Was liebt man am anderen?

Lippen, Hände, Augen, Grübchen oder ist es der Duft? Was man am anderen liebt, fällt oft ganz unterschiedlich aus. Fünf Menschen erzählen.

Über nichts reden wir lieber als über die Liebe. Nichts ist wichtiger - und rarer. Sie ist das, was sich am besten verkauft. Kein Duft, keine Mascara, kein Lippenstift geht ohne Liebesversprechen über die Theke.

Liebe, was ist das eigentlich? Eine Kunst, schrieb Sozialpsychologe Erich Fromm, wichtiger als Erfolg, Prestige, Geld und Macht. Erfordert Geduld, Disziplin, Mut. Liebe macht den, der liebt, verwundbar. "Niemals sind wir ungeschützter gegen das Leiden, als wenn wir lieben", urteilte Psychoanalytiker Sigmund Freud. Für Philosoph Richard David Precht ("Liebe - ein unordentliches Gefühl") ist Liebe nichts, was es geben müsste, kein Naturgesetz, sondern das schönste, größte Rätsel der Evolution. Um uns fortzupflanzen, brauchen wir Sex, aber keine Liebe. "Selbstverständlich geliebt zu werden ist ein erhebendes Gefühl", findet Precht, "weil es nicht selbstverständlich ist." Äußerlich lieben wir am anderen oft Details, die andere übersehen. Liebe heißt: Ich will, dass es dich gibt, genau so, nicht anders. Bei mir bist du schön, einfach du.

Mutter und Tochter: Brigitte und Laura Louisa

"Bonjour, mein Herz", mailt Brigitte Garde, 57, Galeristin, ihrer Tochter Laura, als wir wissen wollten, was beide aneinander mögen. Und "Bisous, Mamam!" antwortet diese. Wenn sie einem den Rücken kehren, könnten sie Schwestern sein, schlank, lange blonde Haare. Lauras Vater ist Künstler, die Familie hat lange in Berlin gelebt, dann in Worpswede. Früher haben sie zusammen "Sex and the City" gesehen. Jetzt kommt die Schauspielerin, die am Max Reinhardt Seminar in Wien studiert hat und als Moderatorin beim Kinderkanal Nickelodeon in Berlin arbeitet, seltener nach Hamburg. Seit vier Jahren führt Brigitte Garde dort eine Galerie, schminkt sich wenig, aber die Lippenfarbe "SuperStay 14 Hours Lipstick Non Stop Red" von Maybelline gefiel im Studio beiden.

Brigitte: "Schon als Baby hatte Laura einen riesigen, schön geschwungenen Mund und fast zu kleine, runde Ohren. Wenn sie die Haare hochsteckt, sieht das immer ganz entzückend aus. Sie kann sehr elegant sein. Was ich so schätze, ist ihre Willensstärke. Schon mit drei hat sie beschlossen: Ich spiele jetzt mit den Siebenjährigen."

Laura: "Meine Mutter schminkt sich wenig. Ich mag ihre Natürlichkeit, ihre verstrubbelten Haare und rote Bäckchen, wenn sie angeregt diskutiert. Wir haben ja beide was Dominantes. Meine Mama trödelt gern, sie ärgert sich, wenn ich so oberlehrerhaft werde. Das Wichtigste, was ich von ihr gelernt habe: Man muss nicht um jeden Preis gefallen. Sie verkauft nichts, was sie nicht gut findet. Diese Zielstrebigkeit habe ich von ihr: Mit 14 wollte ich nach Japan, mit 15 war ich da, alles selbst erspart."

Beste Freunde: Moritz und Janika

Janika Cammann (30) betreut Kinder bei Dreharbeiten, Moritz Casp (33) ist Autor. Beide leben in Berlin.

