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Schönheit ohne Jugendwahn


Jugendwahn Mit Make-up verdient sie Millionen - und schminkt sich selbst kaum. Bobbi Brown, amerikanische Starvisagistin und Kosmetikunternehmerin, plädiert dafür, in jedem Alter zu seinem Aussehen zu stehen.

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Die kleine Frau hat sich Großes vorgenommen. "Ich will die Gesellschaft verändern", sagt Bobbi Brown. Als ihr aufgeht, wie gewaltig das klingt, kräuselt sie die Nase, lacht und schüttelt den Kopf über sich selbst. Denn schließlich ist die 50-Jährige keine Politikerin und auch keine Menschenrechtskämpferin, sondern, nun ja, eine Make-up-Unternehmerin. Wenn auch eine sehr erfolgreiche: "Bobbi Brown" ist in den USA ein von vielen Frauen fanatisch verehrter Markenname, der nicht nur für hochklassige Schmink- und Pflegeserien steht, sondern für einen ganz eigenen, natürlich-schlichten Stil. Den verkörpert auch die gerade mal 1,52 Meter große Bobbi selbst. Sehr patent und zugänglich, geradezu bodenständig wirkt sie, wie sie da in Jeans, Mokassins und hellblauem Shirt in ihrem Arbeitszimmer sitzt. Hinter ihr hängt an einer Backsteinwand eine große, von Rosarottönen beherrschte Collage aus Zeitschriftenausrissen, Skizzen und Fotografien - Inspiration für Bobbi Browns nächste Farbpalette. Nun gut: Wie verändert man mit Make-up die Gesellschaft? "Ich glaube, dass wir an einem Scheideweg stehen", sagt Bobbi, jetzt wieder ernsthaft, "und dass viele Frauen sich für die falsche Abzweigung entscheiden, die von Botox, Restylane und wie diese ganzen Faltenfüller heißen." In den USA, aber auch in Deutschland kommt gerade eine ganze Generation erfolgreicher, selbstbewusster Frauen in jene Jahre, die leicht verschämt "die besten" genannt werden. Dadurch gibt es jetzt die einzigartige Chance, ein Schönheitsideal jenseits des Jugendwahns neu zu definieren - wenn, ja wenn diese Altersgruppe sich nicht dem Zwang zur herbeigespritzten Faltenfreiheit und zur OP-Attraktivität unterwirft. "Frauen fangen mit diesem wahnwitzigen Chirurgie- Ding an, weil sie keine Rollenvorbilder haben", sagt Bobbi, "keine älteren Frauen, die wirklich gut aussehen." Bobbi träumt von einer Gesellschaft, in der Frauen den Mut haben, die andere Abzweigung zu nehmen - und natürlich älter zu werden. Bei jeder Gelegenheit plädiert sie dafür, sich dem Jugendlichkeitsdiktat zu entziehen und zu seinem Aussehen mit 40, 50 oder auch 80 zu stehen. Was für Bobbi nicht heißt, dass sich Frauen gehen lassen sollen. Sie predigt vernünftige Nahrung, ausreichende Bewegung, anständige Pflege. "Je besser wir auf unseren Körper, unseren Geist und unsere Seele Acht geben, desto mehr wird sich das auch in unserem Aussehen niederschlagen." Attraktivität durch innere Ausgeglichenheit, sozusagen. Annehmen, wer man ist, sich wohl fühlen mit den eigenen Wesens- und Gesichtszügen, sich nicht treiben lassen von den Furien der Beauty-Industrie - das sind ziemlich seltsame Ratschläge von einer Frau, die ihren Reichtum ebenjenen kleinen Beauty-Helfern in der Handtasche zu verdanken hat.

