Das Fest der Hässlichen

Ganz Italien huldigt der Schönheit. Ganz Italien? Nein, ein kleines Dorf im Apennin feiert jedes Jahr das "Fest der Hässlichen", und alle sind dabei, egal, wie sie aussehen - denn mal im Ernst: Was bedeutet das schon?

Piobbico, 2000 Einwohner, drei Autostunden südöstlich von Florenz. Karg und ursprünglich, wie aus einem Karl-May-Film, wirkt die Gegend tief in den Trüffeltälern. Die Sonne scheint, ein herrlicher Tag. Der Ort ist beflaggt. "La bellezza è negli occhi di chi guarda" steht auf Fahnen. Wie wahr: Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Verlaufen kann man sich hier nicht. Kirche, Burg, steinerne Brücken, blassgrüner Fluss, alles mittelalterlich, idyllisch. Wenn dies das Mekka der Hässlichen ist, hat es sich gut getarnt - und seine Bewohner auch. Dennoch ist hier seit 40 Jahren am ersten Sonntag im September das "Festa dei Brutti", das Fest der Hässlichen - mit Musik, Wein, Polenta alla Carbonara und Feuerwerk.

Was ist da los in Piobbico? Haben die Menschen hier nicht verstanden, was im Rest der Welt gilt? Schöne leben schöner, Schöne finden schon als Kind mehr Beachtung, werden hofiert, im Job schneller befördert. Schönheit verspricht Freiheit, Glück, Sex, Erfolg. Prima für die, die dazugehören. Und der Rest? Soll sich eben anstrengen. Piobbico macht da nicht mit. Denn Hässlichkeit hat hier Tradition - bereits 1879 schon wurde der "Club dei Brutti" gegründet, der Club der Hässlichen. Warum? Weil dem Grafen von Piobbico 128 alte Jungfern auf der Tasche lagen. Die waren der Überlieferung nach so hässlich, dass sie keiner heiraten wollte. Im Club sollten sie Männer finden, die genauso "attraktiv" waren wie sie - fast so etwas wie eine frühe Selbsthilfegruppe. Im Land der Schönen und Superschönen geriet sie bald wieder in Vergessenheit.

In der Weltzentrale der Vereinigung der Hässlichen werden auch die Mitgliedsausweise ausgestellt. Kfz-Mechaniker Adriano Cucchiarini (links) ist Jurymitglied im "No-bel"- Preis-Komitee

Bis Telesforo Iacobelli 1963 den Club als Heiratsmarkt neu ins Leben rief und zu dem machte, was er bis heute ist: ein charmant-ironischer Aufstand gegen Äußerlichkeit. Und einmal im Jahr wird den Scheußlich-Schönsten der "No-bel"-Preis überreicht. "Non bello" heißt "nicht schön", und darauf sind die Geehrten dann besonders stolz. Der "Presidentissimo", wie man Iacobelli liebevoll nannte, galt selbst als hässlich. Seine Nase war viel zu klein in Breiten, in denen seit den Zeiten der alten Römer gilt, dass nur große lange Nasen schön sind. Hässliches war Iacobellis Lebensthema. Er sammelte, was er fand. Bücher über Schönheit las er nicht. Warum auch? Da entwarf er lieber das Wappentier des Clubs, den wilden Eber. Und das Motto: "La bruttezza è na' virtu. La bellezza è schiavitù", Hässlichkeit ist eine Tugend, Schönheit ist Sklaverei. Der Presidentissimo starb 2006, kurz vor dem Fest, das so sehr seines ist. Nach ihm füllte Tochter Roberta das Amt aus, bildschön, stolz, klug - so eine Königin der Hässlichen hatte man noch nicht gesehen. Und zu sagen hat sie auch etwas. "Wir sind besessen, indoktriniert von äußerer Schönheit - absurd! Das führt zu zerstörerischem Selbsthass, viele leiden darunter", ereifert sie sich selbstbewusst für ihre Sache. "Wir müssen uns nicht verstecken. Denn wir sind viele."