"Bei dir bin ich schön, das ist ein Phänomen. Auf der Skala eins bis zehn. Bei dir bin ich zehn", läuft im Radio, fette Beats: 2Raumwohnung. Das passt: Früher waren Janika und Moritz mehr als beste Freunde, ein Paar. Heute ist Janika Single, Moritz nicht. Sie tanzt gern Charleston, liebt die 20er Jahre, war Kinderyoga-Lehrerin und arbeitet heute als Set-Nanny in Berlin. Das heißt: Sie betreut Kinder während der Dreharbeiten. Er ist Autor. Beide kennen sich seit der Schulzeit. Erst wurden sie Freunde, dann ein Paar, dann trennten sie sich. "Während der Beziehung habe ich gemerkt, dass ich auf Männer stehe", sagt Moritz. "Nun liegt in unserer Intimität ja auch eine gewisse Unschuld." Der Assistent dreht das Lied lauter - auf ihren Wunsch: "Bei dir bin ich zehn. Ich kann mich selbst nicht so seh'n, vielleicht klingt das schizophren", singen sie. "Ist aber angenehm, bei dir bin ich schön."

Janika: "Der raucht schon ganz schön sexy. Und ich mag seine langen blonden Wimpern. Das ist ja auch feminin. Und diese weißen, glänzenden Zähne beim Lachen, dieser Schalk. Oft beginne ich einen Satz, komme ins Rattern, und du beendest den dann so. Er ist meine beste Freundin. Ich erzähle ihm oft mehr als meinen Partnern."

Moritz: "Bei mir ruhst du dich aus, manchmal ruhst du dich ein bisschen zu sehr aus. Ob sie klammert? Ja, klar! Ich bin ihr Barometer. Wir haben schon eine subtile Nähe. Janika ist ja eine wunderschöne Frau, diese Augen, die helle Haut, all das mag ich. Und vor allem schätze ich diese völlige Akzeptanz. Manchmal treten wir auch als Geschwister auf."

Tochter und Mutter: Alva und Marna

Marna Hübner (46), TV-Autorin bei der Deutschen Welle in Berlin mit Tochter Alva Hübner (6)

Es gibt dieses Youtube-Video, in dem Kinder erzählen, wie sie ihre Mütter finden. Mütter fühlen sich nie perfekt, zu wenig Zeit, zu wenig Geduld, zu wenig von allem. Und die Kinder? Lieben sie über alles. Einfach so. Wer Marna und Alva kennen lernt, versteht sofort, warum. Alva geht in die erste Klasse, ein schlaues Kind, voller Ideen. Als sie auftaucht: 180 Prozent Energie. Sie hopst auf dem Studiosofa und lacht, schallend, aus vollem Hals, wie nur Kinder es können. Von ihr aus kann es losgehen. Ihr Lieblingskleid hat sie an. Nur ihre Mutter muss noch geschminkt werden. Damit Alva nicht langweilig wird, lackieren wir ihre Fingernägel - pink mit Glitzer. Toll! Als fotografiert wird, küsst sie wie keine Zweite. Kein Posen, so, wie sie ist, und fragt zwischendurch: "Mannomann, wie lange dauert das denn eigentlich noch?"

Marna: "Ich hatte eine Zeit ganz kurze Haare. Ich mag sie lieber aus dem Gesicht, jetzt stecke ich sie hoch. Ich finde Alvas Augenfarbe hübsch, so grünblau, wie ein Teich. Und ich stecke meine Nase immer so gern in ihren Nacken. Der riecht frisch, süß, so sauber. Und ich mag ihren geschwungenen Mund, den hat sie von ihrem Vater. Die haben beide etwas ganz Liebes. Sie können natürlich auch anders. Alva kann oft ein ziemlicher Querkopf sein, schon reichlich kompromisslos. Aber sie ist keine Mitläuferin. Und ihre Locken mag ich. Anfangs waren sie ganz schwarz, heute sind sie ja heller. Sie ist ein kleiner Stier, ihr Sternzeichen, manchmal kommen die Hörner auch raus."

Das Ehepaar: Klaus und Waltraud

Waltraud Schroeder (59), Büroleiterin Architekten- und Ingenieurkammer und Klaus Schröder (67), Landschaftsarchitekt, beide im Ruhestand.