Aber Bobbi Brown hat halt ihre Widersprüche wie alle Frauen - und sie hat, das macht sie sympathisch, noch nicht so ganz gelernt, nach ihren eigenen Maßgaben zu leben. "Wenn man dank der Antifaltenspritzen wirklich wie 20 aussehen würde, wäre es vielleicht etwas anderes", sagt sie irgendwann, "aber man sieht einfach nur bizarr aus." Das weiß Bobbi aus eigener Erfahrung: Auch sie ist der Versuchung zur chemischen Jungkur schon erlegen, hat sich Botox spritzen lassen. Eine Behandlung ist schief gegangen und hat ihr wochenlang ein herabhängendes Augenlid beschert.

Es sollte nicht verwundern, dass eine Frau, die ihr Leben der Kunst des guten Aussehens gewidmet hat, vielleicht ein bisschen zu viel über ihr Äußeres nachdenkt. Als Teenager Anfang der siebziger Jahre war Bobbi, die in einem ganz normalbürgerlichen Haushalt in einem Vorort von Chicago aufwuchs, mit ihrem Körper kreuzunglücklich. Das Schönheitsideal jener Zeit waren flachbrüstige, langbeinige blonde Engel wie Supermodel Cheryl Tiegs - das genaue Gegenteil der brünetten Bobbi, die dennoch ihr Bestes gab, sich in einen solchen Engel zu verwandeln. "Ungefähr mit 16 habe ich mir ein Diätbuch gekauft, von dessen Titel Cheryl strahlte, und tatsächlich gedacht: Wenn ich diesen Plan ganz genau befolge, werde ich am Ende wie sie aussehen."

Erst als Bobbi andere Rollenvorbilder - etwa die dunkelhaarige, Natürlichkeit ausstrahlende Ali McGraw in "Love Story" (1974) - fand, lernte sie allmählich, sich als attraktiv zu sehen. Mit ihrer Größe hadert Bobbi allerdings bis heute, auch mit ihrem "Fünf-bis-zehn-Pfund- Gewichtsproblem", und sie schwärmt verdächtig oft von Frauen, die "in sich ruhen und sich so akzeptieren, wie sie sind".

Vielleicht wurde gerade, weil ihr dieses In-sich-Ruhende fehlt, ein ruhiger, schlichter, natürlicher Stil ihr Markenzeichen als Visagistin, schon als sie Anfang der achtziger Jahre ihre Karriere in New York begann. Da hatte sie zwar eine Ausbildung als Maskenbildnerin hinter sich, weil sie wusste, "dass Make-up meine Bestimmung war", aber von der Mode- und Beauty-Branche keine Ahnung. Ein halbes Jahr lang rannte sich Bobbi die Hacken ab, putzte die Klinken von Zeitschriften und Model-Agenturen, ehe ihr jemand ihren ersten Auftrag gab: Sie durfte eine Tänzerin für ein paar Magazinaufnahmen schminken und frisieren. Umfang der Geschichte: eine Seite. Honorar: 150 Dollar. Sieben Jahre dauerte es, bis Bobbi Brown ihren großen Traum erreichte - ein "Vogue"-Titelbild. Und vier weitere Jahre, bis sie ihre eigene Make-up-Serie auf den Markt brachte, zuerst nur zehn Lippenstifte, die ausschließlich im New Yorker Edelkaufhaus Bergdorf Goodman angeboten wurden. Doch die Lippenstifte wurden rasch ein derartiger Erfolg, dass Bobbi Brown ihre Serie ausbauen konnte. 1995 verkaufte sie ihr Unternehmen an Estée Lauder, ist aber bis heute für alle Bobbi-Brown-Produkte verantwortlich.

