"Ich will mein Altern selbst bestimmen"

Okay, der Bauch ist super geworden. Aber was ist mit dem Rest? Warum es so schwer ist, nach einer Schönheitsoperation wieder damit aufzuhören.

Bei mir fing es mit dieser fiesen weichen Fettschlaufe an, die sich, so empfand ich es, über Nacht um meine 48-jährige, bis dahin jugendlich stramme Taille legte. "Das ist Kortisol, ein Hormon, das für die Fettbildung der Körpermitte zuständig ist. Nicht zu ändern, in Ihrem Alter ganz normal", sagte mein Frauenarzt, "damit müssen Sie sich leider abfinden." Wie es der Zufall wollte, saß ich ein paar Wochen später bei einem Abendessen neben einem gut aussehenden Gynäkologen, der sich jetzt auf "ästhetische Chirurgie" spezialisiert hatte. "Machen Sie auch Fettabsaugungen?", fragte ich. "Jeden Tag", antwortete er, "ich bin spezialisiert auf Brustimplantate und Bäuche."

Es muss der sehr gute Wein gewesen sein, auf jeden Fall machten wir am Ende des Abends folgenden Deal: Ich bekam die Fettabsaugung für die Hälfte (1500 Euro), dafür durften sechs Ärzte dabei zusehen, die dafür ein Zertifikat für zukünftige Fettabsaugungen bekamen. Du sparst 1500 Euro, redete ich mir gut zu, als ich coram publico nackt vor sechs fremden Männern und meinem "Absauger" stand, der mit einem dicken schwarzen Filzstift die Problemzonen markierte, mich anschließend lokal betäubte, auf den grell beleuchteten OP-Tisch verfrachtete, einen Schlauch rechts und links in mich hineinschob - und los ging's!

Mein Bauch war jetzt super, aber was war mit dem Rest?

Ich versuchte, mich zu entspannen, was etwas schwierig ist, wenn einen sechs ziemlich junge Männer dabei beobachten, wie ein siebter Kerl gelbrötliches Fett aus dem eigenen Bauch saugt. Drei Stunden später lag ich in einem engen schwarzen Kompressionsmieder im Krankenhausbett, aus meinen "Einschusslöchern" tropfte es, schmerzfrei zwar, aber etwas unappetitlich. Abends lag ich, immer noch tröpfelnd, auf einem auseinander geschnittenen Müllbeutel, denn unser Sofa war weiß und neu und ziemlich empfindlich. Zum Glück waren meine Kinder verreist, und mein Mann fragte, leicht angeekelt: "Na, hat sich's denn wenigstens gelohnt?"

Das konnte ich ihm eine Woche später mit einem überzeugten "Ja!" beantworten. Da konnte ich endlich wieder duschen und meinen schlanken Körper bewundern. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich keinen Bauch! Ich passte wieder in Hosen, aus denen ich vorher wie eine fette Bratwurst herausgequollen war. Sich mit 48 Jahren bäuchlings auf Teenieformat saugen zu lassen, in nur drei Stunden und mäßig schmerzhaft, das war für mich wie ein kleines Wunder. Mein Bauch war jetzt super, aber was war mit dem Rest? Statt glücklich fühlte ich mich wie jemand, der angefangen hat, eine leicht vergammelte Wohnung zu renovieren. Man fängt mit dem Wohnzimmer an, ist hochzufrieden. Aber alle anderen Zimmer wirken plötzlich umso schäbiger!

Ganz genauso ging es mir auch. Eine Unzufriedenheit setzte sich in mir fest wie ein hartnäckiger Virus. Ich hatte - schönheitsmäßig - nie das Rote Meer geteilt, aber ich hatte als "oberes Mittelmaß", so stufte ich mich realistisch ein, nie Probleme mit meinem Äußeren gehabt. Weil ich es für naturgegeben und damit unabänderlich hielt. Aber jetzt wusste ich, dass das nicht stimmte. Man konnte durchaus etwas tun, sogar viel und an praktisch allen Körperstellen. Meine Brüste, die ich vorher nicht weiter beachtet hatte, hingen jetzt vor meinem oberkritischen Auge dick und schwer an mir herunter. Im Vergleich zu meinem schlanken Bauch wirkten sie wie überdimensionierte, hässliche Abrissbirnen. Das richtige Stichwort: Abriss!

Mein Mann war nicht begeistert, als ich mir zu Weihnachten einen kleinen OP-Beitrag von ihm wünschte. "Ich liebe deine dicken Titten", sagte er, "ich möchte sie behalten." - "Aber ich nicht", rief ich, "sie stören das Gesamtbild, siehst du das denn nicht?" Mein Mann ist ein Lieber, mein Absauger hatte noch einen Termin frei, also ließ ich mir jeweils 450 Gramm aus jeder Brust entfernen, inklusive Anheben und Brustwarzenverkleinerung kostete mich der Spaß fast 5000 Euro, für den nächsten Urlaub war deshalb Zelten an der Ostsee angesagt. Da ich eine Nacht mit Drainagen im Krankenhaus verbrachte, musste ich meinen Kindern die Wahrheit sagen. "Du schnippelst deine Busen kleiner?", fragte mein achtjähriger Sohn entsetzt. "Warum?" Meine Tochter sagte nur: "Aber wenn ich ein Zungenpiercing oder eine Tätowierung will, rastest du aus, wo ist da bitte die Logik, Mami?" Sie hatte völlig Recht. Es gab keine Logik. Ich hatte keine Rückenschmerzen wegen meines Busens, er passte nur nicht mehr zu meinem abgesaugten Bauch.