30 000 Mitglieder hat der Club der Hässlichen weltweit. Auch Frauen können Mitglied werden. Präsidentin sogar, wie es Roberta war, vier Jahre lang. Nur den "No-bel"-Preis werden sie nie bekommen, sie dürfen sich nicht einmal darum bewerben. Frauen und Kinder sind "non definita" - nicht zu bewerten, denn "das gebietet der Respekt", sagt Adriano Cucchiarini. "Sie wissen schon: La Mamma!", fügt er hinzu, achselzuckend. Der Kfz-Mechaniker, 56, ist Jurymitglied im "No-bel"-Preis-Komitee. In rotschwarzem Gewand, halb Harvard-Umhang, halb DraculaKostüm, sitzt er bester Laune unter Kronleuchter und Keilerkopf im kühlen Gewölbe der "Associazione Nazionale dei Brutti", der Zentrale. Hier werden die Mitgliedsausweise ausgestellt, mit persönlichem Hässlichkeitsgrad - jedenfalls bei Männern - auf einer Skala von "insufficiente", ungenügend, bis "straordinaria", außergewöhnlich. Die Lizenz gilt lebenslang - abgestempelt ganz unbescheiden mit "sede mondiale", Weltsitz der Hässlichen. Ja, der Verein unterhält neben anderen auch eine Filiale in Kalifornien, berät weltweit, beantwortet hunderte Briefe, tröstet jene, die an ihrem Aussehen verzweifeln, ist LonelyHearts-Club und Heiratsagentur - und einmal im Jahr außerdem ein Riesenspaß. Das vor allem.

Darauf erst mal anstoßen! Umtrunk auf dem Marktplatz mit Bürgermeister Giorgio Mochi und Giannino (Hänschen) Aluigi, 49, Maurer: klein, lustig, Kugelbauch, Glatze, Kinnbart - und seit vier Jahren Präsident des Club dei Brutti. Man trinkt Spumante, das Feiern darf auf keinen Fall zu kurz kommen. "Wer hässlich ist, ist frei", erklärt er, frei von Schlankheits- und Jugendwahn. Auf einer Tafel steht: "Die hässliche Frau altert leichter. Sie wechselt vom Schatten in die Dunkelheit." Draußen auf dem Marktplatz zwischen den üblichen Fressbuden verkauft jemand Männerslips, "belli dentro", steht drauf: innen schön. Galgenhumor gegen den weltweiten Idealmaßterror. Auch in Italien lassen sich Frauen nach Vorbildern von Pornostars ihre Schamlippen verkleinern und Männer, denen die Zeit zum Sport fehlt, voluminöse Waden formen. Zum 18. Geburtstag wünschen sich viele statt Auto oder Urlaubsreise eine größere Brust oder eine neue Nase. Im italienischen Fernsehen turnen - quasi nackt - junge Frauen mit aufgespritzten Lippen und Silikonbrüsten herum. Sie heißen "Veline", Seidenpapier, angeblich, weil sie hauchdünne Zettel anreichen sollen. Sie sind immer dabei, egal ob Sport, News, Talkshow. Da duscht die eine im winzigen Paillettenkleid, da lässt sich die andere ein Etikett auf den nackten Po kleben. Berlusconi hat die jungen Appetizer populär gemacht, längst sind sie nicht mehr wegzudenken. Mamma mia! Langsam kann man verstehen, warum die Piobbichesi die Hässlichkeit feiern.