Hamburger Staatsoper, John Neumeiers Ballett "Die kleine Seejungfrau". Es ist Pause. Sie steht im Foyer und fällt sofort auf: schwarzrotes Kleid von Max Mara, kurze, graue Haare, offener Blick. Ihr Mann bringt zwei Gläser Wein. Herr Schröder und Frau Schroeder aus Kiel, jeder war verheiratet, sie haben ihre Namen behalten, keine Kinder. Ob sie sich fotografieren lassen? Sie sind einverstanden, sie gleich, er später. 2006 haben sie aufgehört zu arbeiten. Als Beruf gibt er "Privatier" an, sie: "Rentner, das sind wir doch." Nun haben sie Zeit füreinander, Reisen, Konzerte. Sie könnte auch in New York leben. Eigentlich. "Da müssen Sie sie in Malerkleidung in unserem Ferienhaus am Siljansee in Schweden mal sehen", sagt er und lacht. "Sie ist eine Allzweckwaffe." Leidenschaftliche Liebe und Ehe seien zweierlei, schrieb Hegel. Manchmal irrt auch ein Philosoph.

Waltraud: "Ich mag seine Haare an den Händen und Armen, die fand ich ungewöhnlich. Ich achte immer auf die Hände der Männer, vielleicht hat das mit Erotik zu tun, das läuft ja unterschwellig ab. Er findet seine Nase immer nicht so schön. Ich finde die ganz gut."

Klaus: "Ihre Frisur, ihre Haarfarbe finde ich toll, früher hatte sie längere Haare. Diese Frisur passt zu ihr. Und sie hat eine Vielzahl von Düften, die ich alle mag, keine süßen, schwülstigen. Sie ist ja auch kein schwülstiger Typ, klar, aber nicht hart. Und sie hat wache Augen, nicht so einen verträumten Blick."

Waltraud: "Stimmt, ich bin immer neugierig."

Klaus: "Ich muss sie manchmal bremsen. Aber wenn sie nicht wäre, würde ich vieles verpassen. Ich denke zu viel voraus, da entgeht einem vielleicht der Moment. Ich denke immer, man muss nicht alles im Leben probieren."

Waltraud: "Ich denke immer, man könnte es mal probieren."

Nachbarskinder: Jim-Jakob und Joëlle

Jim-Jakob (3) und Joëlle (5) wohnen in Berlin-Prenzlauer Berg im selben Haus. Dienstags holt er mit seiner Mutter Joëlle vom Kindergarten ab.

Wenn er sie abholt, fährt Jim-Jakob immer Laufrad, Joëlle schon ein richtiges Fahrrad. Am liebsten baden beide zusammen - noch. Beim Shooting ziert er sich, ist müde, schüchtern, Joëlle neugieriger, offener, mutiger. Sie posiert, küsst ihn, mitten auf den Mund, nimmt ihn an die Hand, dreht ihn zu sich. Sie macht das schon. Der Eindruck täuscht: Denn eigentlich ist Jim-Jakob ein kleiner Draufgänger, sagt die Mutter, ein Charmeur - einer, der den Kopf senkt und sich im Sofa versteckt, zum Päckchen rollt, um den Blick heben, nur verlegen zu spielen, verschämt-verschmitzt. Am Ende gibt er der verdutzten Joëlle einen Kuss.

Joëlle: "Ich finde seine blonden, lockigen Haare schön. Wir wohnen in einem Haus. Wir spielen manchmal Prinz und Prinzessin. Ich war die Prinzessin. Er hat aber auch ein rosa Ballkleid zu Hause und auch ein hellgrünes. Dann sieht er schön aus. Aber Jimi ist schwerer als ich, und ich bin schon fünf. Das ist lustig. Manchmal schenke ich ihm Autos von meinen Brüdern, das freut ihn immer so."

Jim-Jakob: "Ich mag Joëlle abholen vom Kindergarten. Sie kann sooo gut Rad fahren. Sie ist hübsch."

Fotos: Jo Jankowski Produktion: Birgit Potzkai Text: Viola Keeve Haare und Make-up: Tricia Le Hanne BRIGITTE WOMAN 06/2014

Wer hier schreibt:

Viola Keeve
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