Schönsein und Älterwerden

Älterwerden - das passt zusammen. Sehr gut sogar. Vor allem in Europa und den USA gelten Frauen der Generation 40plus als neue Stil-Ikonen. Doch wie ist die Situation in Asien oder Lateinamerika? Eine Beauty-Reise rund um die Welt

"Für mich ist Schönheit nichts Äußerliches, sondern ein Lebensgefühl"

Die Beiersdorf-Studie beruht auf acht Tiefeninterviews, die mit Frauen zwischen 55 und 65 aus Hamburg und Paris zum Thema "Älterwerden" geführt wurden. An der Dior- Studie "Schönheit und Älterwerden weltweit" nahmen je 300 Frauen zwischen 30 und 60 aus Frankreich, Italien, den USA, Japan und China teil.

Es war einmal eine Zeit, in der die Worte "alt" und "hässlich" aneinander klebten wie Pech und Schwefel. Und wenn sie einer trennen wollte, fuhr garantiert eine runzelige Hexe aus einem alten Volksmärchen dazwischen und schweißte sie wieder zusammen. Nichts gegen die Gebrüder Grimm. Doch auch sie sind nach Meinung von Psychologen mit schuld daran, dass bei uns ältere Frauen lange Zeit bestenfalls mit Weisheit, kaum jedoch mit Schönheit assoziiert wurden. Wie schade. Und wie gut, dass sich das gerade von Grund auf ändert. Zeit wird es, schließlich machen die Frauen über 50 Jahre in Europa schon jetzt rund 35 Prozent der Bevölkerung aus. Tendenz steigend. Und sie sind so aktiv und attraktiv wie nie zuvor. Weil sie wissen, was sie wollen, aber auch, was sie nicht mehr unbedingt brauchen. Weil sie eine Menge erlebt, aber noch genauso viel vor sich haben. Und weil sie es zulassen, dass ihre Gesichter von diesen Erfahrungen und Träumen erzählen. Solche Frauen sind im Kommen. Gerade weil sie sich so wohltuend abheben von jugendlich glatten und austauschbaren Model- Gesichtern. Als die Firma Dove im letzten Sommer eine 96-Jährige von ihren Plakaten strahlen ließ, war die Resonanz überwältigend.

"Seitdem ich pensioniert bin, lese ich so viel wie nie und bin ständig auf dem ganzen Globus unterwegs. Das ist die beste Zeit meines Leben!"

Genauso wie bei den BRIGITTEwoman-Titeln: Wir waren die Ersten, die tolle Frauen mit grauen Haaren und Falten zeigten. Schließlich sind die 40plus-Frauen auch besondere Frauen, aus einer besonderen Generation. Die Frauenbewegung brachte genügend Selbstbewusstsein, um den Veränderungen des Körpers gelassener zu begegnen, als es noch die eigenen Mütter taten. Von der 68er-Bewegung kam der Mut für Neuanfänge in jedem Lebensalter. Eine stabile Wirtschaftslage sicherte zudem den meisten die materiellen Voraussetzungen für gesunde Ernährung und Pflege. Kein Wunder also, dass die heutigen 50- bis 70-Jährigen sich oft zehn Jahre jünger fühlen. Das belegen zwei Studien der Kosmetikfirmen Beiersdorf und Dior. Viele der befragten Frauen finden sich heute sogar schöner als mit 20. Vielleicht liegt das auch daran, dass Schönheit trotz aller Werbebotschaften von den meisten Europäerinnen nicht in erster Linie mit einem straffen Körper und einer glatten Haut verbunden wird. "Lächeln", "Auftreten" und "Kleidungsstil" sind die Merkmale, die sie in den Studien am häufigsten nannten: Ausstrahlung schlägt Körperkult. Und die Falten? Lieben tut sie keine, und etwas dagegen unternehmen wollen die meisten.

Doch es gibt Grenzen: Noch sind Liftings in Europa eher selten. Man versucht lieber, sich ab 50 besonders sorgfältig zu pflegen, das tut der Seele genauso gut wie der Haut. Produkte, die mit raffinierten Rezepturen Straffheit wiederzugeben versuchen, kommen deshalb bei den meisten gut an. Trotz aller Anti-Aging-Rituale: Jugend um jeden Preis lehnen die Frauen in Europa auf jeden Fall ab. Schön sein kann man in jedem Alter, finden sie. Und begehrenswert sowieso.

"Wir sind seit über zehn Jahren Freundinnen-Das einfachste Rezept, um jung zu bleiben."

