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Palliativmedizin: Die Angst vor dem Abschied


Was hilft, wenn bei Krankheit keine Heilung mehr möglich ist? Wenn das Ende absehbar ist? BRIGITTE WOMAN sprach darüber mit dem Berliner Palliativmediziner Dr. Christof Müller-Busch.

Brigitte Woman: Herr Müller-Busch, dies ist nicht mein Lieblingsthema. Ich weiß, es ist wichtig, über die letzten Dinge zu reden, aber, ehrlich gesagt, fürchte ich mich vor dem Ende.

Dr. Christof Müller-Busch: Ja, so geht es vielen. Woody Allen hat einmal gesagt: "Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber bei meinem Sterben möchte ich nicht dabei sein."

Brigitte Woman: Warum haben wir solche Empfindungen?

Dr. Christof Müller-Busch: Das Thema "Sterben" berührt viele Unsicherheiten. Wenn Sie Menschen nach den wichtigsten Erfahrungen in ihrem Leben fragen, erzählen sie oft von Situationen, die mit Abschied und Tod zu tun hatten. Der Tod ist etwas, was die Bleibenden prägt. Wie allerdings Sterben und Tod wirklich sind, wissen wir nicht, dieses Experiment steht uns ja allen noch bevor. Aber wir können und müssen uns mit dieser zum Leben gehörenden Gewissheit schon vorher auseinandersetzen.

Brigitte Woman: Aus dem 16. Jahrhundert stammt ein französisches Sprichwort: Heilen - manchmal. Lindern - oft. Trösten - immer. Die letzten beiden Punkte beschreiben, was Palliativmedizin heute macht. Warum hat es 400 Jahre gedauert, bis wir wieder daran denken, die letzte Lebensphase so würdig wie möglich zu gestalten?

Dr. Christof Müller-Busch: Sterben ist heute weniger ein natürlicher Prozess als früher, der nur vom Verlauf einer Erkrankung bestimmt wird. Durch die vielen Möglichkeiten der Medizin zur Lebensverlängerung sind Art und Zeitpunkt des Sterbens sehr stark von Entscheidungen abhängig geworden. Aber will man alles tun, was medizinisch möglich ist, um das Leben zu verlängern? Oder kann man in bestimmten Situationen auch darauf verzichten und versuchen, den Sterbeprozess so erträglich wie möglich zu gestalten? Früher hatte man diese Alternativen nicht.

Palliativmedizin: Die Grenzen des Lebens akzeptieren

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Brigitte Woman: Im Juni 2010 hat der Bundesgerichtshof einen Anwalt freigesprochen. Er hatte seiner Mandantin geraten, ihre seit Jahren im Koma liegende Mutter sterben zu lassen, indem sie die Magensonde durchschneidet. Manche halten dieses Urteil für einen Meilenstein in der Rechtssprechung zur Sterbehilfe. Sie auch?

Dr. Christof Müller-Busch: Nein, eigentlich nicht. Das Urteil ist eine Bestätigung dessen, was rechtlich schon lange bekannt ist, aber in Heimen und von manchen Ärzten nicht immer berücksichtigt wird. In der Palliativmedizin ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Wille und Wohl des Betroffenen im Mittelpunkt des Dialogs aller Menschen stehen, die ihn begleiten - auch wenn er sich krankheitsbedingt nicht mehr mitteilen oder aktuell nicht selbst entscheiden kann. Wenn alle Beteiligten gut miteinander kommunizieren, brauchen wir keine Methoden wie das Durchschneiden einer Magensonde.

Brigitte Woman: Immer mehr Menschen möchten selbst bestimmen, wie sie sterben. Sieben Millionen haben eine Patientenverfügung gemacht, mehr als 60 Prozent befürworten aktive Sterbehilfe. So nachvollziehbar das im Einzelfall ist - manchmal habe ich den Eindruck, wir gehen heute mit dem Ende unseres Lebens ähnlich "tüchtig" um wie mit dem Leben selbst. Wir wollen die Kontrolle behalten. Leid und Verzweiflung sind nicht vorgesehen. Steht hinter dieser Allmachtsfantasie nicht auch eine grandiose Verdrängung des Schreckens, den der Tod hat?

