haut, in der wir leben" (269 S., 23,50 Euro, 2001) und "Rundum Haut" (240 S., 32,60 Euro, 2006; beide Bücher Verlag Rüffer & Rub) zusammengetragen. Der erste Band zeichnet die Entwicklung der Hautforschung nach, der zweite Band widmet sich der gesunden und der kranken Haut sowie den Möglichkeiten, sie zu behandeln. Mit unserer äußeren Hülle als Spiegel der Seele beschäftigt sich der Psychosomatiker und Dermatologe Professor Uwe Gieler in seinem Buch "Die Sprache der Haut" (190 S., 16 Euro, Patmos 2007).

Text: Regina KramerFoto: iStockphoto
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