Nur diese eine Schönheits-Operation noch, dann ist Schluss

Der übrigens rund sechs Monate so flach wie ein straff gespanntes Bettlaken blieb, dann schlüpften die ersten kleinen Dellen zurück. Vor einer Freundin, die ich eingeweiht hatte, zog ich mein T-Shirt hoch. "Na ja", meinte sie, "sieht ein bisschen so aus, als hättest du Cellulite am Bauch." Kein Problem, meinte mein Arzt, das korrigiere ich Ihnen kostenlos. Ich ging hin, hatte sechs Monate Ruhe, dann war mein Bauch wieder gedellt. Und da ich nach wie vor sehr gern esse, hatte ich, rund zwei Jahre nach der ersten Absaugung, auf Taille und Rücken das, was man in Fachkreisen "Tannenbaumfett" nennt. Ob ich? Heimlich am besten, ich hatte keine Lust, von meiner Familie berechtigterweise argumentativ an die Wand gestellt zu werden. Also wartete ich einen Familienbesuch bei meinen Schwiegereltern ab, zu dem ich sowieso keine Lust hatte, und ließ mir in einer zweistündigen Session meinen Tannenbaum absaugen.

Ich hatte ein etwas schlechtes Gewissen dabei, aber ich sagte mir, nur dieses eine Mal noch, dann ist Schluss. Mein Mann entdeckte das berüchtigte schwarze Kompressionskorsett in der Wäsche und machte mir eine Riesenszene. "Du bist ja süchtig", schrie er, "wenn du so weitermachst, siehst du irgendwann aus wie Melanie Griffith." Ich wies diesen Vorwurf weit von mir, aber innerlich musste ich ihm Recht geben. Mein Blick auf Menschen, besonders auf Frauen, war seit meinem ersten Eingriff deutlich kritischer geworden. Ich sah sie nicht mehr, wie sie waren, sondern, wie sie sein könnten. "Mutti, deine Schlupflider, also das ist ein ganz kleiner Eingriff", legte ich meiner empörten Mutter nahe, auch meine Freundinnen wurden von meinen Verbesserungsvorschlägen nicht verschont.

Ich sah keine Menschen mehr, ich sah nur noch Mängel. Behebbare Mängel. Furchen, Fettpolster, Falten. Vor allem natürlich bei mir. Diese tiefe Stirnfalte, das mir die nicht eher aufgefallen war! Für meine erste Botoxspritze musste ich leider den Arzt wechseln. Ich ging mit einer Freundin, die eine noch tiefere Stirnfalte beklagte. Die Spritze war kurz und schmerzhaft, für einen dauerhaften Erfolg, sagte der Arzt, der selbst ein botoxglattes Gesicht hatte, müssten wir alle sechs Monate kommen. Die optimale Wirkung würde sich nach zwei Wochen einstellen. In der Tat, nach ungefähr 14 Tagen war meine Stirnfalte so gut wie verschwunden. Super, dachte ich, das mache ich jetzt regelmäßig. Da rief mich meine Freundin an: "Seit heute Morgen seh ich doppelt", heulte sie, "ich war schon beim Augenarzt, aber der hat nichts gefunden. Morgen hab ich einen Termin bei einem Neurologen, vielleicht hatte ich einen Minischlaganfall."

Ich sah keine Menschen mehr, nur noch Mängel.

Hatte sie zum Glück nicht, nur ein kleines Botoxpech. "Kann passieren, Botox wandert manchmal, geht wieder weg", meinte der Arzt. Nun, es dauerte vier Wochen, bis sie nicht mehr doppelt sah und wieder Auto fahren konnte. Meine Freundin ging trotz dieser Panne sechs Monate später zu einer befreundeten Hautärztin, die ihr eine Botoxspritze für die Hälfte versprach. "Hat dein Mann dich verprügelt?", rief meine Freundin entsetzt, als die Ärztin mit einem hängenden Augenlid ins Behandlungszimmer kam. Hatte er nicht, aber auch bei ihr war das Botox gewandert. Meine Freundin verließ die Praxis und gab das Geld für ein Wellnesswochenende aus.

Und ich beschloss, dies als göttliches Zeichen zu sehen. Ich hatte einen ziemlich flachen Bauch, mein Busen gefiel mir ebenfalls, mein Gesicht würde ich in Ruhe altern lassen. Das bin ich auch meiner 15-jährigen Tochter schuldig, die mich kürzlich fragte: "Mami, kann ich mir Implantate machen lassen?"

Aufgezeichnet von Evelyn HolstFoto: Photocase
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