Dr. Christof Müller-Busch: Natürlich, Verdrängung weist ja darauf hin, dass einen etwas beschäftigt, was schwer auszuhalten ist. Wie schwierig dieses Thema ist, kann man an den emotional aufgeladenen Debatten über die so genannte aktive Sterbehilfe sehen. Auch bei Umfragen zu diesem Thema muss man genauer hinschauen. In einer Untersuchung der Psychologin Christina Schröder von der Universität Leipzig befürworteten zwar 60 Prozent der Befragten eine gesetzliche Regelung der aktiven Sterbehilfe, aber nur 20 Prozent würden die Tötung auf Verlangen auch für sich in Anspruch nehmen wollen. Zu einer Selbsttötung sind nur noch sechs Prozent bereit.

Brigitte Woman: Und dann kommt der Arzt ins Spiel...

Dr. Christof Müller-Busch: Warum wird das Töten in Form der aktiven Sterbehilfe, aber auch die Unterstützung des Suizids so selbstverständlich als eine ärztliche Aufgabe angesehen? Ich selbst habe Schwierigkeiten damit, den assistierten Suizid, wie er in der Schweiz und in den Niederlanden erlaubt ist, als eine therapeutische Option zu betrachten. Keine Todesart hinterlässt so viele Fragen wie ein Suizid, so nachvollziehbar er manchmal ist. Ein Suizid beendet zwar einen Konflikt, aber das zugrunde liegende Problem löst er nicht.

Brigitte Woman: Wie meinen Sie das?

Dr. Christof Müller-Busch: Keine andere Todesart wirft so viele Fragen nach dem Miteinander, nach Kommunikation und Versäumnissen in den Beziehungen auf. Es gibt keine Todesart, die so egozentrisch ist wie der Suizid. Wer sich umbringt, sieht nur sich selbst.

Brigitte Woman: Wie kommen Sie darauf?

Dr. Christof Müller-Busch: Ich erinnere mich an einen 94-jährigen Patienten, der trotz starker Schmerzen unbedingt und schnell nach Hause wollte, um seine 92-jährige Frau zu versorgen, die ebenfalls schwerkrank war. Der Patient übte täglich, sieben Stufen auf einer Treppe zu gehen. Und wir in der Klinik waren sehr stolz, als wir ihn entlassen konnten. Zwei Tage später erhängte er sich im Keller seines Hauses. Er musste dazu genau sieben Stufen hinuntergehen. Seine Frau blieb allein zurück. Und wir waren sehr betroffen, dass wir die soziale Situation dieses alten Ehepaares einfach nicht genug gesehen hatten.

Brigitte Woman: Sind es nicht ganz oft soziale Nöte, die alte oder schwerstkranke Menschen zur Verzweiflung bringen? Ich stelle es mir grausam vor, als Pflegefall völlig abhängig von der Hilfe anderer zu sein. Ist das die Folge einer absolut individualisierten Gesellschaft, dass uns nur ein autonomes Leben wünschenswert erscheint?

Dr. Christof Müller-Busch: Wir müssen auch lernen, zu akzeptieren, dass man im hohen Alter wieder abhängig wird und dass das nichts Negatives ist. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich meine Mutter einmal windeln und füttern würde. Sie wurde 96 Jahre alt und starb vor wenigen Wochen. Sie litt zuletzt sehr darunter, nicht mehr richtig orientiert zu sein. Aber es gab auch Momente, in denen sie ganz klar war. Dann merkte ich, wie sie sich schämte, dass sie nicht mehr die selbständige, kluge und tüchtige Frau war, die sie gewesen war. Der Verlust von Selbständigkeit und Autonomie und Gefühle von Scham spielen eine große Rolle dabei, dass die letzte Lebensphase von vielen als so belastend empfunden wird.

Loslassen heißt die Akzeptanz der Endlichkeit.

Brigitte Woman: Meine Mutter ist ebenfalls 96 Jahre alt. Auch sie muss sich wie ein Kind waschen lassen, weiß manchmal nicht, ob es Morgen oder Abend ist. Auch sie schämt sich, nur noch eine Last zu sein.

Dr. Christof Müller-Busch: Ja, das ist eine ganz schlimme Übergangsphase, wenn man merkt, wie hilfsbedürftig man ist, und dass man es nicht mehr ändern kann. Viele ältere Menschen denken dann: Ich muss es jetzt hinter mich bringen, ich bin meiner Familie schon viel zu lange zur Last gefallen. Der Psychiater Klaus Dörner hat einmal gesagt: Die Krankheit unserer Zeit ist, dass wir keine Bedeutung für andere haben. Für alte Menschen ist dieses Gefühl, eine Belastung zu sein, ein enormes Problem. Und die ganze öffentliche Diskussion über Rentenprobleme und zu viele Alte verstärkt das noch.