Ihr Erfolgsgeheimnis? "Ich wollte Frauen nie Dinge aufzwingen, die nicht zu ihnen passen", sagt sie. Ein fitter grauhaariger Mann in Cordhosen tritt in ihr Arbeitszimmer, das in einem industriell anmutenden Loftgebäude am Rande von Montclair liegt, einer Kleinstadt in New Jersey. Bobbi fängt an zu strahlen. "Das ist der gut aussehende Mann, mit dem ich verheiratet bin", sagt sie. Das Paar spricht kurz den Abend ab - Bobbi hat um 19 Uhr eine Massage und würde gern das Essen auswärts bestellen -, dann geht Steven Plovker wieder. Die beiden verstehen sich bestens, das merkt man gleich. Seit sie Ende der achtziger Jahre geheiratet haben, leben sie in Montclair, ziehen hier ihre drei Söhne groß und versuchen, trotz ihres Wohlstands einen weitgehend normalen, unglamourösen Alltag beizubehalten.

"Hier kann jeder so sein, wie er sein will. Anders als in Manhattan kann ich hier ohne Make-up herumlaufen, ohne schief angeguckt zu werden", sagt die Make-up-Millionärin. "Das gefällt mir unglaublich gut." Ein Widerspruch? Und wenn schon.

Natürlich konnten wir die bekannte Visagistin nicht gehen lassen, ohne sie um ein paar Tricks in Sachen Schönheit zu bitten... Hier sind Bobbi Browns Schmink-Tipps - exklusiv für BRIGITTE WOMAN-Leserinnen!

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1. Wie schminkt man sich am geschicktesten die Augen? "Indem Sie drei Schattierungen einer Lidschattenfarbe benutzen: einen hellen, einen mittleren und einen dunklen Ton. Tragen Sie die helle Farbe mit einem Lidschattenpinsel über das gesamte Oberlid auf, als Basis. Den mittleren Ton dann entlang dem unteren Lidrand aufpinseln. Anschließend einen sanften Bogen über der oberen Lidfalte zeichnen. Und den dunklen Ton setzen Sie danach wie einen Eyeliner ein: immer dicht am Wimpernrand entlangstricheln. Zum Schluss einfach die Wimpern kräftig tuschen."

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2. Wie wirken die Lippen voller, und wie vermeide ich die feinen Linien um den Mund? "Schmale Lippen sehen viel voller aus, wenn sie in relativ hellen Tönen geschminkt werden. Sehr dunkle Farben lassen dünne Lippen noch schmaler wirken. Besonders eindrucksvoll und sehr natürlich betont sehen Ihre Lippen aus, wenn Sie sie mit einem farblich passenden Konturenstift umranden - nachdem der Lippenstift aufgetragen ist. Feine Linien vermeiden Sie, wenn Sie regelmäßig eine nicht zu fette Lippencreme rund um den Mund einklopfen."

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3. Welcher Lidschattenton steht welcher Frau sehr gut? "Wenn Sie blond sind, greifen Sie am besten zu Lidschatten in aschigen Braun- und hellen Rosanuancen. Bone (ein mattes, sehr helles Graubeige) sieht ebenfalls toll an Blonden aus und steht auch Roten und Brünetten sehr gut. Letztere sehen umwerfend aus mit Lidschatten in Mittelbraun, Mokka und Mahagoni. Und ich liebe es, wenn Rothaarige ihre Augen mit Moosgrün, Rotbraun oder mit Taupe (einem hellen Braungrau) betonen. Frauen, die graues oder weißes Haar haben, stehen weiße, schieferfarbene, graue und marineblaue Lidschatten-Nuancen."

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4. Kann man mit Make-up tricksen, damit die Gesichtskonturen straffer wirken? "Versuchen Sie bloß nicht, alles an sich zu verändern. Sie können aber mit Make-up die Aufmerksamkeit von Dingen ablenken, mit denen Sie nicht so zufrieden sind. Setzen Sie zum Beispiel den Fokus auf Ihre schönen Augen, indem Sie sie kräftig umranden und mit Mascara tuschen, oder heben Sie Ihre hohen Wangenknochen mit Rouge noch deutlicher hervor."

Text: Susanne Weingarten Fotos: Christian Walmroth Haare und Make-up: Stelli/M4 Produktion: Bénédicte Mohr

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