Es gibt nur innere Schönheit, der Rest ist Geometrie

Links: "Schönheit ist Bescheidenheit", sagt Contessa Itala Nardini - sie lebt in einem riesigen Palazzo in Rom. Mitte: Dorfprominenz - Lucia führt die beste Bäckerei am Platz und hat zum Fest gerade Bürgermeister Giorgio Mochi zu Besuch. Rechts: Lehrerin Elisa Rossi macht sich gern schön. Und was ist wirklich hässlich? "Neid und mangelndes Mitgefühl"

Heute ist der große Tag, alle sind festlich gekleidet. Viele sind wie Maria Rosa, 88, auf dem Weg zur Kirche. Schwarzer schmaler Rock, Perlenohrringe, Handtasche. "Ich ziehe mich gern elegant an", sagt sie. Schön findet sie sich nicht. Aber: "Ich habe noch alle Zähne, war noch nie krank. Dafür bin ich dem Herrn dankbar." Sie muss jetzt jedenfalls weiter, die Messe fängt schließlich gleich an. Jeder ist dabei, von der Putzfrau bis zur Contessa, von der Bäckereiverkäuferin zur Webdesignerin eines Modeportals. Überall Frauen wie Michela Torcolacci, Mutter dreier Kinder, die in der Freizeit putzt und näht, 37, sexy, hauteng in Schwarz, mit schwindelerregenden Highheels. Sie findet sich schön, aber: "Äußere Schönheit geht, innere bleibt." Elisa Rossi, eine ältere Lehrerin, trägt ein Top aus blauen Pailletten. Sehr glamourös. "Warum denn nicht?", fragt sie und glitzert in der Sonne. Gegenfrage: Was denn eigentlich hässlich ist? "Neid, mangelndes Mitgefühl, davon gibt es viel zu viel in der Welt." Sei, was du bist, nicht, was du scheinst, heißt dagegen die Devise der Piobbichesi. Wir treffen Contessa Itala Nardini, gesegnetes Alter, aber: YSL-Tasche, Glitzerkreuz, Leopardentop, riesige Sonnenbrille, blondiertes Haar, enge Hose, großer Gürtel. Sie ist Witwe, hat mal fürs Fernsehen gearbeitet, "molto fotogenica" - eine gebildete Frau, die Schönheit ins große Ganze spannt. "La bellezza del mondo", sagt sie: "Leonardo da Vinci, Raffael, Italiens Kultur ..." Schönheit sei doch nicht, wie man sich kleidet: "Schönheit ist Bescheidenheit."

Die Ruhe vor dem Fest - Farah und Tochter Maryam Moazedi, die extra aus Graz angereist ist

Vier von fünf Piobbichesi sind Mitglied im Club, auch die Schwestern Cecilia Ciccolini, 23, Pharmaziestudentin, langes blaues Kleid, und Cristiana, 19, die Lehramt studiert. "Wir sind ja überhaupt nicht gegen Schönheit", sagt Cecilia, "nur dagegen, darauf reduziert zu werden. Natürlich zählt im Leben ganz oft der erste Eindruck. Aber dann kommt es darauf an, wer man wirklich ist, die Schönheit des Herzens." Bleibt nicht der Druck, anderen gefallen zu müssen? "Ich spüre ihn nicht mehr", sagt die 23-jährige. "Ich bin seit fünf Jahren verlobt." Immerhin ehrlich. Auch wenn sich Piobbico als Nabel der Hässlichen vermarktet: Hier sind die Menschen nicht schöner oder hässlicher als sonst wo, aber so sonnig, gelassen, offen, bescheiden, dass man sofort Mitglied werden möchte in diesem Club. Am Abend fährt Präsident Giannino Aluigi begleitet von der Band der Hässlichen in Frack und Zylinder im offenen VW-Käfer-Cabrio zur Preisverleihung - neben sich Elisa Olivieri, 29, bildschön im Abendkleid, viel Haut. Vielleicht ist das Ironie. Vielleicht hat man in Piobbico aber auch den besten Weg gefunden, damit umzugehen, dass beides oberflächlich ist: die Schönheit und die Hässlichkeit.

"Früher oder später gehört ihr alle zu uns", hat Telesforo Iacobelli gesagt, halb Humorist, halb Philosoph. Mit seinem Club der Hässlichen war es ihm bitterernst: "Es gibt nur die innere Schönheit. Der Rest ist Geometrie."

Text: Viola Keeve Fotos: Pieter-Pan Rupprecht Mitarbeit/Übersetzung: Dr. Anja Zerbe-Reisinger BRIGITTE woman 07/2014

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