Brigitte Woman: Wir verkürzen die Dramatik des Sterbens gern mit dem lapidaren Satz: Man muss einfach loslassen. Aber wie kann man das Einzige, was man hat - das Leben -, einfach so loslassen?

Dr. Christof Müller-Busch: Loslassen heißt die Akzeptanz der Endlichkeit. Aus philosophischer Sicht ist es ein Glück, nicht ewig leben zu müssen. Im Alltag bedeutet loslassen, sich bewusst zu werden, dass man sich trennen muss. Aus solchen Situationen besteht ja auch das Leben.

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Brigitte Woman: Wenn es einfach wäre, gäbe es nicht den Todeskampf. Ist das nur ein körperlicher Vorgang?

Dr. Christof Müller-Busch: Nein, ich glaube, es ist vorwiegend die seelische Auseinandersetzung mit der Unerbittlichkeit des Todes.

Brigitte Woman: Und warum schläft der eine friedlich ein, und ein anderer quält sich?

Dr. Christof Müller-Busch: Das ist schwer zu sagen, aber es hat nichts mit Einsichten oder Weisheit zu tun. Ich habe Menschen gesehen, die sehr religiös waren und einen schweren Todeskampf hatten. Und ich habe eine junge Mutter erlebt, die ihren Tod mit großer Gelassenheit annehmen konnte. Aber im Allgemeinen hängen sehr alte Menschen weniger an ihrem Leben als Menschen, die noch von vielen gebraucht werden. Selbst in Sterbesituationen spielen Beziehungen eine wichtige Rolle.

Brigitte Woman: Zum Wesen der Palliativmedizin gehört es, die Familie in den Sterbeprozess mit einzubeziehen. Was sind die größten Probleme der Angehörigen?

Dr. Christof Müller-Busch: In der Konfrontation mit dem Sterben brauchen Angehörige auch Distanz, und der Sterbende braucht Nähe. Manche Angehörige halten es nicht aus, lange Zeit, manchmal Tag und Nacht bei dem Sterbenden zu sein. Sie werden dadurch selbst krank. Das ist nicht unbedingt tragisch. Denn Trauerarbeit beginnt schon vor dem Tod des anderen, und dazu gehört auch, an sich zu denken, Distanz zu finden. Angehörige dürfen und sollten, auch während sie einen Sterbenden begleiten, immer wieder etwas Gutes für sich tun und ohne schlechtes Gewissen Hilfsangebote in Anspruch nehmen. Nicht nur der Sterbende, auch der Angehörige muss lernen, loszulassen.

Zur Palliativmedizin gehört es, Angehörige mit einzubeziehen

Brigitte Woman: Wie geht man mit Schmerz und Trauer um? Belaste ich meine Mutter, wenn ich ihr meine Gefühle zeige? Wie war es bei Ihnen und Ihrer Mutter?

Dr. Christof Müller-Busch: Ja, das ist schon ein Problem. Bei uns war es eigentlich nicht so üblich, Gefühle zu zeigen. Gerade alte Menschen schwanken stark in ihren Gefühlen. Manchmal ging es meiner Mutter gut, aber häufig haderte sie auch. Das ist bei Ihrer Mutter wohl ähnlich. Wir halten die Gefühle anderer jedoch schwer aus, wenn es uns dabei schlechtgeht. Wenn meine Mutter unglücklich war, fiel es mir schwer, bei ihr zu sein. Zu einer guten Kranken- und Sterbebegleitung gehört es schon, Gefühle zuzulassen und zu versuchen, mit Gesten, Blicken oder Worten Gefühle zu kommunizieren. Man sollte es jedenfalls versuchen...

Brigitte Woman: Und wenn man selbst einen schlechten Tag hat?

Dr. Christof Müller-Busch: Auch das zu äußern sollte möglich sein. Angehörige stehen oft unter einem großen Druck. Einerseits kommen alte Konflikte hoch, auch Schuldgefühle, dass man sich nicht schon früher mehr gekümmert hat. Man möchte jetzt alles wiedergutmachen. Andererseits fühlt man sich überfordert. Ich glaube, man darf in schwierigen Situationen durchaus mal mit Ungeduld reagieren. Aber besser ist Humor.

Brigitte Woman: Die Auseinandersetzung mit dem Sterben macht also Beziehungen noch einmal intensiver?