Anderswo ist das leider noch nicht der Fall. Vor allem ältere Asiatinnen fürchten um die Zartheit ihrer Haut und um den berühmten Porzellanteint. Um den zu erhalten, schluckte man früher in China sogar zermahlene Perlen, heute greifen viele Frauen zu Weißmacher- Cremes - obwohl die bis vor kurzem gesundheitsschädliches Quecksilber enthielten. Dabei haben gerade in Japan Geschichten von lebenslustigen älteren Frauen, die sich um keine Konventionen scheren, Tradition. Die Bücher der Autorin Tanabe Seiko über eine solche Frau sind landesweit Bestseller. Doch an die reale Nachahmung wagen sich - bisher - die wenigsten. Vielleicht wird sich das ja bald ändern. Schließlich blickt man selbst im boomenden China immer noch gern Richtung USA, wenn es um Lifestyle- Trends geht. Und was die Selbstverwirklichung ab 40 angeht, sind die Nordamerikanerinnen einfach unschlagbar.

Hollywoodstars machen vor, wie es geht - der Rest zieht mit: Mutterschaften mit Ende 40, völliger Neustart mit 55. Dass die Frauen sich gern von Schönheitschirurgen helfen lassen, um bei diesem Lebenstempo auch ein entsprechend jugendliches Aussehen zu erhalten, ist die Kehrseite der Medaille. Wobei sich selbst dort erst vier Prozent der Bevölkerung tatsächlich unters Messer legt. Vielen reicht es auch, sich einfach sehr sorgfältig zu stylen. Vor allem auf ein geübt aufgetragenes Make-up wird Wert gelegt. Afroamerikanerinnen kümmern sich zudem bis ins hohe Alter fantasievoll um ihre Haare: Kunstvolle Frisuren galten bei vielen afrikanischen Völkern von jeher als begehrte Hingucker.

"Schon als Kind habe ich Yoga gelernt, es schenkte mir Ausgeglichenheit und Glück. Heute weiß ich, dass es mich auch attraktiv macht. Denn nur wer sich gut fühlt, sieht gut aus."

Ebenso wie möglichst füllige Hüften: Rundungen als Schönheitsmerkmal - auch wenn sich das derzeit durch die vielen dünnen westlichen Models in afrikanischen Medien leider ändert. In Lateinamerika mag man es ebenfalls gern üppiger. Schönheit ist hier ein Fulltimejob - der aber mit großem Genuss und oft im Freundinnenkreis verrichtet wird, auch nach dem 50. Geburtstag: Maniküre, Pediküre, Kosmetikerin- und Friseurtermin. "Wir hören nicht mit dem Leben auf, wenn wir älter werden", sagt die peruanische Ethnologin Carmen Arellano Hofmann. "Bei uns gibt es so viele Partys, auf denen man schick hergerichtet erscheint. Und dann wird geflirtet!"

Dass Latinas über 50 neuerdings auch Karriere machen, zeigt die Chilenin Michelle Bachelet. Sie wurde kürzlich zur ersten Präsidentin ihres Landes gewählt - mit 54. Genau in dem Alter eben, in dem man noch mal so richtig loslegen sollte.

"Schönheit ist das, was in uns leuchtet, wenn wir Liebe und Freundlichkeit in unserern Herzen haben."

Der Westen als Vorbild?

Nina Degele, Professorin für Soziologie und Gender Studies an der Universität Freiburg, hat sich mit einem weiteren Aspekt globaler Schönheit beschäftigt: dem Boom von Schönheitsoperationen. Gerade im Westen erobern Frauen über 50 die Gesellschaft und werden als attraktiv empfunden - auch wegen ihres Alters. Andererseits gibt es den "Botox-Trend". Wie passt das zusammen? Das hat in erster Linie mit der Altersstruktur der Gesellschaft zu tun. Zwar sind Frauen in diesem Alter heute sehr selbstbewusst, vor allem, weil sie gut gebildet sind und die Gesellschaft entscheidend mitgeprägt haben. Sie müssen deshalb von den Medien und der Wirtschaft auch mehr beachtet werden, zumal sie eine äußerst kaufkräftige Klientel sind. Doch überall, wo es wesentlich mehr ältere als junge Menschen gibt, gilt Jugend als ein seltenes Gut. Und was selten ist, wird nun mal begehrt. Gilt das für alle Kulturkreise? Schönheitsoperationen boomen weltweit. In vielen Ländern aber eher aus ethnischen Gründen. In Asien lassen sich Frauen zum Beispiel weniger wegen Falten operieren, sondern lieber die Augen vergrößern oder die Beine strecken, um westlicher auszusehen. Wieso wird denn gerade das westliche Schönheitsbild überall als so attraktiv empfunden? Ich vermute, dass das mit dem wirtschaftlichen Erfolg der westlichen Gesellschaften zu tun hat. Der wird von den Menschen auch dank Werbung und Medien mit dem westlichen Aussehen verbunden. Und das gilt dann eben als erstrebenswert.

Fotos: Michael Neumann Produktion: Bénédicte Mohr Text: Kristina Maroldt Haare und Make-up: Bobby Bujisic/Bigoudi

Wer hier schreibt:

Kristina Maroldt
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