Dr. Christof Müller-Busch: Ja. Was Angehörige bei der Begleitung eines Sterbenden erleben, gehört zu den wichtigsten Erfahrungen ihres Lebens. Dazu zählt auch, der Mutter, dem Mann, der Tochter alles zu sagen, was man noch mitteilen möchte. Erledigen Sie die letzten wichtigen Dinge miteinander. Das gilt übrigens auch für die Sterbenden selbst. Ein Beispiel: Wir hatten einmal einen Patienten, der das ganz große Bedürfnis hatte, seiner Frau auf dem Sterbebett zu sagen, dass er seit 20 Jahren eine Geliebte hatte. Nach diesem Geständnis war die Frau völlig erschüttert, aber später war sie sehr ruhig. Es wäre ja viel, viel schlimmer gewesen, wenn sie es nach seinem Tod erfahren hätte, sagte sie. Also war seine Entscheidung richtig.

Brigitte Woman: In Deutschland sterben jährlich 840000 Menschen. Die meisten würden am liebsten mit einer guten medizinischen Betreuung und im Beisein ihrer Angehörigen aus dem Leben gehen. Wir haben aber nur 300 Palliativstationen und Hospize. Warum gibt es nicht mehr öffentlichen Druck, um die Palliativmedizin zu fördern?

Dr. Christof Müller-Busch: Das Thema Sterben und Tod ist bei uns im Vergleich zu anderen Ländern immer noch ein großes Tabu. In London wurde schon 1967 das erste Hospiz gegründet, bei uns gab es erst 1983 die erste Palliativstation an der Universitätsklinik Köln. In Großbritannien sind in der Hospizbewegung 600000 Ehrenamtliche engagiert. Hier sind wir stolz auf 80000. Die Deutschen spenden immer noch eher für Tierschutzprojekte oder für die Rettung aus Seenot als für Hospize.

Brigitte Woman: Und mancher, der in dem Bereich arbeitet, wird ein wenig schräg angeguckt...

Dr. Christof Müller-Busch: So ist es. Aber diese Einstellung wird sich ändern. Die über 80-Jährigen sind die prozentual am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe. Da wird viel Hilfe benötigt werden. In der Altersmedizin spielt der palliative Ansatz eine große Rolle. Inzwischen wird in Alters- und Pflegeheimen schon sehr darauf geachtet, welche Lebensgeschichte ein Patient hat, unter welchen Beschwerden er leidet und was er braucht, um sich wohl fühlen zu können.

Brigitte Woman: Und wenn jemand keinen Platz in einem Heim oder Hospiz hat und zu Hause betreut wird?

Dr. Christof Müller-Busch: Nicht jeder alte Mensch braucht eine spezielle palliative Behandlung, aber jeder braucht eine gute Begleitung. 70 bis 80 Prozent der alten oder kranken Menschen könnten bis zuletzt zu Hause sein, wenn wir neben der stationären auch eine gute ambulante Palliativversorgung und Hospizbegleitung hätten.

Brigitte Woman: Was ist dafür nötig?

Dr. Christof Müller-Busch: Jeder Arzt sollte über Vorsorgeplanung, Grundlagen der Schmerztherapie und Entscheidungsprobleme am Ende des Lebens - auch im Gespräch mit den Angehörigen - Bescheid wissen. Die Medizin muss noch eine Menge lernen über die körperliche, psychische, soziale und spirituelle Begleitung eines Sterbenden. Wir alle müssen lernen, damit umzugehen, dass das Leben Grenzen hat. Und die Medizin und wir Menschen auch.

Palliativmedizin

Palliativmedizin (Palliative Care) soll durch ganzheitliche Herangehensweise die Lebensqualität von Patienten mit unheilbaren Krankheiten, deren Lebenserwartung begrenzt ist, verbessern. Dabei soll Schmerztherapie das Leiden so weit wie möglich lindern. Und die Behandlung belastender körperlicher, seelischer und psychosozialer Probleme soll den Patienten und ihren Angehörigen bei der Bewältigung der Krankheit helfen und ein erträgliches Sterben in Würde ermöglichen.

Professor Dr. Christof Müller-Busch, 67 Jahre, hat als Chefarzt für Anästhesie mit dem Schwerpunkt Schmerztherapie von 1995 bis 2008 am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin eine Palliativstation geleitet. Er ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin und Mitglied der zentralen Ethik-Kommission bei der Bundesärztekammer.

Interview: Regina Kramer Fotos: Manuel Krug

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